Langsam beginnt es zu kribbeln, bei jedem Gedanken schießt der Puls noch ein paar Schläge höher, Nervosität macht sich breit… Der Tag, auf den man das ganze Jahr hin trainiert hat, steht unmittelbar bevor und man muss sich eingestehen: Jetzt kann man mit Training nicht mehr viel  ausrichten – die Form ist wie sie ist, das Gewicht auch, weil Fasten wäre jetzt ein Schuss ins Knie – also Augen zu und durch. Als Außenstehender kann man kaum nachvollziehen, was in den Köpfen der Teilnehmer vorgeht, doch wer schon einmal am Start des Ötztaler Radmarathons stand, der weiß es!

Heute sprechen wir mit jemand, der diese Situation auch sehr gut kennt – schließlich hat der den Ötztaler zwei mal gewonnen und noch viele andere Marathons in den Alpen – Stefan Kirchmair. Wer den smarten Tiroler kennen lernt, weiß sofort – er lebt den Radsport wie kaum eine anderer! Nicht umsonst hat er schon während seiner aktiven Zeit die Trainerlaufbahn eingeschlagen, um seine Erfahrungen an Hobbysportler weiter zu geben. Inzwischen hat Kirchmair die staatliche Trainerprüfung in der Tasche und bereitet Jahr für Jahr einen erlesenen Kreis an Hobbysportlern für den Ötztaler Radmarathon vor. Sie alle kommen in den Genuss seiner Expertisen, werden von ihm das ganze Jahr gecoacht, fahren gemeinsam auf Trainingslager, bestreiten bestimmte Vorbereitungsrennen, erkunden im Vorfeld die Strecke des Ötztalers und können sich nicht nur am Renntag auf die Erfahrung und das Netzwerk des Marathon-Profi verlassen.

Seit 2 Jahren hat Kirchmair sein Rennrad an den Nagel gehängt und gegen einen bequemen Cyclocrosser getauscht, mit dem er nun seine gecoachten Sportler bei den verschiedenen Events begleitet. Top-Fit sieht er immer noch aus und das muss er wohl auch sein, nachdem er mal locker an der Labestation anhält um seine Leute zu versorgen oder zwischen verschiedenen Gruppen hin und her pendelt, um den Überblick zu behalten. Nebenbei unterhält er sich noch prächtig mit Fahrern wie mir, während die anderen nur noch zuhören und seine Tipps umsetzen können. Für mich war es eine gute Gelegenheit, Stefan so knapp vor dem Ötztaler mal zu fragen, was es denn nun zu beachten gilt, wie man die antrainierte Form am Tag X auf die Straße bringt und was man in den letzten Tagen alles falsch machen kann.

Stefan, was lässt du deine Sportler in den letzten zwei Wochen vor dem Ötztaler trainieren? Ab wann reduzierst du den Umfang und kann man so knapp vor dem Rennen noch an Leistung zulegen?

Das kommt sehr stark auf den Sportler drauf an, auf seine Regenerationsfähigkeit, Motivation aber vor allem auf die Trainingserfahrung und sein Training in den letzten Wochen. Einsteiger brauchen mehr Erholung, erfahrene Fahrer können noch 2-3 Tage länger trainieren, bevor sie mit der Erholungsphase = Tapering beginnen. Eben abhängig von diesen Faktoren sind es dann 10-14 Tage, in denen der Umfang reduziert wird und sich der Körper voll erholen kann. Durch Training lässt sich in dieser Zeit kein nennenswerter Fortschritt mehr erzielen, aber durch die Erholung sehr wohl! Wichtig ist nur, dass man sich nicht faul auf die Couch legt. Der Organismus muss in Schwung bleiben und auch mental ist es wichtig „am Ball“ zu bleiben – ein schmaler Grat also.

Mental am Ball bleiben – das klingt einfach… doch erfahrungsgemäß ist die Nervosität doch das große Thema der meisten Ötztaler – Starter, oder?

Ja, das stimmt leider – die meisten machen sich viel zu viele Gedanken. Sei es, ob sie die Strecke überhaupt schaffen, ob sie ihre Zielzeit erreichen, was sie essen und trinken sollen, was sie anziehen  sollen, wie sie ihre An- und Abreise organisieren, was Frau und Kinder während dem Rennen unternehmen… tausend Dinge, mit denen sich der Sporter am besten gar nicht belasten sollte. Das ganze Jahr über arbeite ich mit meinen Sportlern daran, ihnen diese Nervosität zu nehmen und eine gewisse Routine zu vermitteln. Bei Vorbereitungsrennen lernen sie mit der Anspannung umzugehen, können all diese Faktoren testen, aus ihren Fehlern lernen und analysieren, um beim Ötztaler dann alles richtig zu machen.

Wenn man dich beobachtet am Ötztaler, dann machst du aber wesentlich mehr, als „nur“ deine Sportler zu begleiten?

Ja das stimmt. Ich übernehme dort die komplette Logistik – angefangen von der optimalen Unterkunft, Rahmenprogramm, eigenen Labestationen bis hin zu gemeinsamen Aktivitäten der Begleitpersonen. Ich versuche es den Sportlern so einfach wie möglich zu machen, so dass sie sich nur auf sich selbst und das Rennen konzentrieren können. Viele finden im Lauf des Jahres auch ähnlich starke Fahrer, mit denen sie dann gemeinsam fahren uns sich gut ergänzen. Durch die vielen gemeinsamen Events kennen sich beim Ötztaler schon alle untereinander und das macht vieles einfacher.

Und das alles bietest du nur für deine betreuten Sportler an?

Nein, inzwischen haben wir so viel Freunde und Bekannte in der Marathonszene denen wir noch aushelfen, dass es wie eine große Familie geworden ist. Viele Sportler, Vereine und Clubs sprechen mich an, ob ich ihnen helfen kann und das mache ich auch gerne! Da zählt für mich nicht, in welchem Trikot derjenige fährt oder ob er bei mir einen Trainingsplan gebucht hat oder nicht. Man hilft wo man kann und vom ein oder anderen bekommt man irgendwann mal einen Gefallen zurück. Und wenn nicht, ist es doch auch ok – Hauptsache man hat zusammen Spaß am gemeinsamen Hobby!

Was kannst du den vielen Startern des Ötztalers noch mit auf den Weg geben?

Oh, das sind viele Punkte! Ich schreibe gerade eine Art Lexikon darüber – quasi eine komplette Radsport-Saison in einzelnen Kapiteln. Leider wird das bis zum heurigen Ötztaler nicht mehr ganz fertig aber vielleicht dann für den nächsten! *lacht* Scherz beiseite: Das wichtigste ist es, keine Experimente zu machen. Möglichst alles sollte im Training und bei Vorbereitungswettkämpfen erprobt worden sein, denn nur mit der mentalen Sicherheit, kommt man gut an den Start. Von da an läuft alles von alleine – wie gut, das ist dann fast nur noch abhängig von der Tagesverfassung und der Willenskraft des Sportlers, das Fundament dazu legt er bereits in der Vorbereitung und im Training und eben in der mentalen Vorbereitung.

Gibt es denn keine speziellen Tricks für die letzten Tage?

 Doch, die gibt es zur Genüge! Ich versuche gerade, die wichtigsten Punkte aufzubereiten und auf meiner Homepage zum Download zur Verfügung zu stellen. Für dieses Interview wäre das vermutlich viel zu viel. Nicht alles funktioniert bei jedem gleich, aber als Empfehlung sollten diese Punkte durchaus gut geeignet sein. Das wichtigste ist es einen kühlen Kopf zu bewahren – schließlich ist der Ötztaler „nur“ eine lange Radausfahrt mit 3,5 Bergen und 230 Kilometern. *lacht* Also keine unlösbare Aufgabe, wenn man sich gezielt darauf vorbereitet hat und vor allem mental gut darauf eingestellt ist. Genau das versuche ich meinen Sportlern das ganze Jahr hindurch zu vermitteln und die meisten nehmen das sehr gut an.

Wie sieht dein Fahrplan bis zum Ötztaler aus?

Wir haben ja gerade die Ötztaler Generalprobe hinter uns, da fahren wir immer am ersten August-Wochenende die Strecke in 2 Tagesetappen ab mit einem abendlichen Vortrag und natürlich vielen Tipps entlang der Strecke. Zwei Wochen vor dem Ötzi liegt dann immer der Highlander Radmarathon im Vorarlberger Hohenems, der von der Topografie her ideal als letzter Formtest vor dem Ötztaler ist. Danach wird der Umfang reduziert und am letzten Wochenende noch die Wendelsteinrundfahrt in Rosenheim mit 3 verschiedenen Strecken für jeden Geschmack gefahren als kulinarisches und gesellschaftliches Highlight. Hier für habe ich auch noch Startplätze übrig.

Und das Programm für den Ötztaler?

Am Ötztaler selbst sind wir ab Freitag vor Ort, verfolgen den Start der Profis und fahren selber eine Runde am Nachmittags. Abends ist dann der Zieleinlauf und danach unsere PRO Ötztaler Afterrace Party, zu der wir alle ganz herzlich einladen. Dort gibt es auch die Infos zum weiteren Programm beim Ötztaler, zu den Labestationen und auch zu den Events in 2018. Am Samstag schlafen wir aus, gehen locker radeln, erkunden die EXPO und genießen die Atmosphäre in Sölden, bevor Abends noch üppig aufgekocht wird und nach dem Fahrerbriefing geht es dann früh ins Bett. Am Sonntag fallen wir praktisch in den Startblock, denn unser Quartier liegt genau am 1. Startblock – also sparen wir uns das lange warten in der Kälte und rollen gemeinsam los, schirmen uns etwas ab, um sicher nach Ötz zu kommen. Am Kühtai warte ich und verschaffe mir einen Überblick um dann zu versuchen, eine möglichst große Gruppe für die Auffahrt zum Brenner zu organisieren. Ab Sterzing muss dann jeder sein Tempo fahren und ich lasse mich sukzessive zurückfallen mit letzten Tipps.

Ab da ist dann jeder auf sich allein gestellt?

Ja, bis auf ein paar kleinere Gruppen, die bewusst zusammenbleiben, fährt ab Sterzing jeder sein eigenes Rennen, wobei man eigentlich immer die gleichen Leute um sich herum hat. Unsere Betreuer versorgen uns so gut sie können und dann kann eigentlich nicht mehr viel schief gehen! *lacht* Im Ziel sieht man sich dann wieder und nach dem ersten Endorphinrausch lassen wir diesen hoffentlich genialen Tag bei der Siegerehrung gemeinsam Revüe passieren. Schließlich fahren ja bei mir nicht alle in 8-9 Stunden die Runde und wir warten bis auch der letzte hoffentlich unfallfrei das Ziel erreicht. Es sind viele dabei, die es etwas gemütlicher nehmen, oder auch gar nicht am Rennen selbst teilnehmen. Trotzdem kommen sie nach Sölden, um ihre Kameraden zu unterstützen und die Stimmung zu genießen und das macht mich schon stolz, die Rahmenbedingungen für solche Freundschaften bieten zu können.

Nach dem Ötzi ist dann vor dem Ötzi?

Nach dem Ötztaler wird schon noch weiter gefahren – es wäre fatal, das Rad in den Keller zu stellen und die Füße hoch zu nehmen. Darum wird bewusst und nach Plan „abtrainiert“, bevor es im Oktober oder November in die wohlverdiente Trainingspause geht. Bis dahin gibt es noch einige gemeinsame Ausfahrt wie zum Beispiel den Vorgeschmack auf die Rad WM 2018 in meiner Heimatstadt Innsbruck. Am deutschen Nationalfeiertag, dem 3. Oktober treffen wir uns fast schon traditionell zu unserem Saisonausklang beim größten deutschen Charity-Radevent – dem Lila Logistik Charity Bike Cup, der heuer in Lorsch am Main ausgetragen wird. Dort ist alles vertreten, was im Radsport Rang und Namen hat und auch ich habe die Ehre, eines der Teams als Kapitän über die Strecke zu führen. Danach geht es in eine kurze Pause und spätestens ab November wird wieder fleißig trainiert. KICK OFF ist dann auch wieder ein Charity-Event: der 12h Spinning-Marathon im Happy Fitness in Innsbruck am 11. November. Weitere Events in 2018 findet ihr dann in Bälde auf der Homepage.

Lieber Stefan, wir bedanken uns für deine ausführlichen Schilderungen und wünschen dir und deinen Sportlern gutes Gelingen beim Ötztaler und allen weiteren radsportlichen Aktivitäten!

Apropos: wie vorfolgt man diese Aktivitäten denn am besten?

Bitte Gerne! Für Fragen bin ich gerne zu erreichen – am besten über das Kontaktformular meiner Homepage oder mein privates Facebook-Profil. Um an Infos zu Events und zum Coaching zu kommen, habe ich mir einiges Einfallen lassen:

  1. klickt euch in unsere Facebook-Community, da posten wir viele Neuigkeiten
  2. liked und/oder abonniert die Kirchmair Coaching Seite – dort sind alle Events zu finden
  3. meldet euch zum Newsletter an. So sollte man eigentlich nichts mehr verpassen!
  4. klickt euch in unseren STRAVA-Club
  5. Ganz neu und schon auf der Überholspur – die App Cyclique für gemeinsame Touren – cooles Ding!!

Ich wünsche allen Startern viel Erfolg beim Ötztaler – schaut bei unserer Party vorbei und sprecht uns an – ich würde mich freuen einige Leser dieses tollen Blogs kennen zu lernen. Meine Tipps helfen euch hoffentlich gut über die letzten Tag und bei Fragen meldet euch einfach.

Bis bald im Ötztal, euer Stefan