Am Anfang war es nur die alte Staubfänger-Möhre aus dem Keller. Einmal kurz putzen, ein bisschen Luft aufpumpen, „nur mal eben zum Bäcker“.

Dann kamen das erste „richtige“ Rennrad, das erste „richtige“ Mountainbike, das erste „richtige“ Gravelbike. Plötzlich hattest du Wörter im Kopf, die nach Science-Fiction klingen: Steuersatz, Nippelspanner, Übersetzung, FTP. Wochenenden, an denen früher Freunde, Familie und Ausschlafen dran waren, heißen jetzt „Grundlagenblock“ oder „intensiver Reiz“.

Du sitzt im Büro, starrst auf Tabellen – aber in deinem Kopf fährst du längst einen Alpenpass hoch. Auf Partys ertappst du dich dabei, wie du fremden Leuten unauffällig auf die Waden schaust. Urlaub? Nennt sich inzwischen „Trainingslager mit Meerblick“.

Und eines Tages stellst du dir die Frage:

Bin ich vielleicht … ein klein bisschen radverrückt?

Bin ich vielleicht … ein klein bisschen radverrückt? ©AdobeStock – Antonio Gravante
Bin ich vielleicht … ein klein bisschen radverrückt? ©AdobeStock – Antonio Gravante

Hier ein kleiner Reality-Check:

Woran du merkst, dass du endgültig vom Bike-Virus infiziert bist:

  • Beim Spaziergang fängst du an, Hindernisse mit Handzeichen und Zurufen nach hinten zu melden – Schulterblick inklusive.
  • Du legst deine Socken auf die Küchenwaage, um zu prüfen, ob die neuen wirklich leichter sind.
  • Du buchst keine Urlaube mehr, sondern „Trainingslager“ – selbst, wenn das Hotel direkt am Strand liegt.
  • Das Wort „Vorbau“ hat für dich nichts mehr mit Anatomie oder Architektur zu tun, sondern nur mit Winkel, Länge und Reach.
  • Auf der Autobahn überholst du Lkws ungern, weil der Windschatten eigentlich viel zu verlockend wirkt.
  • Du rasierst dir die Beine öfter als dein Gesicht (oder jede andere Körperstelle).
  • Du kennst jeden Feldweg, jede Rampe und jeden Stich besser als der lokale Taxifahrer.
  • Im Auto willst du beim Abbiegen instinktiv den Arm aus dem Fenster strecken, statt einfach den Blinker zu setzen.
  • In deiner Wohnung stehen mehr Fahrräder als Grünpflanzen – und die Räder haben die bessere Pflege.
  • Bergab duckst du dich auch im Auto leicht nach unten, weil du dir einbildest, so aerodynamischer zu sein.
  • „Nippelspanner“ ist für dich kein Grund mehr zu kichern, sondern ein ganz normales Werkzeug, das man immer an einem anderen Ort verlegt.
Und wie sieht es mit deiner
Und wie sieht es mit deiner Radsportsucht aus? ©AdobeStock – Tepsarit
  • Drängler auf der Autobahn heißen bei dir „Hinterradlutscher“.
  • Nach einem Sturz fragst du zuerst: „Wie sieht mein Rad aus?“ – erst danach prüfst du, ob du irgendwo blutest.
  • Nagellack, Lippenstift oder Fingernägel sind selbstverständlich in der Rahmenfarbe deines Lieblingsbikes gehalten.
  • Du versuchst sogar beim Sex im GA1-Bereich zu bleiben – und hast kurz den Impuls, die „Einheit“ im Trainingstagebuch zu vermerken.
  • Am Jahresende zeigt dein Radcomputer mehr Kilometer als der Tacho deines Autos.
  • Bei „Mallorca“ denkst du an Sa Calobra, Kloster Lluc und Rückenwind – nicht an Ballermann.
  • Du sagst vollkommen ernst: „Heute nur locker, so 120 Kilometer.“
  • Überholt dich beim Training jemand, bist du sicher: Der macht bestimmt nur eine ganz kurze Runde.
  • Du zuckst am Lenkrad, sobald du ein Schlagloch siehst, und fragst dich, warum das Auto nicht so elegant ausweicht wie dein Rennrad.
  • Wenn du im Auto überholst, hörst du dich selbst „Links!“ rufen.
  • Beim Anblick eines Blitzers bergab trittst du instinktiv noch mal an – und freust dich heimlich über das „Zielfoto“.
  • 5.000 EUR für ein neues Rennrad verbuchst du als Schnäppchen – schließlich war der Laufradsatz ja nicht mal dabei.
  • Statt Handtasche oder Rucksack benutzt du stolz den Startbeutel vom letzten Ötztaler.
  • In der Öffentlichkeit scannst du unauffällig jede Kurbel, jedes Schaltwerk und jede Laufradmarke.
  • Du läufst bei Minusgraden in ¾-Hose herum, weil die Beinlinge gerade in der Wäsche sind.
  • Du legst dich im Solarium bewusst mit kurzer Radhose hin, um die Radfahrerbräune zu perfektionieren.
  • Du hast mehr Fotos von deinen Waden auf dem Handy als Selfies von deinem Gesicht.
  • Auf deinem Eisdielenrad versuchst du mit normalen Turnschuhen auszuklicken – und wunderst dich, warum das nicht klappt.
  • Wenn du richtig sauer bist, leidet eher die Einrichtung als dein Bike – das wird nicht angefasst.
  • Im Hotel bringst du dein Rad ins Zimmer – und im Zweifel auch aufs Bett.
  • Am Berg schreist du deinen Trainingspartner liebevoll an: „Quäl dich, du Sau!“ – Motivation, ganz klar.
  • Beim Anblick von Kopfsteinpflaster denkst du automatisch an Paris–Roubaix, nicht an Rückenschmerzen.
  • Du fragst dich ernsthaft, warum Autos noch Gas- und Bremspedale haben und nicht endlich Shimano oder SRAM verbaut ist.
  • Im Verein erzählst du konsequent: „Ich habe diese Woche fast gar nicht trainiert“ – und meinst damit 400 statt 500 Kilometer.
  • Deinen Kolleg:innen erklärst du, dass du deine Waden nur rasierst, weil die Wundheilung nach einem Sturz dann besser ist – nicht wegen der Optik, niemals.
Vielleicht solltest du nicht unbedingt im Urlaub dein Bike mit ins Bett nehmen. Vielleicht fällt dir noch etwas Besseres ein?!
Teilst du dein Bett auch schon mit deinem Bike? ©ilovecycling.de – Jörg Lachmann
  • Du kennst jeden RTF-Termin der Region, vergisst aber regelmäßig Geburtstage oder den Hochzeitstag deines/deiner Partner:in.
  • Morgens füllst du deine Trinkflasche mit Kaffee, weil eine normale Tasse einfach nicht „richtig“ in die Hand liegt.
  • Du denkst beim Wort „Essen“ zuerst an Kohlenhydrate, Proteine, Riegel und Gels – nicht an Geschmack.
  • Arbeit ist für dich die lästige Regenerationsphase zwischen deinen Trainingseinheiten.
  • Nach einem Unfall möchtest du die Sanitäter wieder wegschicken, weil im RTW kein Platz für dein Bike ist.
  • Du kennst die Angebote und Rabattaktionen der einschlägigen Bike-Onlineshops auswendig.
  • Deine Fingerspitzen sind braun, der Rest der Hand schneeweiß – und im Gesicht trägt sich der Sonnenbrillenabdruck wie ein Ehrenabzeichen.
  • Beim Frühstück redest du nur über mögliche Radstrecken fürs Wochenende.
  • Montags checkst du als Erstes die Wettervorhersage fürs Wochenende, um RTFs und lange Ausfahrten zu planen.
  • Beim Autokauf ist deine wichtigste Frage: „Passen da zwei Räder rein, ohne dass ich Laufräder ausbauen muss?“
  • Du hast im Keller einen Fahrradschrank stehen, der schöner ist als manche Design-Küche.
  • An deinem Eisdielenrad sind natürlich auch Klickpedale montiert.
  • Dein Fahrrad hat einen Namen – und manchmal redest du mit ihm.
  • Du putzt dein Rad öfter als dein Auto.
  • Du stehst um 4:00 Uhr auf, um mit dem Rad statt mit dem Auto zur Arbeit zu fahren.
  • Jeder Regentropfen auf dem Rahmen fühlt sich für dich an, als würde er den Lack auffressen.
  • Du nimmst dein Bike schon mal mit unter die Dusche, „nur um schnell das Salz herunterzuspülen“.
  • Du sammelst bewusst 5‑Euro-Scheine, damit du beim nächsten RTF das Startgeld passend hast.
  • Fährst du mit dem Rad über eine Gummimatte an der Baustelle, bist du zehn Sekunden lang irritiert, weil kein Zeitmess-Chip piepst.
Und? Bist du auch vom Bike-Virus infiziert? ©AdobeStock – sathon
Und? Bist du auch vom Bike-Virus infiziert? ©AdobeStock – sathon

Und weil’s so schön ist, kommen noch ein paar moderne Symptome dazu:

  • Deine Beziehung zu deinem FTP-Wert ist emotional intensiver als zu manchem entfernten Verwandten.
  • Du fährst nach einer Ausfahrt noch eine Extraschleife um den Block, damit auf dem Tacho eine glatte 100 steht.
  • Neue Urlaubsziele suchst du über Strava-Heatmaps und Komoot-Highlights.
  • Jemand schlägt dein Lieblingssegment auf Strava – du bist gleichzeitig beleidigt und hoch motiviert.
  • Dein Smart-Trainer hat in der Wohnung einen besseren Platz als das Sofa.
  • Dein Handy-Akku ist leer, aber dein Garmin/Wahoo ist voll – Prioritäten.
  • Du kannst dir keine PINs merken, aber jede Übersetzung deiner Kassette und die Zähnezahl deiner Lieblingskette.

Und jetzt mal ehrlich:
Du hast dir die Mühe gemacht, den kompletten Text zu lesen –
… und stellst erschrocken fest: Vieles davon stimmt. 😅

Na? Was fehlt noch?

Schreib deine eigenen Symptome unten dazu – der Club der Radverrückten hat immer Platz für weitere Mitglieder. 🚴‍♀️🚴‍♂️