Am 17. Juli 2016 wurde bei der Challenge Roth ein weiteres Mal Triathlon-Geschichte geschrieben. Triathlon-Weltstar Jan Frodeno brauchte nur 7:35:39 Stunden für die Langdistanz aus 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42 Kilometer Laufen.  Weltbestzeit. Der 34-Jährige war fast 6 Minuten schneller als Andreas Raelert.

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Was von tausenden Triathleten in Deutschland und weltweit mit Spannung verfolgt wurde, war sicherlich für viele Nicht-Triathleten nur eine Randnotiz. Irgendwo zwischen Fußball-Europameisterschaft, Tour de France und den Olympischen Spielen. Betrachtet man die nackten Zahlen, ist Triathlon mit geschätzt 200.000 Aktive hierzulande immer noch ein Randsport.

Dennoch zieht der Multisport aus Schwimmen, Radfahren und Laufen immer mehr Menschen in seinen Bann. Die Wachstumsraten sind seit Jahren zweistellig. Kaum eine andere Sportart verzeichnet einen solchen Zulauf. Und die Challenge Roth hat sicherlich großen Anteil daran.

Für all diejenigen, denen Roth bisher kein Begriff ist, haben wir uns nach Franken begebenen, um dem Mythos dieses traditionsreichen Triathlons auf die Spur zu kommen. Das Langdistanzrennen in der bayerischen Kleinstadt Roth gehört zu den ältesten Triathlons der Welt. In diesem Jahr wurde die Veranstaltung zum 15. Mal als Challenge und zum 29. Mal insgesamt ausgetragen.

Die erste Auflage des Rennens fand 1984 unter Leitung von Detlef Kühnel statt. Kühnel war einer der ersten Europäer die zuvor beim legendären Ironman Hawaii teilgenommen hatten. Gemeinsam mit der Triathlonabteilung des TSV Roth richtete er den Franken-Triathlon für 83 Teilnehmer aus.

Von Anfang an mit dabei war Herbert Walchshöfer, damals noch stellvertretender Geschäftsführer der Congress- und Tourismuszentrale Nürnberg. Das Event in Mittelfranken entwickelte sich in den Folgejahren zu einer gefragten Veranstaltung und wurde ab 1987 als Ironman Europe ausgetragen. Mit 2.700 Startern und sechsstelligen Zuschauerzahlen war Roth damals der größte Triathlon in Europa.

Nach einem Streit mit dem Rechteinhaber der Marke Ironman benannten Kühnel und Wachlshöfer die Veranstaltung 2002 in Challenge Roth um. Trotz des Verlustes, der weltweit beliebten Marke gab es keinen Einbruch bei den Teilnehmer- oder Zuschauerzahlen.

Im Gegenteil: Die Challenge Roth hat sich bis heute mit 3.400 Einzelstartern und 650 Staffeln als weltweit größtes Langdistanz-Rennen im Wettkampfkalender etabliert. Und das Rennen ist so begehrt, dass die verfügbaren Startplätze bereits nach wenigen Sekunden ausverkauft sind. Viele Teilnehmer melden sich daher bereits montags nach dem Rennen für das kommende Jahr an. Auf dem Festplatz in Roth bilden sich bis zu hundert Meter lange Schlangen. Die Online-Anmeldung öffnet eine Woche später. Am Computer sind schnelle Finger gefragt, denn die restlichen Startplätze sind binnen weniger Sekunden vergeben. Auch das trägt sicherlich zum Mythos bei.

In der Geschichte des Rother Triathlons gaben sich viele Stars der Szene die Klinke in die Hand. Neben den internationalen Triathlon-Größen wie Mark Allen, Chris McCormack oder Paula Newby-Fraser waren es in der Anfangszeit vor allem die deutschen Stars, die das Rennengeschehen entscheidend mitprägten. Thomas Hellriegel, Jürgen Zäck, Lothar Leder oder Dirk Aschmoneit waren die Protagonisten in der Pionierzeit des Sports.

Schnell stellte sich heraus, dass Roth eine schnelle Strecke hat. Dem Darmstädter Lothar Leder gelang es hier 1996 als erstem Menschen, unter der magischen Acht-Stunden-Marke zu bleiben. Und seitdem hat das Thema Weltbestzeit Tradition in Roth. Der Belgier Luc van Lierde verbesserte den Weltrekord ein Jahr später auf 7:50:27 Stunden. Dieser Rekord sollte lange Zeit bestand haben.

Erst 2011 gelang es Andreas Raelert die Zeit von van Lierde um fast 9 Minuten zu unterbieten. Der Rostocker brauchte in Roth 7:41:33 Stunden für die Langdistanz. Und am 17. Juli dieses Jahres setzte Jan Frodeno einen drauf und verbesserte den Rekord bei den Männern um fast 6 Minuten: Knapp 46 Minuten im Wasser, 4:08 Stunden auf dem Rad (ebenfalls Weltbestzeit) und 2:39 Stunden für den Marathon sind die Splitzeiten des gebürtigen Kölners.

Bei den Frauen wurde die Weltbestzeit übrigens ebenfalls in Roth aufgestellt. Im Jahr 2011 benötige die Britin Chrissie Wellington 8:18:13 Stunden für die Strecke. Damit gewann sie die Challenge Roth zum dritten Mal in Folge und verbesserte jeweils ihre eigene Bestmarke. Bis heute hat dieser Rekord bestand bei den Frauen.

Es gäbe sicherlich viele weitere Highlights aus dem Profi-Zirkus zu berichten, aber die wahren Helden im Triathlon sind eigentlich die Agegrouper, die sich jedes Jahr über die Strecke quälen. Ob als Staffel oder Alleine -über 4.000 Starter wagen sich in Roth auf die Ironman-Distanz. Und für viele wird es der längste Tag des Jahres.

Der Schwimmstart für die Profis ist um 6:30 Uhr. Anschließend geht es im 5-Minuten-Takt für die vielen Jedermänner in Wellen auf die Strecke, bevor gegen 9 Uhr die Staffeln starten. Mit dem Startschuss im Main-Donau-Kanal beginnt das Kopfkino. Die schnellsten Agegrouper erreichen unter 9 Stunden das Ziel, die letzten Teilnehmer nach 15 Stunden. Eine lange Zeit, in der man mit seinen Gedanken alleine ist.

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In dieser Zeit durchlaufen viele ein Wechselbad der Gefühle: Schmerz, Euphorie und Selbstzweifel wechseln sich ab. Eine Langdistanz läuft selten wie geplant. Absolutes Highlight für die tausenden Athleten ist der Solarer Berg. Hier müssen die Teilnehmer auf dem Rad durch ein Spalier aus Zuschauern fahren, die jeden Fahre frenetisch anfeuern. Das sind Bilder, die man sonst nur bei der Tour de France oder beim Giro d’ Italia erlebt. Allerdings ist dieses Erlebnis dort den Profis vorbehalten.

Bei der Challenge Roth fährt jeder Agegrouper auf mit seinem Rad auf die Mauer an Zuschauern zu, die sich erst im letzten Augenblick teilt und peu á peu den Blick auf die Strecke freigibt. Das ist jedes Mal ein echter Gänsehautmoment für Athleten und Zuschauer gleichermaßen. Zweimal passieren die Teilnehmer den Solarer Berg, bevor es in die zweite Wechselzone geht.

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Spätestens mit dem Marathon beginnt dann für viel die Leidenszeit im Triathlon. Die Beine sind müde von den vielen Stunden im Wasser und auf dem Rad. Glücklich schätzen können sich diejenigen, die sich das Rennen bis hier hin gut eingeteilt hatten. Nicht selten kommt aber auf der Laufstrecke der Einbruch, sodass die 42 Kilometer einem Mix aus Laufen und Wandern gleicht. Im Gegensatz zur Radstrecke mit seinen Stimmungsnestern ist die Streckenführung beim Marathon teilweise recht einsam.

Die Laufstrecke führt entlang des Kanals. Hier stehen kaum Zuschauer und die Athleten haben viel Zeit, um sich mit sich selbst zu beschäftigen. Warum mache ich das hier eigentlich? Eine Frage, die sich fast alle Teilnehmer im Rennverlauf stellen. Dennoch melden sich viele Finisher am nächsten Tag gleich wieder an. Zu euphorisch ist das Erlebnis beim Zieleinlauf auf dem Festplatz in Roth.

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Eigens für die Challenge wird hier das größte Triathlon-Stadion der Welt aufgebaut. Tausende Zuschauer warten hier auf ihre Idole und Angehörigen und jubeln den Athleten zu. Wer hier schon mal eingelaufen ist, der vergisst den Moment sein Leben lang nicht mehr. All der Stress, die Zweifel und der Schmerz fallen von einem ab und der Körper wird mit Glücksgefühlen geflutet. Selbst gestandene Männer laufen mit Gänsehaut ein und können ihre Freudentränen nicht zurückhalten.

Nach Einbruch der Dunkelheit geht der Tag dann auch für die langsameren Teilnehmer zu Ende. Traditionell nehmen der Tagesschnellste und die schnellste Frau die langsamsten Teilnehmer in Empfang. An diesem 17. Juli kam der letzte Mann in den Genuss, dass ihm Triathlon-Olympiasieger, Ironman-Weltmeister und Weltrekordhalter Jan Frondeno seine Finisher-Medaille persönlich umhing, während die letzte Frau unter Beifall von Tausenden von Chrissie Wellington in Empfang genommen wurde. In Roth wird das Motto des Triathlons gelebt: Every finisher is a winner.

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Jörg Birkel lebt und arbeitet seit 2013 auf Mallorca und bietet dort ganzjährig Sportreisen und Trainingslager an. Zuvor hat er an der Deutschen Sporthochschule in Köln studiert und mit einem Diplom als Sportwissenschaftler abgeschlossen. Im Anschluss an sein Studium hat sich Jörg als Sportjournalist selbstständig gemacht und über Trainings- und Ernährungsthemen geschrieben. Von 2003 bis 2009 war der passionierte Radfahrer und Fachbuchautor als Dozent an der Deutschen Sporthochschule tätig. Weitere Informationen unter: www.jorge-sports.com