Das ist eine Frage, die man sich früher oder später als ambitionierter Radfahrer oder Triathlet stellt. Meine Antwort als Coach lautet: Jein. Das kommt drauf an. 

Zunächst mal kostet eine Leistungsdiagnostik zusätzliches Geld. Wenn die Diagnostik gut gemacht wird, kann sich die Investition aber lohnen. Und genau hier fängt meine Kritik am Thema an.

Um ehrlich zu sein, ist das auch einer der Hauptgründe, warum ich mich als Coach lange dagegen gesperrt habe, selber Leistungsdiagnostik anzubieten. Als Sportjournalist und aktiver Athlet bin ich früher regelmäßig in den Genuss gekommen, mich im Labor zu quälen.  Und zwar bei verschiedenen Anbietern im Kölner Raum.

Breits damals ist mir aufgefallen, dass es offenbar keine einheitlichen Standards für Leistungsdiagnostik gibt. Es fängt schon damit an, dass man sich für eine Methode entscheiden muss. Mache ich lieber einen Laktattest oder eine Spirometrie? Oder besser beides? Und in welcher Disziplin mache ich die Diagnostik?

Beim Laufen kann man die Analyse auf der Laufbahn oder auf dem Laufband absolvieren. Radfahren findet dagegen fast ausschließlich im Labor statt. Da ich sowohl Lauf als auch Rad-Diagnostiken machen durfte, wurde recht schnell klar, dass man die Erkenntnisse aus einer Disziplin nicht auf eine andere übertragen kann. Vergiss also direkt die Aussage: Laufen 10 Schläge mehr als beim Radfahren. Das kann passen, muss es aber nicht.

Nächste was mich stutzig gemacht hat, sind die verschiedenen Protokolle der Anbieter. Obwohl fast alle einen typischen Stufentest eingesetzt haben, steigerte ein Anbieter alle 3, ein anderer alle 4min und der nächste alle 5min die Belastung. Auch die Schritte in denen gesteigert wurde unterschieden sich deutlich. 

Ohne jetzt zu sehr ins Detail zu gehen: Sowohl Stufenlänge als auch die Höhe der Leistungssteigerung können Einfluss auf die Analyse haben. Dazu kommt dann beispielweise, dass es über 20 Interpretationsmodelle gibt, um einen Laktatstufentest auszuwerten. Jedes Modell mit einem anderen Schwellenkonzept.

Ich will damit nicht sagen, dass die Modelle alle zu völlig falschen Ergebnissen kommen. Aus wissenschaftlicher Sicht fehlt hier jedoch klar die Vergleichbarkeit. Und das ist ein entscheidender Punkt.

Als Coach habe ich bisher keine eigene Diagnostik angeboten, sondern auf praxisnah Leistungstest wie einen 10km Lauf oder einen FTP-Test gesetzt. Der Vorteil: Diese Test kannst du gratis absolvieren und sie geben dir ein realistisches Bild von deiner aktuellen Leistungsfähigkeit an der anaeroben Schwelle.

Mit einem FTP-Test kannst du deine Trainingsbereiche ermitteln und regelmäßig deine Entwicklung im Training dokumentieren. Allerdings macht ein FTP-Test nicht alles sichtbar. Im Grunde kannst du nur in etwa deine Schwellenleistung abschätzen. Du erfährst aber nicht, wie sich deine Energiebereitstellung unterhalb deiner anaeroben Schwelle zusammensetzt. 

Im Klartext heißt das:

Du kannst ungefähr abschätzen, wo dein Grundlagenbereich liegt., weißt aber nicht, ob du dabei mehr Kohlenhydrate oder Fette verbrennst. Für den Trainingsreiz ist das auch erstmal unerheblich, aber für die Planung von Pacing- und Fuelingstrategien bei langen Rennen ist es entscheidend.

Entsprechend wollen es viele meiner Athleten genauer wissen. Da sich meine Athleten dank Online-Coaching aber nicht mehr auf den Kölner Raum konzentrieren, sondern über das gesamte Bundesgebiet und die Schweiz verteilen, bekomme ich regelmäßig Leistungsdiagnostiken von den unterschiedlichsten Anbietern aus dem D-A-CH-Raum zu sehen. 

Anbieter können Sportwissenschaftler, Trainer und Sportmediziner sein.

Und mit der Vielfalt der Anbieter hat sich auch für mich die Vielfalt der Modelle, Protokolle und Methoden gesteigert. Ich lehne mich nicht besonders weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass ich noch nie zwei vergleichbare Analysen in den Händen hatte.

Zu unterschiedlich sind die genutzten Schwellenmodelle, die Interpretation der Daten und die daraus resultierenden Trainingsempfehlungen. 3 Zonen, 5 Zonen, 7 Zonen – zusätzlich erschwert wird die Angelegenheit dadurch, dass es weder national noch international einheitliche Trainingsmodelle gibt.

Das gilt sowohl für einzelnen Disziplinen als auch innerhalb der Sportarten. Bei einem Anbieter heißt es GA1, bei einem anderen extensive Ausdauer oder Zone 2. Manchmal beginnt der Entwicklungsbereich im Schwellenbereich, mal ist er darüber. Teilweise habe ich auch schon sehr widersprüchliche Definitionen gesehen. 

Da werden beispielsweise extensive Intervalle in einer Intensität empfohlen, die ich nach Einsicht der Daten durchaus als intensiv bezeichnen würde. Um es kurz zu machen: Auch hier fehlen mir die Vergleichbarkeit und einheitliche Definitionen. 

Da ich meine Athleten dennoch meine eigenen Leistungstest absolvieren lasse, kann ich die Diagnostikwert ja auch damit vergleichen. Oft decken sich meine Einschätzung und Prognosen mit den Analysen. Manchmal kommt aber was ganz anderes heraus, was mir nicht schlüssig vorkommt.

Im obigen Beispiel kommt ein Sportmediziner zu dem Ergebnis, dass sich die anaerobe Schwelle meines Athleten auf dem Rad bei 167 Watt befinde. Und das bei einer ermittelten relativen VO2max von 52ml/mmol. Auch wenn ich berücksichtige, dass mein Sportler relative leicht ist, passen eine 50er VO2max und eine so niedrige Schwellenleistung nicht zusammen. 

Das passt nicht ins Bild.

Im Dezember hat mein Athlet bei einem Test 10min lang eine Durchschnittsleistung (AvgP) von 247 Watt gehalten. Auf dieser Basis würde ich seine FTP eher bei 215 Watt einordnen. 

Wie kann es zu so einer Diskrepanz kommen? Es gibt zwei mögliche Antworten: Zum einen kann es auch bei medizinischen Diagnostiken zu Messfehlern kommen. Zum anderen – und das halte ich für wahrscheinlicher – muss man sich anschauen, auf welchen Ergometer oder mit welchem System die Diagnostik absolviert wurde. 

Die meisten Rad-Ergometer und Wattmesssysteme sind nicht geeicht. Damit die Daten aus dem Labor mit denen auf dem eigenen Rad vergleichbar werden, muss man das also miteinander abgleichen. Idealerweise absolvierst du deine Leistungsdiagnostik auf deinem eigenen Bike, dann hast du auch direkt die Abweichung zwischen Ergometer und einem Wattmesser und kannst die Werte direkt anpassen und nutzen. 

Ein weiteres Argument …

… für dein Bike ist das Thema Sitzposition. Wie du auf dem Rad sitzt, kann erheblichen Einfluss auf deine Leistung haben. Es macht auch einen Unterschied, ob du deine Tests in Aeroposition oder in Oberlenkerposition absolvierst. In Aeroposition liegen die Werte idR etwas niedriger, weil die Kraftübertragung nicht optimal ist. 

Für die Praxis bedeutet das: Wenn du mehrere Tests im Jahr absolvierst, würde ich empfehlen, dass du diese auf dem Rad absolvierst, auf dem du bis zum nächsten Test die meiste Trainingszeit verbringst. Im Winter also tendenziell eher das Rennrad und ab Frühjahr dann der Wechsel aus Tribike.

Spätestens den letzten Test vor deinem Hauptwettkampf würde ich auf jeden Fall mit dem geplanten Wettkampfrad in der Wettkampf-Sitzposition absolvieren, um verlässliche Werte für dein Pacing-Strategie zu bekommen.

Sei nicht enttäuscht, wenn du in Aero-Position etwas weniger Leistung bringst. Entscheidend ist nicht die Höhe deiner FTP, sondern dass du deine Pacing-Strategie in Relation zu deiner aktuellen Leistungsfähigkeit in der gewünschten Sitzposition bekommst.

Im Grunde reicht für die meisten hierfür ein simpler FTP-Test aus.

Wenn es für dich jedoch auf die langen Distanzen wie Ironman oder Radmarathon geht, macht jetzt eine etwas ausführlichere Diagnostik Sinn, um deine Pacing- und Fueling-Strategie genauer auszuarbeiten. 

Allerdings brauchst du dafür eine Diagnostik, die dir mehr als deinen Schwellenwert oder deine VO2max verrät. Deshalb habe ich mich dazu entschieden, ab diesem Jahr auf die Software von INSCYD zu vertrauen. 

Mit deren Power Performance Decoder kannst du deine Diagnostik ortsunabhängig auf deinem eigenen Bike mit deinem Wattmesser absolvieren. Du fährst einfach eine Reihe von Testintervallen und lässt die Daten von der derzeit modernsten Analyse-Software auf dem Markt analysieren.   

INSCYD bestimmt damit deine maximale Sauerstoffaufnahmen, Schwellenleistung, Laktatbildungsrate sowie FATmax- und CARBmax-Bereiche. So erhältst du ein detailliertes metabolisches Profil und kannst so die Auswirkung deines Trainings sichtbar machen, verlässliche Prognosen erstellen und deine Rennstrategie planen.

Weitere Infos zur Leistungsdiagnostik 2.0 findest du hier:

Jörg Birkel lebt und arbeitet seit 2013 auf Mallorca und bietet dort ganzjährig Sportreisen und Trainingslager an. Zuvor hat er an der Deutschen Sporthochschule in Köln studiert und mit einem Diplom als Sportwissenschaftler abgeschlossen. Im Anschluss an sein Studium hat sich Jörg als Sportjournalist selbstständig gemacht und über Trainings- und Ernährungsthemen geschrieben. Von 2003 bis 2009 war der passionierte Radfahrer und Fachbuchautor als Dozent an der Deutschen Sporthochschule tätig. Und seit dem 15. Oktober 2020 verstärkt er ilovecycling.de als Chef-Redakteur mit seinem Fachwissen.