Geht man mit dem Thema „Fahrradhelm“ auf andere Fahrradfahrer zu, so stellt man relativ schnell erstaunt fest, dass das für einige kein einfaches Thema zu sein scheint. Manche werden beim Diskurs derart emotional, dass man glauben könnte es ginge eher um eine Glaubensfrage, denn um so etwas banales wie: “Sollte man einen Helm tragen, ja oder nein?“

Zugegeben, auch für mich
ist dieses Thema emotional

Und genau aus diesem Grunde werde ich versuchen diesen Artikel so wertungsfrei wie möglich zu halten. Eins muss ich aber vorweg klarstellen: Meine Ansicht ist, dass jeder selbst entscheiden soll, ob er einen Helm trägt oder eben nicht (von Kindern und Personen, die nicht für sich selbst entscheiden können einmal abgesehen).

Warum bin ich emotional derart involviert? Zunächst einmal bin ich jemand der immer, aber wirklich immer, einen Radhelm aufsetzt. Es spielt für mich keine Rolle, ob ich eine lange Tour, oder nur zum Bäcker fahre. Für mich hat sich der Mehrwert des Helms vor einigen Jahren deutlich unter Beweis gestellt.

Mein Vater und ich waren bei schönem Frühlingswetter unterwegs. Es waren nach dem gefühlt langen Winter die ersten wärmeren Tage, die einfach jeden Rennradfahrer wieder nach draußen ziehen. Für uns war das der Startschuss zur Saison, darum fuhren wir wirklich gemächlich und rollten mit durchschnittlich 25 km/h das malerische fränkische Maintal entlang und genossen die Aussicht und die Zeit miteinander. Als wir zwei Drittel der ca. 60 km langen Strecke zurückgelegt hatten, kamen wir durch ein eng gebautes Dorf.

Ich kann mich noch genau erinnern, dass ich das halb in die Straße parkende Auto im Blick hatte und keinen Passagier gesehen habe. Das mache ich prinzipiell bei jedem Auto, das vor einem Geschäft parkt. Dieses Auto stand vor einer Metzgerei und genau in dem Moment als wir vorbeifuhren, flog die Tür bis zum Anschlag auf.

Mein Vater fuhr direkt auf die Türkante und wurde vor mir brutal zu Boden gerissen. Ich hatte keine Zeit mehr der Situation zu entfliehen, ich versuchte nur nicht meinen Vater zu erwischen und das nächste was passierte war, dass ich mit meinem Vorderrad in sein am Boden liegendes Fahrrad einfädelte.

Ich überschlug mich über meinen Lenker und klatschte auf den Boden. Ich lag auf dem Boden und hatte nur einen Gedanken: “Oh mein Gott, Vater!“ Ich konnte mich in dem Moment nur unter Schmerzen bewegen, also kroch ich auf der Straße liegend unter meinem Fahrrad hervor und auf meinen Vater zu. Ich rief nach ihm, aber ich merkte, dass er zwar seine Augen offen hatte, mich aber nicht sah.

Sofort waren wir von Helfern umringt, die sich um uns kümmerten, mir direkt von der Straße halfen und den Verkehr warnten. Das war auch wirklich nötig, denn mein Vater war zu dem Zeitpunkt nicht in der Verfassung bewegt zu werden und lag ebenfalls mitten auf der Straße. Das Ende vom Lied war, dass wir beide ins Krankenhaus mussten und ich mit meinen schweren Prellungen noch am besten davongekommen war.

Die Erkenntnis

Wie wichtig mein Fahrradhelm an dem Tag wirklich war, traf mich dann erst zwei Wochen später als mir mein Vater, der langsam wieder fit wurde, unsere Helme vorzeigte.

Bei dem Anblick wurde mir etwas mulmig. Der Aufprall bei dem Unfall war derart heftig, dass mein Helm fast durchgebrochen war. Es gab nur ein paar wenige Streben im Helm, die noch intakt aussahen und keine augenscheinlichen Risse und Brüche aufwiesen. Im Nachhinein wundere ich mich wie der Helm noch zusammenhalten konnte. Bei dem Helm meines Vaters sah es auch nicht viel besser aus.

Die gesamten Riemen hingen nur noch an zwei Verbindungsstücken an der Helmschale. Auch die Schale seines Helmes hatte ähnliche Rissspuren wie meiner.

Direkt nach dem Unfall und auch die Jahre bis jetzt, kann ich mich noch immer nicht daran erinnern, dass ich irgendwo mit dem Kopf aufgeschlagen bin, denn ich hatte weder eine Kopfplatzwunde, noch irgendwelche Kopfschmerzen nach dem Unfall. Aber mein Kopfschutz erzählt eine andere Geschichte. Wenn ich mir nur vorstelle, dass diese Risse auf meinem Schädel und nicht in meiner Kopfbekleidung gelandet wären, dann hätte das ganze auch viel ungünstiger ausgehen können. Dabei denke ich immer wieder an Herrn Joachim Deckarm, der leider nicht so viel Glück hatte. Für mich steht als gebranntes Kind seitdem auf jeden Fall fest, dass ich nur noch mit Kopfschutz auf mein Rad steigen werde.

Begonnen hat alles mit den Klickpedalen

Ich kann mich noch deutlich daran erinnern, als ich mit normalen Pedalen gefahren bin. Zu der Zeit habe ich es auch abgelehnt einen Helm zu tragen, bei der Tour trugen die ja auch alle keinen Helm. Wieso sollte ich das also tun? Außerdem sahen die Helme zu der Zeit für mich alle aus wie halbierte Kürbisse mit Kinnriemen, also potthässlich. Plötzlich tauchten die praktischen Klickpedale in immer größerer Zahl auf. Den komischen „Festschnallkörben“ für die Füße habe ich immer misstraut und vor allem meiner Fähigkeit mich schnell genug aus diesen zu befreien.

Ich sah mich bei deren Nutzung immer in Gedanken auf der Nase landen. Um effektiver fahren zu können besorgte mir also mein Vater diese Pedale, aber unter seiner Voraussetzung, dass ich ab diesem Zeitpunkt nur mit Helm fahre. Im Rückblick auf den Unfall bin ich froh, dass ich zu Ihm sagte, dass das natürlich auch für Ihn damit gelten muss. Ab diesem Moment waren wir immer nur noch „mit“ mit dem Rennrad unterwegs und ich bin fest der Überzeugung, dass diese Entscheidung meinem Vater und mir mehr als nur eine Gehirnzelle gerettet hat.

Mir ist natürlich bewusst, dass es Vor- und Nachteile beim tragen von Helmen gibt, doch in diesem Artikel sollte es hauptsächlich nur um meine persönliche Erfahrung gehen.

Allein schon deswegen, dass klar wird, warum mir dieses Thema so wichtig ist und ich noch mindestens einen weiteren Artikel dazu verfassen werde. Darin werde ich dann darauf eingehen, welche Argumente für und welche Argumente gegen das Tragen eines Helmes sprechen. Ich werde auch Themen wie eine mögliche Helmpflicht ansprechen.

Wie bereits zu Eingang erwähnt, ist es mir persönlich egal, ob Ihr mit Helm oder ohne fahrt, da hat eben jeder seine eigene Überzeugung und das ist auch gut so und so will ich das auch belassen. Aber es ist nie verkehrt sich auf dem Laufenden zu halten und seine eigene Position von Zeit zu Zeit zu hinterfragen und zu aktualisieren.

Getreu unserem Altkanzler Konrad Adenauer der, als er zu seiner vergangenen Politik angesprochen wurde, folgende Aussage zum Besten gab: “[…] aber es kann mich doch schließlich nicht daran hindern, alle Tage klüger zu werden.“ (Franz Rodens: Konrad Adenauer, Der Mensch Und Politiker. Droemer/Knaur, 1961. S. 71). Als Randbemerkung, das Zitat „was kümmert mich mein dummes Geschwätz von gestern“, konnte ich leider an dieser Stelle nicht als Adenauers Ausspruch nachweisen.

Ich hoffe ich konnte euer Interesse wecken und euch einen Denkanstoß liefern. Ich freue mich wenn ihr auch meinen Folgeartikel (demnächst hier auf ilovecycling.de) durchlest und ihr dann eure eigenen Schlüsse zieht. Wenn Ihr euch über eure eigene Sicherheit Gedanken macht, dann habe ich schon alles erreicht was ich wollte, denn nachträglich einen Helm aufzusetzen ist dann doch meistens zu spät.

Ein Bild sagt mehr
als tausend Worte

Wenn selbst eine Wassermelone derart vom tragen eines Helmes profitiert, wie geht es dann erst unserem Kopf? Sicherlich eine berechtigte Frage, oder?

Bildnachweise: © Privatarchiv Ralf Egger, www.abus.de|pd-f, Goodshoot (Thinkstock), nungning20 (AdobeStock)

RALF EGGER
Ralf Egger hat einen Magister in Politikwissenschaft von der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Seit vielen Jahren ist das Rennradfahren sein liebstes Hobby. Mit dem Rennradvirus hat ihn sein Vater infiziert. Für eine halbe Saison hat er in einer Zweiradwerkstatt als Mechaniker gearbeitet, damit er auch besser selbst an seinen Rädern schrauben kann und weil ihn so ziemlich alles um das Thema Zweirad herum interessiert. Da er mit ilovecycling.de-Herausgeber Jörg Lachmann einen Gleichgesinnten getroffen hat, freut er sich darüber, dass er sich in dessen Blog einbringen darf und seine Erfahrungen und Begeisterung mit anderen Radsportlern teilen kann. Sein Motto lautet: Es gibt nichts besseres als das Radfahren, um mal ungestört für sich zu sein und den Kopf frei zu bekommen. Da spielt es keine Rolle, ob man Profi oder Amateur ist, oder ob man allein oder in der Gruppe fährt.

5 KOMMENTARE

  1. Hallo… wir waren in einem Pulk von vielleicht 10-12 Fahrerinnen und Fahrern unterwegs. Die Straße verengte sich von 2 auf eine Spur. Die parkenden Autos standen links mit Fahrtrichtung uns entgegen. Ein Post-Minivan hielt an einem Haus. Ich fuhr an ihm vorbei, als plötzlich sein Motor deutlich aufheulte. Kurz daruf krach bumm… eine unserer Mitfahrerinnen lag 3m weit geschleudert auf dem Asphalt. In die Frontscheibe des Post-Minivans hätte eine halbe Melone gepasst. Der Moment war für alle sehr schockierend und bewegend. Tränen flossen. Zum Glück war die junge Fahrerin “nur” bewußtlos bzw. kaum ansprechbar. Am nächsten Tag besuchte ich Sie im Krankenhaus. Ein paar Prellungen hier und da, Finger, Beine, kleine Narbe am Kinn… Ohne den Helm und das ist meine Überzeugung wäre sie wahrscheinlich ein Pflegefall oder tot. Ich bin vor- wie nachher mit Helm unterwegs. Ich sag euch eins. Ich möchte nicht sehen, wie der aufgepltzte Schädel auf der Straße liegt, nur weil jemand meint, er müsse kein Helm tragen. Ich kann die Ansicht nicht vertreten, jeder soll selber entscheiden. Denn für jeden der bei solch einem Unfall dabei ist, sei es als Fahrer, Helder, Anwohner, Rettungsdienst, es ist für alle von Vorteil, wenn schon ein Unfall passiert, dann bitte so, das alle beteiligten bitte “nur mit einem Schrecken” davon kommen. Die Fahrerin konnte nach 3 Tagen das Krankenhaus ohne nennenswerte Beschwerden verlassen. Ohne Helm… ich will es nicht wissen!

  2. Ich erinnere mich auch noch genau an den Tag eures Unfalls und erzähle die Geschichte mit “dem blöden Rentner in seinem fetten Mercedes” häufig, wenn es um das Thema “Helm” geht. Heuchlerisch, da ich selbst im letzten Jahr einen schweren Unfall hatte und ohne Helm unterwegs war. Ich bin froh, das es “nur mein Schlüsselbein” erwischt hat. Eine Beule am Kopf hatte ich dennoch und in der Notaufnahme erinnerte ich mich wieder an deinen Helm. Fazit: Nie mehr ohne! Aber wie es so oft ist, man muss, im wahrsten Sinne, erst selbst auf die Schnauze fallen!

  3. Aus wissenschaftlicher Sicht macht diese üble Melonenschau keinen Sinn, da Köpfe keine Wassermelonen sind. Die Auswirkungen der Aufprallenergie könnte man mit Schweine-, Affen- oder Menschenköpfen messen und analysieren. Alles andere ist nur Schau , eine Art von Hütchenspielertrick oder Marketing.

  4. Nun ja… die Helmdebatte. Ob der Helm in den geschilderten Fällen wirklich einen Nutzen für die Gesundheit hatte, ist nicht bewiesen, nur weil er kaputt ging, das ist so gewollt, dass ein Helm kaputt geht. Ob aber ein Schaden entstanden wäre, ist stark zu bezweifeln. Wer aber ein höheres Risiko eingeht (Klickpedale und schnell fahren auf engen Straßen) und das versucht durch einen Helm zu kompensieren, dem ist nicht zu helfen. Emotionalität schlägt hier leider immer wieder Rationalität.

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