Unser größtes Abenteuer und größte Herausforderung auf dem Rad.

Ein Ultraradrennen mit 1.100 km und etlichen Höhenmetern – quer durch Deutschland von Nord nach Süd – genauer gesagt NONSTOP von Flensburg nach Garmisch

Wie alles anfing:

Meine Frau Tina Steinl und ich (Gerhard Steinl) teilen schon über 10 Jahre unser gemeinsames Hobby – das Radfahren. Im August 2019 haben wir geheiratet und dann kam von einem langjährigen Freund und Betreuer bei Stunden-Rennen die Frage: „Habt ihr euch jetzt schon angemeldet zu Race across Germany?“ Puh das nennt man wohl Hochzeitsgeschenk und gleichzeitig ein Test für die Ehe.

Wir sind zwar beide schon 24h-Rennen solo gefahren, aber noch nie ein Ultrarennen, also wollten wir erstmal mit etwas Kleinerem anfangen, so sind wir in September 2020 zuerst einmal das Ultrarennen Race around Niederösterreich im 2er-mixed-Team gefahren und haben dies mit dem 2ten Platz gefinished. Okay, das hat zwar geklappt, aber vielleicht war es auch noch Anfängerglück.

Also im Mai 2021 nochmal beim Race around Niederösterreich teilgenommen und wieder haben wir dies in der gleichen Zeit gefinished, obwohl die Umstände wie z.B. Temperaturen um 0 Grad, das Ganze etwas schwieriger gemacht haben.

Okay, sieht wohl so aus, als ob wir es können.

Gut dann kommen wir nicht mehr drum und das Projekt Race across Germany ist gestartet.

Die Vorbereitung

Solch ein Ultrarennen ist logistisch schon etwas anderes, wenn man im Norden startet und das Ziel im Süden ist. Und es gibt viel zu organisieren sowie wie viele Fragen zu beantworten, wie zum Beispiel: Wieviele Betreuer und reicht ein Pacecar, oder benötigt man zwei Pacecar mit zwei Betreuerteams.

Letztendlich haben wir uns für 1 Auto und 2 Betreuer entschieden. Das ist sehr wenig für ein Ultrarennen über diese Länge. Aber wenn das Team nicht passt, dann funktioniert auch das Rennen nicht. Mit einem kleinen Team ist es zwar herausfordernd, weil keiner lange Pausen hat, aber dafür sind es nicht viele Personen die sich abstimmen müssen.

Mit was navigieren?
Haben wir genügend Beleuchtung?
Wie sichert man die Stromversorgung?

Die ganze Technik muss vorher getestet werden. Zum Navigieren haben wir Komoot auf dem Handy verwendet und als Stromversorgung das sks-compit-System, da dies eine integrierte Powerbank hat und auch bei Regen verwendet werden kann. Und damit uns die Beleuchtung nicht ausgeht, haben wir uns noch Ersatzakkus besorgt.

Wie verpflegen wir uns so lange?

Auf dem Rad ist wichtig, was in den Flaschen drin ist. Bei uns ist das bei solch langen Sachen immer PowerCarb, dann noch diverse Gels. Und wenn man ausgewechselt ist, immer energiereiche aber leicht verdauliche Kost, also z.B. Riegel.

Was nimmer man an Ersatzmaterial mit?
Weitere Räder oder nur Laufräder?

Wir wollten den ganzen Aufwand so gering wie möglich halten und deshalb haben wir nur Ersatzlaufräder mitgenommen. Wenn dann wirklich ein Rad kaputt geht, was relativ unwahrscheinlich ist, dann ist es halt so.

Wie planen wir unsere Wechsel?

Bei Race around Niederösterreich haben wir dies exakt vorausgeplant. Nach Entfernung, Dauer, Höhenmeter, wer in der Nacht, Gerhard etwas mehr an Strecke als Tina, etc. Aber 1.100 km alles zu planen, das war uns zu aufwendig. Wir waren uns einig, dass wir beide genau jeweils die Hälfte des Rennen fahren wollten. Die Wechsel sollten nicht zu kurz sein, damit die Betreuer nicht nur mit Wechselbetreuung beschäftigt sind, aber auch nicht zu lang, damit die Radfahrer nicht zu erschöpft sind. So haben wir uns dann darauf verständigt, einfach alle 50 km zu wechseln.

Wann kommen Radfahrer, Betreuer, Material und Räder an den Startort?

Die Betreuer fahren mit dem Pacecar hoch und nehmen die Räder und das ganze Material schon mit. Die Radfahrer nehmen entspannt den Zug.

Mit welchem Tempo fahren wir?

Puh, 1.100 km sind lange. Also ja nicht zu schnell. Okay wenn wir 25 km/h fahren, dann sollten wir das lange durchhalten, denn das Ziel war zu finishen. So wären wir 44 Std. unterwegs. Uui das heißt 2 Nächte.

Die Vorbereitungen sind enorm und wirklich ein Projekt.

Und nebenbei willst Du Dich natürlich auch noch trainingsmässig gut vorbereiten, schließlich ist unser Ziel das finishen. Wir sind in diesem Jahr davor kein Rennen mehr gefahren, denn der ganze Fokus ist nur bei Race across Germany und so was das ganze Training nur darauf ausgerichtet.

Eine Woche davor ging es in die Dolomiten. Zu einem gleich Urlaub, damit nicht von der Arbeit gestresst ist und der Kopf wirklich frei ist. Und natürlich auch ein letztes Training vor der großen Herausforderung.

Natürlich muss das ganze etwas nervenaufreibend sein. Was sonst keine großen Probleme sind, bringt Dich auf einmal ins schwitzen. z.B. Ups, mein Knie zwickt auf einmal, ab zum Doc und checken lassen, schließlich will mal nichts kaputt machen. Beim Pacecar geht ein Warnlicht an. Also noch 3 Tage vor dem Rennen einen Werkstatttermin erbetteln und bangen, dass nichts Schlimmes ist. Dann in den Nachrichten, die Bahn will streiken. Ohje wie sollen wir dann nach Flensburg kommen.

Tina und Gerhard Steinl beim Race across Germany 2021

Das Rennen

Letzendlich waren wir aber dann komplett und gesund in Flensburg angekommen und Du möchtest nur noch, dass es endlich beginnt, dass Du endlich einfach nur radeln darfst.

So ging am Start als erstes auf die Strecke. Immer mit dem Vorsatz, ja nicht zu schnell angehen, denn es wird lange, wurden anfangs gleich von mehreren überholt.

Und nach 41 Stunden
Wir haben es geschafft!
2ter Platz beim Race across Germany
Ein unvergessliches Radsportabenteuer durch Deutschland!

In einer Zeit von 41 Stunden sind wir Beiden am Sontag früh um 2 Uhr in Garmisch-Partenkirchen am Schanzentisch angekommen und haben damit den 2. Platz in der Mixed Kategorie erreicht. Von den insgesamt 85 Startern in unterschiedlichen Klassen haben nur etwa 2/3 das Ziel überhaupt erreicht. Wir Steinl’s waren mit unserer Zeit die 5ten Teilnehmer die in Garmisch-Partenkirchen ankamen.

Im Nachhinein können wir Beiden sagen, alles richtig gemacht zu haben. Es gab keine technischen Ausfälle, nicht mal ein Platten wurde eingefahren und die Begleitcrew hat uns sicher durch ganz Deutschland begleitet. Der Start am Freitag den 2.7. um 9 Uhr an der Hafenspitze in Flensburg bei idealen Bedingungen. Es hatte etwa 20 Grad und es war trocken und so ging es die ersten Kilometer auf die Strecke. Unsere Taktik hieß, jeder 50 km und dann wird gewechselt. Das bedeutete für jeden Fahrer ca. 2 h pro Stint. Wir wollten es nicht zu schnell angehen um unsere Kräfte für diese ultralange Distanz gut einzuteilen.

Trotzdem hat sich bei uns wiedermal richtiges Racefeeling eingestellt und die Abschnitte dauerten nur 1 h 45 min. Konkurrenz war am Start und so sind wir die ersten 400 km mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von über 30 km/h gefahren.

Die Strecke führte von Flensburg beginnend über Kiel, Hamburg, Uelzen Richtung Salzgitter und Göttingen in die erste Nacht Richtung Harz hinein. Und spätestens da war schon Schluss mit lustig. Zum einen wurde es immer hügeliger und kälter zum anderen immer nebeliger. Wir hatten zwar in der Nacht das Pacecar mit unseren Betreuern Robert Eßer und Sven Schneider im Rücken aber einfacher wurde es für die Sportler deshalb nicht.

Mit bereits etwa 300 km in den Beinen wurde die Nacht für uns beide sehr hart und der erste mentale Tiefpunkt setzte ein. Trotzdem haben wir weitergemacht und durchgebissen und mit dem Morgendämmern und wieder mehr Wärme geht es meisten wieder einfacher. Von der Strecke zwar nicht, denn auch die Rhön ist wellig und es war bis nach Augsburg ein permanentes auf und ab das fürchterlich Kräfte gekostet hat. Und so sind wir einfach immer weiter gestrampelt, haben versucht von unserem Land die unterschiedlichen Landschaften und Momente zu genießen, haben uns permanent mit Energie und Getränken versorgt um ja nicht in ein Defizit zu kommen, denn sowas endet in der Regel fatal und führt zum Abbruch solch einer Fahrt.

Von den Wetterprognosen wussten wir es, das es je weiter wir südlich kamen umso schlechter werden würde. Als ich dann nach Tinas 50 km Etappe nach Augsburg wechselte kam Dauerregen und starker Wind aus südlichen Richtungen auf. Nach etwa 5 Minuten war ich komplett durchnässt und wir hatten etwa noch 120 km bis Garmisch Partenkirchen zu fahren. Der Plan war das ich bis Weilheim fuhr und Tina die letzten 45 km nach Garmisch Partenkirchen machte. Insgeheim hatte ich aber den Plan das jetzt einfach durchzuziehen, denn ich wollte meiner Frau diese Tortur mitten in der Nacht bei starkem Regen nicht mehr antun.

Nach etwa 75 km erreichte ich Weilheim und für mich gab es nichts mehr zum überlegen, ich zog es durch und fuhr die letzten 45 km immer noch im Regen einfach weiter. Die letzten 10 km fuhren wir dann noch zusammen zum Ziel und kamen um kurz nach 2 Uhr nachts an der Skisprungschanze in Garmisch überglücklich an. Wir waren um diese Zeit die 5ten Ankömmlinge aus Flensburg und waren selbst sehr überrascht als wir das erfuhren.

Diese Leistung haben wir nur erbringen können, weil wir im Team super harmoniert haben und Tina auf sehr hohem und im vergleichbaren Leistungsniveau gefahren ist wie ich als ihr Mann. Beide waren wir überglücklich und stolz, dass wir diese Mammut-Aufgabe so gut bewältigt haben.

Tina und Gerhard Steinl beim Race across Germany 2021
Schöner Artikel im Weilheimer Tagblatt von Paul Hopp, der immer so erstklassig schreibt und recherchiert.