Radprofi vs. Jedermann: Zwei Räder, zwei Universen

Radprofi Tim fährt Rennrad, weil es sein Job ist. Sein Tag ist Training mit Beilagen.
Ich (Jörg) fahre Rennrad, weil es mein Ausweg ist. Mein Training ist Alltag mit Beilagen.

Beide sitzen auf einem Rad. Beide fahren gegen Wind. Beide sagen „locker“.
Aber nur einer meint es.


Szene 1 – 05:45 Uhr: Aufstehen

Tim wacht auf wie ein Gerät, das in den „Race-Mode“ schaltet. Er liegt kurz still – nicht aus Achtsamkeit, sondern weil sein Körper ein Dashboard ist. Beine? Okay. Kopf? Okay. Motivation? Wird geliefert.

Ich wache auf, weil mein Handy piept wie ein Pulsmesser im Sprint. Ich öffne ein Auge und merke: Mein Körper hat nachts offenbar „Krafttraining“ gemacht – mit der Matratze als Gegner. Dann checke ich den Kalender: Termine, Termine, Termine. Und an beliebiger Stelle dazwischen: Ausfahrt.

Tim denkt: „Wie viel Qualität geht heute?“
Ich denke: „Wie viel Zeit geht heute?“

Zahlenbox (Orientierung)

  • Schlaf: Tim 8–10 h (+ Nap 20–60 min) | ich 6–8 h
  • Ruhepuls: Tim 35–50 bpm | ich 50–70 bpm
  • Tagespriorität: Tim = Training #1 | ich = Training #11

Szene 2 – 06:15 Uhr: Frühstück – „Treibstoff“ vs. „Verhandlung“

Tim frühstückt wie jemand, der gleich ein Kraftwerk betreibt. Alles hat Struktur. Alles hat einen Zweck. Nichts ist „mal schauen“.

Ich frühstücke nach dem Prinzip: „schnell und ohne Chaos.“ Kaffee, irgendwas, und der feste Glaube: „Ich esse später.“
(Spoiler: „später“ heißt Kuchenstopp.)

Tim isst, um zu fahren.
Ich fahre, um Essen zu verdienen.

Zahlenbox (Orientierung)

  • Kohlenhydrate vor Training: 1–2 g/kg (je nach Einheit)
  • Protein/Tag (Sportbereich): 1,6–2,2 g/kg
  • Frühstücksmodus: Tim = geplant | ich = improvisiert

Szene 3 – 06:50 Uhr: Werkstattromantik

Tim prüft sein Rad wie ein Pilot ein Flugzeug. Reifendruck exakt. Kette sauber. Schaltung flüsterleise. Seine Flasche sieht aus wie ein Laborpräparat.

Ich drücke einmal kurz den Reifen: „Fühlt sich gut an.“
Das ist keine Messung. Das ist Hoffnung. Die Kette klingt wie eine alte Bürotür, aber ich ignoriere das – weil Ignorieren auch eine Form von Mentaltraining ist.

Tim pflegt, um Watt zu sparen.
Ich pflege, wenn’s knallt.

Zahlenbox (Orientierung)

  • Reifendruck: schon ±0,5 bar fühlt sich deutlich anders an
  • Kette: trocken/schmutzig = „zäh“ & laut
  • Pflege-Rhythmus: Tim = Routine | ich = Ereignis

Szene 4 – 07:10 Uhr: Kleiderwahl (aka psychologischer Endgegner)

Tim schaut aufs Wetter, zieht sich an, fertig. Bei ihm ist „Zwiebellook“ keine Angststörung, sondern ein System. Alles sitzt. Nichts flattert. Seine Socken wirken wie ein Geheimvertrag mit der Physik.

Ich schaue aufs Wetter und starte ein Gedankenspiel, das locker 12 Minuten frisst:
„Zu kalt ohne – zu warm mit.“
„Weste ja/nein?“
„Armlinge? Beinlinge? Überschuhe?“
„Was, wenn es Niesel wird?“
Am Ende entscheide ich mich zuverlässig für genau die Kombination, bei der ich nach 20 Minuten friere und nach 40 Minuten schwitze – gleichzeitig.

Tim optimiert Aerodynamik.
Ich optimiere die Überlebenschancen meiner Zehen und meines Selbstwertgefühls.

Zahlenbox (Orientierung)

  • Windchill: gefühlt oft 5–10°C kälter
  • Startkälte: die ersten 10–20 min sind oft die kritischsten
  • Outfit-Regel: Profis = Prozess | ich = Glücksspiel

Szene 5 – 07:30 Uhr: Einrollen („locker“ als Fiktion)

Tim rollt los. Ruhig. Stabil. Effizient. Sein „locker“ wirkt wie ein Trick.

Ich rolle los und merke nach 7 Minuten: Der Wind hat heute persönliche Probleme mit mir. Ich sage auch „locker“, aber eher als diplomatische Note an meine Oberschenkel.

Tim rollt ein, um den Körper vorzubereiten.
Ich rolle ein, um am Treffpunkt nicht schon innerlich zu kündigen.

Zahlenbox (Orientierung)

  • Einrollen: Tim 15–30 min | ich „bis warm“
  • Kadenz: Tim oft 85–100 rpm | ich 70–95 rpm
  • Puls: Tim meist kontrolliert | ich manchmal „locker, aber rot“

Szene 6 – 08:15 Uhr: Die Gruppe – Maschine vs. Sozialexperiment

Tim fährt in einer Gruppe, die funktioniert. Rotation, Position, Zweck. Keiner fährt vorn, um sich zu beweisen, sondern um Arbeit zu erledigen.

Ich fahre in einer Gruppe, die Rollen verteilt wie eine Sitcom:

  • Der „Locker“-Lokführer: fährt ständig 2 km/h zu schnell und nennt das GA1
  • Der Ampel-Sprinter: macht aus Rotphasen Weltmeisterschaften
  • Der Still-Leidende: stirbt leise und schreibt später „stabil“

Ich sage: „Heute locker.“
Die Gruppe hört: „Heute Endgegner.“

Zahlenbox (Orientierung)

  • Schnitt flach: Profi-nah 35–45 km/h | Hobby 28–38 km/h
  • Antritt-Spitzen: 600–1500 W möglich (individuell)
  • Gruppeneffekt: 1 „zu schneller“ macht aus GA1 ein Drama

Szene 7 – 09:00 Uhr: Intervalle – Plan vs. Ampel

Tim fährt Intervalle wie ein Metronom: Start, Ende, Pause, Wiederholung. Keine Diskussion. Keine Überraschung.

Ich will Intervalle fahren. Realität sagt: Ampel. Traktor. Baustelle. Hund. Gegenwind. Noch eine Ampel.
Ich bekomme ein perfektes Intervall hin und drei emotionale. Am Ende nenne ich es „variabel“. Strava nennt es „hart“.

Tim denkt: „Sauber.“
Ich denke: „Warum schmeckt Luft nach Metall?“

Zahlenbox (Orientierung)

  • Training/Woche: Tim 20–35 h | ich 4–10 h
  • FTP grob (W/kg): Tim ~5,5–6,5 | ich ~2,5–4,0
  • Intervallqualität: Tim = exakt | ich = „unter realen Bedingungen“

Szene 8 – 10:10 Uhr: Pannenmoment (Realität klatscht)

Tim hat Pannen. Natürlich. Aber bei ihm wirken Pannen wie ein Boxenstopp: kurz, effizient, professionell. Als hätte er das im Schlaf geübt (hat er wahrscheinlich).

Ich habe Pannen als Persönlichkeitstest.
Plötzlich: „Pffft.“
Ich bleibe stehen, schaue aufs Rad, schaue in die Ferne und hoffe ernsthaft, dass das Problem von selbst verschwindet – so wie E-Mails, wenn man sie lange genug ignoriert.

Dann beginnt mein Ritual:

  1. Handschuhe aus (weil Fingergefühl)
  2. Finger kalt (weil Realität)
  3. Mantel runter, Schlauch raus, alles dreckig
  4. Ich überlege, ob ich nicht einfach heimschieben sollte und das als „active recovery“ logge

Und während Tim schon wieder fährt, sitze ich da und führe Verhandlungen mit einem Reifenheber.

Zahlenbox (Orientierung)

  • Profi-Panne: oft 3–8 min (Übung + Routine)
  • Jedermann-Panne: oft 10–25 min (plus „Wo ist das Ventil?“)
  • CO₂/Minipumpe: spart Zeit – aber erhöht den Drama-Faktor bei Bedienfehlern

Szene 9 – 10:45 Uhr: Fueling – Uhrwerk vs. Trikottaschen-Archäologie

Tim isst im Rhythmus. Alle 10–15 Minuten. Das ist keine Gier, das ist Verstand.

Ich esse, wenn ich merke, dass ich hätte essen sollen.
Dann kommt die Trikottaschen-Archäologie: ein Riegel von 2022, ein Gel „Zitrone-Beton“, eine Banane, die inzwischen nur noch Konzept ist.

Tim fährt mit Energie.
Ich fahre mit Glauben.

Zahlenbox (Orientierung)

  • Carbs/h (lang/intensiv): 60–120 g/h
  • Trinken: 0,5–1,0 l/h
  • 2–4 h Ausfahrt: 1000–3000 kcal Verbrauch (abhängig)

Szene 10 – 12:15 Uhr: Der Berg – Beruf vs. Persönlichkeitstest

Tim fährt den Berg hoch wie eine Excel-Tabelle: sauber, kontrolliert, effizient. Kein Theater. Nur Arbeit.

Ich fahre den Berg hoch und führe innere Monologe:
„Warum mache ich das?“ – „Wer hat diese Straße genehmigt?“ – „Ich bleibe locker.“
Dann zieht jemand vorbei. Ich sage: „Ich bleibe locker.“
Mein Körper hört: „Mord.“

Tim fährt Berge als Job.
Ich fahre Berge als Charakterbildung.

Zahlenbox (Orientierung)

  • Kadenz bergauf: oft 70–95 rpm
  • Pulssteuerung: Profi meist zielgenau | Hobby oft „zu früh zu hoch“
  • 1 km/h Unterschied: psychologisch „riesig“

Szene 11 – 13:00 Uhr: Sprint – Watt vs. Wahnsinn

Tim sprintet selten grundlos. Wenn er sprintet, dann mit Zweck. Kurz. Brutal. Effektiv.

Ich sprinte, weil… ein Schild. Eine Ortstafel. Oder weil jemand „nur kurz anziehen“ sagt.
„Nur kurz anziehen“ heißt im Jedermann-Dialekt: „Wir übergeben gleich.“

Tim sprintet mit Plan.
Ich sprinte mit Stolz.

Zahlenbox (Orientierung)

  • Sprintspitzen: 800–1600+ W möglich (individuell)
  • Dauer: 5–20 s
  • Nachwirkung: Tim = kalkuliert | ich = Lebensentscheidungen

Szene 12 – 14:30 Uhr: Heimkommen – Regeneration vs. Alltagsschock

Tim rollt aus. Dann beginnt Regeneration als Programmpunkt: Essen, Beine hoch, Physio, Massage, ggf. Nap.

Ich rolle aus. Dann beginnt „Teil 2“: Dusche, Termine, „kannst du noch kurz…“, und die Treppe wird zum Alpenpass.
Regeneration steht auf zwei Säulen:

  1. Schlaf
  2. Bitte keine Fragen mehr

Zahlenbox (Orientierung)

  • Profi-Regeneration: oft Physio/Massage mehrfach/Woche
  • Schlafhebel: schon +30–60 min kann spürbar helfen
  • Ruhetage: Tim = geplant | ich = unfreiwillig

Szene 13 – 16:30 Uhr: Winterrolle (wenn der Wahnsinn drinnen stattfindet)

Tim fährt Rolle wie jemand, der das Leben verstanden hat: Ventilator, Handtücher, Struktur, alles vorbereitet. Das Leiden ist geplant.

Ich fahre Rolle wie jemand, der bestraft wird. Kein Ventilator. Fenster zu. Nach 12 Minuten frage ich mich, ob das noch Sport oder schon eine Art Sauna-Experiment ist.
Nach 45 Minuten schreibe ich in die Gruppe: „Gute Einheit.“
Das ist gelogen, aber emotional wichtig.

Zahlenbox (Orientierung)

  • Rolle fühlt sich härter an: gleiche Watt = oft „mehr Leiden“
  • Ventilator: macht subjektiv riesigen Unterschied
  • Mentalfaktor: Rolle = 70% Kopf (bei mir 90%)

Szene 14 – 17:30 Uhr: Essen am Abend – Disziplin vs. Therapie

Tim isst so, dass sein Training morgen besser wird. Punkt.

Ich esse so, dass mein Leben wieder Sinn ergibt. Pasta ist nicht Essen. Pasta ist Heilung.
Ich sage: „Ich habe es mir verdient.“
Und ich habe recht.

Zahlenbox (Orientierung)

  • Protein/Mahlzeit: oft 20–40 g sinnvoll
  • Carbs nach Training: je nach Belastung deutlich höherer Bedarf
  • Realismus: Tim = geplant | ich = verdient

Szene 15 – 19:30 Uhr: Strava – Steuerung vs. Legendenbildung

Tim sieht Daten. Belastung. Verlauf. Plan für morgen. Nüchtern wie ein Pilot nach der Landung.

Ich zoome auf die 18 Sekunden, in denen ich kurz wie ein Profi aussah. Dann schreibe ich als Titel:
„Locker mit paar Antritten.“
In Wahrheit war’s: „Locker, bis ich gestorben bin, dann wieder locker.“

Zahlenbox (Orientierung)

  • Profi-Steuerung: Belastung/Erholung oft täglich
  • Jedermann-Steuerung: oft wochenweise + Alltag als Chef
  • KOM-Magie: hält emotional 24–72 h

Szene 16 – 22:30 Uhr: Schlaf – Trainingsblock vs. Leben

Tim geht schlafen, weil Schlaf Training ist.

Ich gehe schlafen, weil ich nicht mehr sitzen kann. Ich spüre die Beine und denke: „Eigentlich war’s geil.“
Dann fällt mir ein: Morgen ist Alltag.
Und der Alltag fährt nie GA1.

Zahlenbox (Orientierung)

  • Schlafziel: Tim 8–10 h | ich 6–8 h
  • Regenerationsqualität: hängt stark an Schlaf + Stress
  • Jedermann-Paradox: weniger Erholung, gleiche Liebe
Rennradprofi vs. Jedermann: Gleiche zwei Räder – komplett anderes Universum. ©AdobeStock – Stockhausen / Candra / ChiccoDodiFC
Rennradprofi vs. Jedermann: Gleiche zwei Räder – komplett anderes Universum. ©AdobeStock – Stockhausen / Candra / ChiccoDodiFC

Fazit: Wer ist „krasser“?

Tim ist krass, weil er Leistung auf einem Niveau bringt, das für normale Menschen wirkt wie Science-Fiction.
Ich bin krass, weil ich Leistung bringe, während das Leben permanent „Störung“ ruft.

Tim optimiert die letzten 2 %.
Ich erkämpfe die ersten 80 % – zwischen Job, Wind, Ampeln und Kuchenstopp.

Und wenn ich nach einem langen Tag trotzdem rausgehe, dann ist das kein Profi-Leben.
Aber es ist verdammt nah am Kern dieses Sports: Rausgehen. Durchziehen. Heimkommen. Grinsen.
Und dann „locker“ in den Titel schreiben.

JÖRG LACHMANN
Ich bin ein kreativer, konzeptionsstarker und querdenkender Vollprofi in allen Bereichen des On- und Offline-Marketings (B2B/B2C) . . . und somit (wie wohl auch nicht anders zu erwarten) beruflich als Marketing- und Vertriebsleiter bei der Firma IDV GmbH angestellt. Da ich schon seit vielen Jahren dem Hobby Radsport verfallen bin, habe ich mich im April 2014 dazu entschlossen, das Online-Magazin "ilovecycling.de" mit „Herz” und vielen nützlichen Themen, Infos, Tipps und Tricks rund um den Hobby- und Jedermann-Radsport ins Leben zu rufen.