Ein kritisch-ironischer Artikel zum Thema:
Abnehmen im Radsport – die Diät-Dauerschleife auf zwei Rädern (und einem schlechten Gewissen)
Es ist Ende Dezember. Draußen ist es dunkel, drinnen brennt irgendwo noch eine Kerze, und in deinem Kopf brennt… naja… eher so ein leises „Huch, war das schon die dritte Portion Kartoffelsalat?”
Und zack – wie ein schlecht abgestimmter Umwerfer unter Last – schaltet das Internet um:
Neues Jahr = Neuer Mensch = Weniger Körper.
Plötzlich ist alles voll mit „wertvollen Tipps“ und „noch wertvolleren Programmen“, die dir in X Tagen das Gewicht von Weihnachten, Silvester und dem „Ach komm, das ist doch nur ein Keks“-Keks wegzaubern. Jeder zweite Account wird zum Ernährungsinstitut, jeder dritte zur Stoffwechsel-Orakelstation, und irgendwo verkauft gerade jemand einen PDF-Plan, der aussieht wie ein Stundenplan aus der 7b – nur mit mehr Verboten und weniger Pausenbrot.
Und jetzt kommt das eigentlich Schöne an dieser Tradition:
Wir kennen sie. Wir erleben sie jedes Jahr. Und wir machen trotzdem wieder mit.
Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Wenn plötzlich alle Ernährungsexperten sind – und Gewicht zur Bewertung wird
Kurz vor dem Jahreswechsel passiert etwas Magisches:
- Fernsehen, Magazine (auch wir) und die Werbung entdecken „Detox“ wieder, als hätten sie es gestern nicht schon erfunden.
- Social Media findet heraus, dass man mit „Kaloriendefizit“ Klicks bekommt.
- Influencer*innen erklären dir, dass du nur „dieses eine Frühstück“ benötigst, um „endlich“ anzukommen.
- Und irgendwo wird „Fettverbrennung“ so oft gesagt, dass man meint, Fett wäre ein politisches Problem.
Das Ganze ist wie ein Gruppenride im Januar:
Alle reden von „Grundlage“, aber am Ende wird’s doch wieder ein Rennen um die beste Selbstoptimierung.
Und ja: Manche verlangen Geld dafür. Manche nicht. Manche meinen es gut. Manche meinen es gut für ihren Umsatz. Und manche sind einfach nur mitgerissen – weil im Januar eben alle über Essen, Gewicht und „Neustart“ reden.
Das Problem ist weniger, dass Menschen über Ernährung sprechen. Das Problem ist, wie darüber gesprochen wird: als gäbe es nur zwei Zustände im Leben:
- “Diszipliniert”
- “Versagt”
Dazwischen? Angeblich nichts. Keine Grauzone. Kein Menschsein. Kein Winter.
Warum wiederholt sich das jedes Jahr – und warum lernen wir daraus nicht?
Weil es ein perfektes Zusammenspiel ist aus:
1) Psychologie:
Ein neues Jahr fühlt sich an wie ein sauberer Tacho: Null Kilometer, null Fehler, null Ausreden. Ein Reset-Knopf fürs Gewissen. Und Gewicht ist eine Zahl, die man scheinbar kontrollieren kann – in einer Zeit, in der sonst alles ein bisschen… naja… Januar ist.
2) Marketing:
Die Diät-Industrie (und die Content-Industrie) liebt den Januar wie wir Radsportler den Rückenwind.
Denn das Versprechen ist genial einfach:
Du bist nicht falsch – du bist nur noch nicht fertig optimiert.
3) Gruppendynamik:
Alle machen’s. Und wenn alle machen, fühlt es sich richtig an.
Wenn dein Feed plötzlich aus Vorher-Nachher, „What I eat in a day“ und „10.000 Schritte Challenge“ besteht, wirkt ein normales Abendessen fast schon wie ein Regelbruch.
4) Ritual:
Es ist ein Jahreszeitenbrauch. Wie Plätzchen. Nur ohne Zimt, dafür mit Schuldgefühl.
Und jetzt die unangenehme Wahrheit:
Diese Schleife wiederholt sich auch deshalb, weil sie funktioniert – nicht unbedingt fürs Wohlbefinden, aber für Aufmerksamkeit, Klicks, Programme, Identität:
„Wir nehmen gemeinsam ab.”
Das ist ein Gemeinschaftserlebnis. Nur leider eins, das oft auf der Idee basiert, dass mit dir grundsätzlich etwas nicht stimmt, solange du nicht weniger bist.
Radsport macht’s nicht besser: Willkommen im Watt/Kilo-Karussell
Im Radsport kommt noch eine besonders fiese Zutat dazu:
Watt pro Kilo.
Diese Kennzahl ist praktisch. Und gleichzeitig brandgefährlich, wenn sie zur Persönlichkeit wird.
Denn plötzlich ist „leichter werden“ nicht nur eine Frage von Körperbild oder Gesundheit, sondern wird zur vermeintlich objektiven Leistungsformel:
Weniger Kilo =
mehr Spaß am Berg =
Schneller =
besserer Mensch
Und dann stehst du da, irgendwo zwischen Rollenbank und Realität, und fragst dich:
Will ich eigentlich fitter werden… oder nur leichter?
Das ist nicht dasselbe.
Viele verlieren Gewicht – und gleichzeitig:
- verlieren sie Power
- verlieren sie Regeneration
- verlieren sie Schlaf
- verlieren sie Laune
- verlieren sie irgendwann auch die Lust am Radfahren
Und dann gibt’s die Königsdisziplin der Selbsttäuschung:
Man fährt im Januar weniger draußen, sitzt mehr, snackt mehr (weil Winter), schläft schlechter (weil Stress) und erwartet aber gleichzeitig, dass der Körper sich verhält wie ein gut geölter Zeitfahranzug.
Spoiler: Der Körper ist kein Zeitfahranzug.

Wintergewicht: Sünde oder Strategie?
Jetzt wird’s spannend – und ja: Im Radsport kann es im Winter tatsächlich Sinn ergeben, nicht auf Teufel komm raus abzunehmen. Manchmal sogar im Gegenteil: ein wenig mehr „Puffer“ zu haben.
Nicht, weil man „Masse zum Verbrennen“ bunkern muss wie ein Hamster – sondern weil der Winter oft bedeutet:
- mehr Grundlagentraining
- mehr Umfang (oder zumindest: man will dahin)
- weniger Hitze (Appetit anders, Energiebedarf anders)
- mehr Alltagsstress (Jahresende, Jahresanfang, weniger Sonne)
Und wer im Winter hart trainiert (oder es versucht), sollte sich eine Frage stellen, die im Januar erstaunlich selten gestellt wird:
Esse ich wirklich zu viel – oder trainiere ich zu wenig / schlafe ich zu wenig / erwarte ich zu viel auf einmal?
Außerdem: Gewichtsschwankungen über die kalte Jahreszeit sind… normal.
Der Körper speichert mehr Wasser, Glykogen schwankt, Salz, Kohlenhydrate, Stresshormone – die Waage reagiert auf Dinge, die mit „Fett“ ungefähr so viel zu tun haben wie ein Klickpedal mit Romantik.
Und im Radsport gilt zusätzlich:
Wenn du weniger isst, ist das nicht automatisch „Disziplin“.
Manchmal ist es einfach nur Unterversorgung – und die rächt sich.
Die unangenehmen Fragen, die wir viel zu selten stellen
ilovecycling.de veröffentlicht und gibt natürlich auch Ernährungstipps, klar. Weil es gefragt wird und gewollt ist. Weil wir Menschen sind. Weil Winter eben Winter ist. Und auch wir komischerweise jedes Jahr im Winter an Gewicht zunehmen.
Aber wenn wir einmal kurz die Ironiebrille aufsetzen und die Jahreswechsel-Show anhalten, kommen ein paar Fragen, die echt wehtun können – und genau deshalb wichtig sind:
1) Wer profitiert eigentlich davon, dass du dich im Januar nicht gut genug fühlst?
Spoiler: Selten ist es dein Körper.
2) Warum nennen wir es „Neustart“, wenn es jedes Jahr derselbe Start ist?
Wenn ein Plan dich jedes Jahr zurück an denselben Punkt bringt – ist es dann ein Plan oder ein Kreisverkehr?
3) Willst du wirklich abnehmen – oder willst du dich wieder „in Kontrolle“ fühlen?
Kontrolle ist ein starkes Bedürfnis. Gewicht ist nur die einfachste Stellvertreter-Zahl.
4) Geht es um Gesundheit – oder um das Gefühl, „richtig“ zu sein?
Gesundheit ist komplex. „Weniger“ ist nur simpel.
5) Willst du schneller werden – oder nur leichter?
Im Radsport ist das ein Klassiker. Und die Antwort entscheidet darüber, ob du klüger trainierst oder nur härter verzichtest.
6) Warum ist „zunehmen im Winter“ plötzlich ein moralisches Versagen?
Als wäre der Körper ein Kalender, der sich bitte an Quartalsziele halten soll.
7) Wenn du jedes Jahr im Januar „endlich“ anfängst – warum darf Dezember dann jedes Jahr komplett eskalieren?
Vielleicht ist nicht dein Körper das Problem, sondern das Pendel: erst Verbot, dann Ausnahmezustand, dann Verbot.
Die große Ironie: Wir machen alle mit – sogar die, die warnen
Und jetzt kommt der Teil, der weh tut, weil er wahr ist:
Auch die, die darüber schreiben (hallo), sind nicht immun. Ich übrigens auch nicht.
Denn Ernährung ist ein Thema, das garantiert Reichweite bringt. Und weil es Reichweite bringt, gibt es mehr davon. Und weil es mehr davon gibt, wirkt es wichtiger. Und weil es wichtiger wirkt, werden noch mehr Menschen zu „Expert*innen“.
Das ist der ewige Januar-Algorithmus:
Problem erzeugen → Lösung verkaufen → Schuldgefühl erneuern → Problem bleibt → nächstes Jahr wieder
Und ja: Es gibt Menschen und die Industrie, die wirklich helfen.
Aber es gibt auch genug, die aus „Abnehmen“ ein Abo- oder Kauf-Modell gemacht haben.
Was wäre, wenn wir dieses Jahr nicht „abnehmen“, sondern „verstehen“ als Ziel nehmen?
Hier kommt der unsexy Teil, den niemand als Reel posten will:
Vielleicht ist nicht die Frage „Wie werde ich schnell X Kilo los?“
sondern:
- Was hat dazu geführt, dass ich jedes Jahr im Winter in denselben Zyklus rutsche?
- Welche Gewohnheiten sind realistisch – auch im November?
- Welche Rolle spielt Stress? Schlaf? Alkohol? Bewegung im Alltag?
- Wie kann ich so trainieren und essen, dass ich nicht dauerhaft im Verzicht-Modus bin?
Und im Radsport besonders:
- Esse ich so, dass ich gut trainieren kann?
- Oder esse ich so, dass die Waage mich lobt – und mein Körper mich später hasst?
Wenn du am Ende 2 kg leichter bist, aber dafür 20% weniger Bock hast, ist das kein Sieg. Das ist ein Tauschgeschäft mit schlechter Kursrate.
Ein Schlusswort mit einem Augenzwinkern (und ohne X-Wochen-Wunderplan)
Wir könnten dir jetzt auch noch einmal einen Plan an die Hand geben:
- Tag 1–3: Wasser trinken
- Tag 4–7: „Zucker reduzieren”
- Tag 8–14: „Intervallfasten, aber richtig”
- Tag 15: Erleuchtung + neue Schlüsselbeine
Aber das wäre genau das Spiel, das wir eigentlich kritisieren wollen.
Vielleicht ist der ehrlichste Januar-Plan eher so etwas:
- Fahr Rad, wenn’s geht.
- Iss so, dass du dich beim Fahren gut fühlst.
- Sei nicht überrascht, dass Winter Winter ist.
- Mach aus dem Körper kein Jahresendprojekt.
- Und wenn du wirklich gezielt Gewicht verändern willst: Mach es langsam, sinnvoll, mit Verstand – und im Zweifel mit echter Fachhilfe (Sporternährung), nicht mit Internet-Magie.
Denn ja: Man kann Gewicht verändern.
Aber man sollte sich vorher fragen, warum – und ob man dabei aus Versehen das ruiniert, was man eigentlich wollte: Gesundheit, Leistung, Freude.
Und wenn das Ganze nächstes Jahr wieder genauso losgeht…
dann wissen wir wenigstens: Es liegt nicht daran, dass wir zu wenig „Tipps“ hatten.
Sondern daran, dass wir jedes Jahr versuchen, den Winter mit einer Waage zu besiegen.
Spoiler 2: Der Winter gewinnt selten. Aber du kannst trotzdem eine verdammt gute Saison fahren.
































