Ein Ultracycling-Abenteuer zwischen Euphorie, Existenzkrisen und sehr vielen Höhenmetern.
Warum man so etwas freiwillig macht
Es ist ein Donnerstagnachmittag im Juni. Mein Fahrrad-Navi piept, sagt mir freundlich, ich solle links abbiegen – und da steht es: das Schild „Jaizkibel“. Der letzte von 33 Pyrenäenpässen, die zwischen dem Atlantik und mir stehen.
Die Beine brennen, der Kopf ist leer und gleichzeitig komplett überdreht. Trotzdem habe ich das Gefühl, zu fliegen. Adrenalin übernimmt die Kontrolle. Ein paar kurze, steile Rampen noch, dann sehe ich sie: Zielfahne, Helfer, Kameras. Das obligatorische Zielfoto wartet – und mit ihm der Moment, an den ich in den vergangenen Tagen tausendmal gedacht habe.

Nach 4 Tagen, 21 Stunden und 40 Minuten überquere ich die Ziellinie der Transpyrenees. Ein Ultracycling-Rennen vom Mittelmeer zum Atlantik, 1.050 Kilometer, über 25.000 Höhenmeter, 33 Pässe. Unsupported. Kein Begleitfahrzeug, kein Catering, keine Mechaniker. Nur du, dein Rad, dein Gepäck – und das, was der Weg dir gönnt.
Jetzt sind es nur noch 10 Kilometer bergab nach San Sebastián.
Dort warten meine Familie, gutes Essen – und ein Bier.
Wie oft ich mir diesen Moment ausgemalt habe? Unzählige Male. Wie oft ich ihn verdrängt, wieder vorgespult, neu gedacht habe? Auch unzählige Male. Und jetzt steht er einfach da. Realität.
Aber fangen wir vorn an …
Vom Three Peaks zum nächsten Kapitel
2021 bin ich mein erstes Ultraradrennen gefahren: das Three Peaks Bike Race von Wien nach Barcelona. Das hat ausgereicht, um mich mit dem Ultra-Virus zu infizieren. Die Mischung aus Freiheit, Ausgesetztheit, Müdigkeit, den All-in-Momenten bergauf und bergab – das hat mich nicht wieder losgelassen.
Für 2023 suchte ich das nächste Abenteuer. Die Wahl fiel auf die Transpyrenees – in der Szene inzwischen ein ziemlich fester Begriff. Vom Osten nach Westen, immer an der Pyrenäenkette entlang, von der Costa Brava bis an den Atlantik. Vorgabe:
- fix definierte Route
- 1.050 km
- über 25.000 hm
- maximal 6 Tage Zeit
Und eben komplett unsupported. Alles, was du benötigst, musst du am Rad haben oder unterwegs finden. Hotels, Wasser, Essen, Reparaturen – alles dein Problem. Oder eben dein Abenteuer.
Das Abenteuer beginnt schon am Flughafen
Apropos Abenteuer: Das fing gar nicht erst am Startort an, sondern schon am Flughafen.
Ich stehe am Sperrgepäckband, warte auf meinen Radkoffer – und warte. Und warte.
Nach einer Stunde wird aus „Naja, dauert halt“ langsam „Äh… Worst Case?“.
Ist mein Rad an einem unbekannten Ort in Frankfurt am Main stehen geblieben?
Nach einigem Hin und Her und dank einer engagierten Mitarbeiterin am Schalter kommt die Auflösung: Das Rad ist da – es steht nur noch draußen auf dem Rollfeld. Ausgeladen, aber nicht weitertransportiert. Personalmangel. Die neue Normalität.
Ich nehme es mit Humor. Aus einem unbekannten Grund passt es auch. Wenn alles glattgehen würde, wäre es ja fast zu einfach.
Start in Llançà – hinein in die Nacht
Llançà, ein kleiner Küstenort an der Costa Brava. Mittelmeerluft, Sonne, Urlaubsflair – und 200 Nervbündel auf Rennrädern.
Der Veranstalter hat sich für eine besondere Dramaturgie entschieden: Start um 20 Uhr. Also rein in die Nacht, direkt zum Auftakt. Wir rollen mit Polizeieskorte durch den Ort, die ersten Zuschauer winken, ein paar Handys filmen, dann liegt plötzlich das offene Land vor uns. Die letzte Abendsonne taucht die Küste in rötliches Licht, die Grenze nach Frankreich ist nicht weit.
Die Lampen gehen an, die Rücklichter blinken, und vor dir und hinter dir zieht sich eine Lichterkette aus Fahrer:innen durch die Landschaft. Es ist warm genug für kurz/kurz, die Luft weich, die Stimmung fast feierlich. Und gleichzeitig weiß ich: Das hier wird die erste Nacht, die ich komplett auf dem Rad verbringe. Ich weiß nicht, wie sich das anfühlt. Der Plan: nicht darüber nachdenken, einfach fahren.
In der Dunkelheit wird die Landschaft zur Kulisse. Was tagsüber Panorama wäre, reduziert sich nachts auf einen Korridor aus Licht. Der Blick wandert häufiger auf den Radcomputer als in die Umgebung, die Route wird zur Lebensader. Die ersten Pässe – hier heißen sie Col oder Port – sammle ich später nach Mitternacht ein.
Der Col de Palomère ist der erste über 1.000 Meter, die Abfahrt führt über enge, kleine Straßen nach Vinça. Alles ist ruhig. Und dann passiert das, womit man mitten in der Nacht in den Pyrenäen nicht rechnet.


„Allez! Allez!“ Irgendwo im Nirgendwo.
Mitten im vermeintlichen Niemandsland taucht plötzlich eine kleine Party auf.
Jugendliche, laute Musik, Stroboskop, etwas zwischen Dorfdisco und Feldrave.
Und sie feuern uns an, als wären wir die Tour de France.
„Allez, allez!“, wird gerufen, wir rollen grinsend vorbei. Es ist einer dieser Ultra-Momente, in denen du weißt: Das kannst du nicht planen – das muss einfach passieren.
In den frühen Morgenstunden erreichen wir einen kleinen Ort. Eine Bäckerei hat schon geöffnet – oder noch. Kaffee, Croissants, ein paar müde Gesichter am Tisch. Ein kurzer Moment Normalität, bevor es weitergeht.
Der Tag zieht sich wie ein Ziehharmonika-Profil: rauf, runter, rauf, runter. Flache Passagen? Wenige. Später steht der erste Pass über 2.000 Meter an: der Col du Pailhères. Die Abfahrt ist wegen starker Seitenwinde anspruchsvoll. Danach: Hitze. Sehr viel Hitze. Bis zu 37 Grad.
Kaum Schatten, kein Wald, nur Sonne. Zum Glück findet man immer wieder Brunnen oder Quellen, um Wasser aufzufüllen. Supermärkte? Sonntag. Geschlossen. Cafés? Selten. Ich habe für den ersten Tag meine komplette Verpflegung dabei – ein guter Plan in einem Land, das sonntags kollektiv „fermé“ sagt.

Der Col de Port wird dann zur Hitzeschlacht. Der Asphalt flimmert, der Puls ist am Anschlag, die Laune schwankt zwischen Konzentration und „Warum mache ich das noch mal?“. Kurz vor dem nächsten Anstieg gibt es ein Restaurant. Ich halte mit drei spanischen Mitfahrern, wir essen, trinken, buchen ein Hotel für später. Ein kleiner Luxus während einer Tour, die sonst wenig berechenbar ist.
Am Abend wartet noch ein besonderer Brocken: die Mur de Péguère, mit Rampen bis 18 %. Mit letzter Kraft schleiche ich mich nach oben. Der Körper ist leer, der Kopf auch. Aber es gibt diese innere Stimme, die sagt: Komm, einen noch.
Oben weiß ich: Es ist nicht mehr weit bis zum Hotel. Eine kleine Lodge, einfache Zimmer, aber warm, freundlich, ehrlich. Die Gastgeber – Engel in Zivil – kochen uns spätabends noch einen großen Topf Pasta. Danach bin ich nur noch eine Funktion: hinlegen, schlafen.
Bilanz dieses Tages: 360 km, ca. 8.000 Höhenmeter. Mein bisher längster Tag auf dem Rennrad.
Tag 2 – Wenn nichts läuft und dann auch noch ein Nagel im Reifen steckt
Der Plan war: früh starten, Frühstück mitnehmen, Kilometer machen.
Die Realität: Ich wache mit Kopfschmerzen auf. Der Vortag – Hitze, 38 Stunden weitestgehend ohne Schlaf – hat Spuren hinterlassen.
Draußen regnet es. Nicht dramatisch, aber konstant. Ich rolle los, der Kopf brummt, die Beine sind schwer. Nach einem mittellangen Anstieg auf knapp 1.000 Meter und einer Abfahrt lande ich in Saint-Girons – mein erster größerer Ort für heute, und gleichzeitig der letzte auf dem geplanten Abschnitt. Espresso im Café, Supermarktstopp, Taschen mit Essen vollpacken – das Basis-Kit für einen langen Ultra-Tag.
Doch dann kommt die Realität dazwischen:
Es läuft nicht. Gar nicht.


Es regnet weiter, die Motivation rutscht zwischen Nieselregen und Schlaglöchern in den Keller. Auf einer Abfahrt mit vielen Löchern, Schotter und Schlamm erwischt es mich: Platten Nummer 1. Durchschlag. Okay, kann passieren, behoben.
Einige der Fahrer:innen, die ich eben mühsam überholt hatte, ziehen wieder vorbei. Ich arbeite mich zurück, und als ich gerade denke: „So, jetzt läuft’s wieder“ – Platten Nummer 2.
Dieses Mal hat sich ein dicker Nagel einmal komplett durch den Reifen gebohrt.
Ich denke kurz darüber nach, das Ganze „Charakterbildung“ zu nennen, entscheide mich aber innerlich für „gebrauchten Tag“. Im ganzen Jahr vorher hatte ich genau einen Platten. Jetzt zwei in kürzester Zeit.
Aber auch solche Tage gehen weiter. Das Wetter wird etwas besser, die Laune langsam auch. Gemeinsam mit drei anderen Teilnehmern fahre ich den Port de Balès hoch. Oben Nebel, unter 10 Grad, aber: ein Imbisswagen hat noch offen. Crêpes und Cola schmecken in solchen Momenten wie Sterneküche.
Wir rollen weiter, jetzt zu dritt. Ziel: heute auf jeden Fall noch den Col de Peyresourde mitnehmen. Mein ursprüngliches Etappenziel ist durch die Pannen und den zähen Start nicht mehr machbar. Also Plan B: rechtzeitig ein Hotel finden.
In Arreau telefoniere ich mich durch halb Frankreich. „Fermé“ ist jetzt der am häufigsten gehörte Begriff. Im Nachbarort Cadeac klappte es dann doch: ein Zimmer ist frei.
Es bleibt eine Aufgabe: rechtzeitig ankommen, bevor die Küche schließt.
Also gibt’s noch einen „Zielsprint“ über 7 Kilometer. Ich schaffe es – gerade so. Im Gastraum sitzen bereits andere Mitstreiter, vertraute Gesichter vom Vortag. Man isst, lacht, teilt Geschichten. Und plötzlich ist dieser gebrauchte Tag doch noch einer, an den man sich gern erinnert.


Tag 3 – Tourmalet, Legenden und die umstrittene Wasser-Sparmaßnahme
Der Morgen beginnt in Cadeac mit dem Anstieg zum Hourquette d’Ancizan (1.554 m).
Etwa auf halber Höhe vibriert mein Handy: eine WhatsApp-Nachricht vom Veranstalter.
Auf der Abfahrt seien 6 Kilometer Straße mit Schotter präpariert worden, wegen Bauarbeiten. Es wird eine Ausweichroute über den Col d’Aspin vorgeschlagen.
Jetzt die Frage: Umdrehen?
Meine Lust darauf hält sich in Grenzen.
Kurz darauf kommt mir ein spanischer Rennradfahrer entgegen. Ich frage ihn, ob man die Straße nach Sainte-Marie-de-Campan fahren kann. Seine Antwort:
„Claro, no pasa nada.“
Mehr brauche ich nicht. Ich fahre weiter.
Oben angekommen, ist der angekündigte Schotter da – aber halb so wild. Fein, fahrbar, nichts Dramatisches, zumindest nicht mit einem halbwegs wachen Kopf. Mein Rad überlebt, ich muss keine Dorfschmiede aufsuchen.

Sainte-Marie-de-Campan ist ein ganz eigener Ort in der Radsportgeschichte.
Hier reparierte 1913 der Tour-de-France-Fahrer Eugène Christophe als Träger des Gelben Trikots seine gebrochene Gabel selbst in einer Schmiede – nachdem er sein Rad über 10 Kilometer hinuntergetragen hatte. Es ist eine dieser Geschichten, die man kennt – und plötzlich steht man selbst dort.
Ich gönne mir nur einen kurzen Stopp, dann geht es weiter: Col du Tourmalet.
Einer der ikonischsten Anstiege der Pyrenäen. Der Steigungsgrad ist relativ konstant, so etwas liegt mir. Ich komme gut voran, finde meinen Rhythmus. Auf der Passhöhe: Baustelle, Staub, Lärm. Die Vorbereitung für die Tour de France – die Romantik muss kurz warten.
Nach der Abfahrt halte ich in Luz-Saint-Sauveur. Hier habe ich wie viele andere ein Hotel gebucht – es wird mein Basislager für den Rest des Tages. Denn der nächste Abschnitt hat es in sich: der Cirque de Troumouse (2.103 m). Kein Pass, sondern eine Sackgasse, die wieder zurückführt. Das Gute: Ich kann den Großteil meines Gepäcks im Hotel lassen.
Das Schlechte: Ich komme auf die „schlaue“ Idee, nur eine Flasche Wasser mitzunehmen.
Zunächst ist es bedeckt, doch dann kommt die Sonne raus. Die Temperaturen klettern auf knapp 29 Grad. Und ich spreche innerlich ein ernstes Wörtchen mit dem Strategen in mir, der beschlossen hatte, Gewicht wichtiger zu nehmen als Flüssigkeit.
Zum Glück komme ich an einer Tankstelle vorbei und kann auffüllen.
Die Straße zum Troumouse schlängelt sich durch eine typische Pyrenäen-Kulisse: grün, schroffe Felsen, Schafe, Ziegen, Kühe – oft mitten auf der Straße, weil sie das so wollen. Die letzten Kilometer sind brachial steil. Trotz des leichteren Rads wird jeder Meter Arbeit.
Ab einer gewissen Höhe zieht Nebel auf. Oben angekommen, sehe ich – nichts. Die Aussicht, die ich von Fotos her kenne, bleibt mir verwehrt. Dafür bekomme ich eine extra-lange, nebelige Abfahrt mit Sichtweiten unter 10 Metern.
Mein Plan für heute: etwas weniger fahren, dafür morgen früher starten.
Also: große Pizza, alkoholfreies Kronenbourg, kurzer Austausch mit anderen Fahrern – und ab ins Bett.


Tag 4 – Aubisque, Issarbe, Larrau: Willkommen in der Wand
Der Wecker klingelt um 4:00 Uhr.
Zwei Bananen als Frühstück, Satteltasche ans Rad, raus vor die Tür – und direkt wieder rein in die Realität: es regnet in Strömen. Laut Wetter-App soll der Regen in etwa 30 Minuten nachlassen. Also warte ich. Ultra ist auch Timing.
Über schmale Nebenstraßen rolle ich nach Borderes, ländliche Idylle, niemand unterwegs. In Arrens gibt es Kaffee und ein zweites Frühstück – ohne Kaffee kann der Tag für mich nicht wirklich beginnen. Ich treffe andere Teilnehmer:innen, gemeinsam geht es weiter zum Col d’Aubisque (1.709 m).
Die Landschaft hier ist spektakulär. Grüne Hänge in allen Schattierungen, dazwischen Felsen, kleine Schneefelder, darüber eine Nebelschicht, die das Ganze wie eine Bühne wirken lässt. Einerseits mystisch, andererseits sehr klar: Wir sind noch lange nicht fertig.

In einem Supermarkt decke ich mich für den restlichen Tag mit Essen ein. Denn heute warten zwei echte Schlüsselstellen: der Col d’Issarbe (1.425 m) und der Port de Larrau (1.573 m). Ein Mitfahrer hatte mittags zu mir gesagt:
„Je näher wir dem Baskenland kommen, desto steiler wird es.“
Er sollte recht behalten.
Ich kenne das Profil vom Bildschirm. Ich weiß, dass es Passagen mit 14–16 % geben wird. Aber wie sich das anfühlt, wenn diese Passagen lang sind, spürt man erst vor Ort.
Trotz 1:1-Übersetzung wird der Port de Larrau zur Grenzerfahrung. Teilstücke mit über 10 % auf fast 9 Kilometern summieren sich zu einem der härtesten Pässe der gesamten Tour. Ein runder Tritt? Illusion. Knie und unterer Rücken melden sich deutlich. Immer wieder steige ich kurz ab, dehne mich, lockere alles, was noch zu lockern ist.
Wir fahren eine Zeit lang in einer kleinen Gruppe. Die Stimmung schwankt zwischen Galgenhumor und leisem Fluchen. Später stellt einer die Frage:
„Wie ist hier früher ein VW Käfer mit vier Personen hochgekommen?“
Die Antwort eines anderen: „Drei steigen aus und schieben.“
Wir lachen – und treten weiter.
Auf den letzten 200 Höhenmetern taucht erneut dichter Nebel auf, dazu heftige, kalte Windböen, die einen fast von der Straße drücken. Selbst das Anziehen der Regenjacke wird zur technischen Herausforderung.
Aber wie so oft wartet auf der anderen Seite des Berges bessere Laune in Form von Sonne. Die Abfahrt belohnt mit einem grandiosen Sonnenuntergang. Die Beine sind müde, der Kopf aber so voller Eindrücke, dass an „abschalten“ nicht zu denken ist.
Im nächsten Ortsschild steht: Otxagabia. Wir sind endgültig im Baskenland.
Ich finde ein Hotel – allerdings nur noch eine große Dreipersonen-Suite. Egal. An solchen Tagen nimmt man, was man bekommt. Und eine große Portion Platz zum Regenerieren kann nie schaden.


Der letzte Tag – Nebel, Pilger und eine Seifenrutsche aus Kuhmist
Nach etwas mehr als vier Stunden Schlaf geht es wieder los. Die letzten 200 Kilometer stehen an. Im Kopf: „Fast geschafft.“ In den Beinen: „Sicher?“
Der Morgen beginnt mit einem grandiosen Sonnenaufgang, wie man ihn nur in den Bergen sieht. Kurze Zeit später zieht die Bewölkung zu, Regen setzt ein. Natürlich. Es wäre langweilig, wenn der letzte Tag einfach wäre.
Das Profil ist zunächst „wellig“ – ein Euphemismus für „ständig hoch und runter“. Die Straßen sind klein, teils schlecht asphaltiert. Es geht auf den Col d’Arnostegi, ein Teilstück des Jakobswegs. Immer wieder kommen mir Pilger entgegen, die mich freundlich anschauen. Sie haben ihren eigenen Weg, ich meinen.
Die Sicht ist durch Nebel und Regen stark eingeschränkt. Kühe und Ziegen stehen mal am Rand, mal mitten auf der Straße. Man sieht sie oft erst im letzten Moment. Die Abfahrt Richtung Saint-Jean-Pied-de-Port ist brutal: bis zu 18 % Gefälle, dazu starker Regen und eine ordentliche Schicht Kuhmist auf der Fahrbahn. Eine Mischung, die jede Kurve zur Lotterie macht. Ich bin heilfroh, mit Scheibenbremsen unterwegs zu sein.

In Saint-Jean-Pied-de-Port mache ich einen kurzen Stopp: Sandwich, Kaffee, Cola. Eine große Pause will ich mir nicht mehr gönnen – das Ziel ist zu nah, um jetzt noch mit der Uhr zu pokern.
Es gibt noch einen letzten längeren Anstieg auf knapp 1.000 Meter, wieder mit sehr steilen Passagen. Mehrmals rutscht mir das Hinterrad weg. Die Straße ist mittlerweile eine Mischung aus Wasser, Schlamm und Kuhdung – eine Art natürliche Seifenrutsche. Mein Rad sieht aus, als wäre ich einen Cyclocross- oder MTB-Marathon gefahren, aber das ist mir inzwischen herzlich egal.
Nur noch der Col d’Ispeguy, ein weiterer kleiner Pass, dann ist da wieder dieses Schild: „Jaizkibel“. Drei Tage nach uns werden hier die Teams der Tour de France drüber fahren. Jetzt bin ich dran.
Dotwatching und der letzte Push
Ich werfe einen Blick auf das Live-Tracking des Veranstalters. Jede:r Teilnehmer:in trägt einen GPS-Tracker, der die aktuelle Position und die Startnummer zeigt. Auf der Karte sind wir als kleine Punkte – „Dots“ – sichtbar. Das nennt man Dotwatching.
Ich sehe: Einige Dots knapp hinter mir, zwei vor mir.
Eigentlich war mir die Platzierung immerzu relativ egal. Aber jetzt, auf den letzten Kilometern, setzt dieser Reflex ein: Hineinlassen? Nee.
Also drücke ich ein letztes Mal. Die Oberschenkel brennen, der Puls schießt hoch, aber ich möchte mich nicht mehr einholen lassen – und wenn möglich sogar noch jemanden kassieren. Am Ende gelingt beides. Ich überhole noch zwei Fahrer und rolle schließlich Richtung Ziel.
Und dann ist er da: der Moment, der alles zusammenfasst.
Zielfahne, Organisatoren, Kameras. Das „Ich hab’s geschafft“-Gefühl, das man nicht beschreiben kann, sondern nur erleben.


Fazit – Mehr als nur ein Rennen
Die Transpyrenees waren für mich weit mehr als ein sportlicher Wettkampf.
Es waren knapp fünf Tage, die sich anfühlten wie Wochen – voller Hitze, Regen, Nebel, Kuhmist, Pannen, Baustellen, Pizzas, Crêpes, kalter Cola, warmer Begegnungen und stiller Momente auf verlassenen Straßen.
Ich denke selten an Wattwerte oder Geschwindigkeit zurück.
Stattdessen bleiben Bilder:
- die Lichterkette in der ersten Nacht
- die feiernde Jugendgruppe mitten im Nirgendwo
- der Imbisswagen im Nebel am Port de Balès
- der Mythos Tourmalet zwischen Baustellen und Staub
- die brutalen Rampen im Baskenland
- das Lachen, wenn jemand den VW Käfer ins Spiel bringt
- der Blick auf die Tracking-Karte, kurz bevor man doch noch einmal in den „Race-Modus“ anschaltet
Am Ende bleibt ein Gefühl, das sich schwer in Zahlen fassen lässt:
Dankbarkeit, dass ich das erleben durfte.
Respekt vor den Bergen, vor den anderen Fahrer:innen, vor meinem eigenen Körper.
Und die leise, unausweichliche Frage: „Und was kommt als Nächstes?“


© Fotos in diesem Artikel: TRANSIBERICA RANDONNEURS CYCLING CLUB, F. Sanchoyarto, M. Ruchti
































