Seit meinem Sturz während einer Bergabfahrt mit leider schwersten Verletzungen, habe ich teilweise wirklich Angst vor Bergabfahrten. Gerade im letzten Jahr, als ich erstmalig an der Tour Transalp teilnahm, wurde mir das erst recht bewusst. Nach einer Woche in den Alpen und den Dolomiten habe ich dann aber letztendlich langsam aber sicher mein Selbstbewusstsein bei Bergabfahrten wiederbekommen.

Ich erinnere mich noch genau an die erste Abfahrt am Kühtai, sie war geprägt von verkrampfter Muskulatur, flachem Atem, Herzklopfen und ein tiefes Unwohlsein in der Bauchgegend, während die Anderen scheinbar völlig entspannt und dabei auch noch schnell und sicher die kurvige Abfahrt bewältigten.

Sieht so auch deine
Realität beim Bergabfahren aus?

Stöbert man in Rennrad-Foren, entdeckt man schnell, dass man damit gar nicht so alleine ist: sehr viele Rennradfahrer und -innen spüren beim Bergabfahren Angst, bis hin zu totalen Blockaden. Die Gründe hierfür reichen von einer allgemeinen Unsicherheit beim Fahren bis hin zu Nachwirkungen eines schweren Unfalls, so wie es bei mir der Fall war.

Aber was soll ich hier noch weiter über mich schreiben. Gott sei Dank hat man ja durch ilovecycling.de mittlerweile einige Kontakte im Sportbereich und so wendete ich mich an Eva Helms, die eine fundierte Ausbildung als Sport Mental Coach erfolgreich abgeschlossen hat, und gerne Ihr Wissen auch auf ilovecycling.de weitergibt.

Ich habe mich lange mit Eva über das Thema austauschen dürfen und möchte Euch nun einige Tipps von Eva mit auf den Weg geben:

Der häufig erteilte Rat „schalt einfach den Kopf  aus und lass rollen!“ ist zwar gut gemeint, kann aber leider nicht viel helfen: das Gefühl von Angst läßt sich nicht mit einem einfachen Gedanken ausschalten. Ein viel erfolgsversprechender Weg führt über das Verständnis der Vorgänge im Kopf. Daraus ergeben sich trainerbare Methoden für ein selbstbewussteres Bergabfahren mit dem Rennrad.

Was passiert bei Angst
in meinem Kopf ?

Deine körperlichen Reaktionsmerkmale sind ein ganz natürlicher Vorgang! Dein Gehirn hat die aktuelle Situation als unbekannt und potenziell bedrohlich eingestuft und bereitet dich daher blitzschnell darauf vor, dich stark zu machen für den Kampf….oder die Flucht. Das ist ein urzeitliches Überbleibsel. Mit gezieltem mentalen Training kannst du lernen, dein Gehirn quasi „auszutricksen“ – und so bekommst du die Angst in den Griff.

Tip Nr. 1:
Atme!

Achte mal darauf: bevor du eine schwierige Aufgabe angehst, atmest du bestimmt bereits unbewußt einmal gaaaaanz tief durch – und ebenso kann die Atemkontrolle bei der Ausführung einer schwierigen Bergabpassage sehr gut helfen: tief und bewußt in den Bauch zu atmen, versorgt nicht nur die Muskulatur mit dem benötigten Sauerstoff, sondern entkrampft auch die Schultern und lenkt die Aufmerksamkeit in die Körpermitte, dorthin, wo du beim Fahren stabil und ruhig sein solltest.

Tip Nr. 2:
schau dahin,
Wo es hingehen soll!

Lenke als nächstes deine Aufmerksamkeit auf deine Blickführung, ganz besonders in den Kurven: wir schauen meist genau dahin, wo die Gefahr lauert anstatt dorthin, wo es hingehen soll: nämlich zunächst Richtung Kurvenmitte, dann Richtung Kurvenausgang…probier es aus, es ist ein echtes Zaubermittel für ein entspanntes um-die-Kurven-kommen.

Tip Nr. 3:
positive Anweisungen
an dich selbst!

Begleiten dich beim Bergabfahren Gedanken wie: „bloß nicht stürzen“, „jetzt hier in der Kurve nicht ins Rutschen kommen“, „ich muss aufpassen, dass ich nicht zu schnell werde“…?

Diese Formulierungen sind zwar inhaltlich natürlich richtig, führen dich aber häufig zu genau dem Verhalten, welches du gerade vermeiden wolltest.

Warum ist das so?

Das menschliche Gehirn verbraucht sehr viel Energie und ist deshalb stets darauf bedacht, sparsam mit seinen Ressourcen umzugehen.

Wenn ich dich jetzt bitten würde, NICHT an einen rosa Elefanten zu denken, passiert Folgendes: dein Gehirn sucht zunächst nach Bildern, Gedanken, Erinnerungen zum Thema rosa Elefant – schon denkst du also an ihn! Erst in einem zweiten Arbeitsschritt erfolgt dann die Verneinung. Und das bedeutet doppelte Rechenleistung, zu einem Zeitpunkt, in dem du sowieso gerade besonders unter Stress stehst. Aus diesem Grund wird der Versuch „jetzt NICHT zu verkrampfen“ mit einiger Wahrscheinlichkeit mißlingen.

Erleichtere dir also die Arbeit, indem du dich auf deine Ziele konzentrierst, anstatt auf das, was du nicht willst: gib dir selbst klare und kurze Handlungsanweisungen,  z.B. „Blick voraus“, „Schultern locker“,

„ Innenpedal hoch“, „Bremse loslassen“…. du wirst sehen, das funktioniert! Dein Denksinn ist beschäftigt, es ist keine Zeit mehr für negatives Erleben.

Damit hast du drei leicht verständliche und umsetzbare Mentaltechniken an der Hand, um dir selbst zu mehr Mut und Selbstvertrauen beim Bergabfahren zu verhelfen.

Nur eins noch zum Schluß: erwarte keine sofortigen Wunder!

Mentaltraining ist fleissiges Training deiner mentalen Techniken und macht dich mit der Zeit stark und selbstbewußt – und das Beste daran: du kannst diese Methoden natürlich auch in jeder anderen herausfordernden Situation im Alltag anwenden.

So, Eva und auch meine Wenigkeit hoffen, Euch mit diesem Artikel eine Möglichkeit aufgezeigt zu haben, um die Angst vor Bergabfahrten mental ein wenig besser in den Griff zu kriegen.

Sollte Euch das Thema “Mentale Stärke im Ausdauersport” noch weiter interessieren und Ihr mehr Infos haben wollt, so besucht doch gerne die Webseite von Eva Helms unter:

www.sportmentalcoaching-rueckenwind.de

Bildnachweise:
© Tour Transalp – Uwe Geissler (Mehr zur Tour Transalp: tour-transalp.de)
© NikonSteff + Dušan Zidar + meskolo (AdobeStock)

JÖRG LACHMANN
Ich bin ein kreativer, konzeptionsstarker und querdenkender Vollprofi in allen Bereichen des On- und Offline-Marketings (B2B/B2C) . . . und somit (wie wohl auch nicht anders zu erwarten) beruflich als Marketing- und Vertriebsleiter bei der Firma CarbonSports (Lightweight) angestellt. Da ich schon seit vielen Jahren dem Hobby Radsport verfallen bin, habe ich mich im April 2014 dazu entschlossen, das Online-Magazin "ilovecycling.de" mit „Herz” und vielen nützlichen Themen, Infos, Tipps und Tricks rund um den Hobby- und Jedermann-Radsport ins Leben zu rufen . . . und das alles ohne jegliches finanzielles Interesse! ;-)

6 KOMMENTARE

  1. Danke für diesen Artikel. Ich hab gemerkt, dass Probieren meist über Studieren geht. Je öfter man das Abfahren übt, umso weniger bedrohlich erscheint die Situation nach einer gewissen Zeit! Das Selbstgespräch habe ich interessanterweise von mir aus schon richtig gemacht. Trotzdem gute Hintergrundinfos!

  2. Super Artikel, spricht auch mir als Mountainbiker und vor allem Skifahrer aus der Seele. Ich sehe mich mit zunehmendem Alter leider immer häufiger mit diesen Ängsten konfrontiert. Ich werde diese Techniken sofort im Steilhang auf den nächsten Pisten ausprobieren, Danke für die Tipps!

  3. Cooler Artikel. Die beschriebenen Techniken funktionieren auch gut bei Prüfungsvorbereitungen, um einen kühlen Kopf zu bewahren, ganz besonders die Atemtechnik. Die Ratschläge sind absolut auf andere Lebensbereiche übertragbar. Was mich nur wundert, ob sich Peter Sagan auch denkt “jetzt nicht bremsen”, oder ob der prinzipiell vergessen hat, dass er Bremsen hat :-P.

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