„Ich komme gleich zurück, nur eine kleine Runde.“
Dieser Satz hat schon mehr Beziehungen gestresst, als jeder Aero-Laufradsatz jemals gerettet hat. Aus 45 Minuten werden drei Stunden, aus „nur kurz rollen“ wird „epische Ausfahrt mit Kuchenstopp“. Eine humorvolle Story über die größte aller Radfahrerlügen – mit einem Augenzwinkern und ein paar Ideen, wie man es besser machen kann.
1. Die Szene, die wir alle kennen
Wohnzimmer.
Später Nachmittag.
Du stehst im Trikot in der Tür, ein Fuß schon halb in den Radschuhen, der andere noch im Familienleben.
„Ich komme gleich zurück,
nur eine kleine Runde.“
Der Satz fällt beiläufig, so, als würdest du sagen:
„Ich geh nur kurz
den Müll runterbringen.“
Der Partner / die Partnerin:
„Wie lange ist klein?“
Du so:
„Ach… so 45 Minuten.
Maximal eine Stunde.“
(Spoiler: Lüge.)
2. Die Geburt der „kleinen Runde“
Früher, als wir noch ohne GPS gefahren sind, gab es zwei Arten von Runden:
- die wirklich kleine Runde:
25–40 km, nach der Arbeit, bei Tageslicht. - die große:
Samstag, halber Tag weg, danach müde, glücklich, hungrig.
Heute gibt es dazwischen die „kleine Runde“, die eigentlich eine große in Verkleidung ist:
- neue Strecke
- kurzer Abstecher
- ein Segment auf Strava, das „kurz“ geholt werden will
- „Ich schau nur mal, wo der Weg da hinten hingeht…“
Die Wahrheit ist:
„Kleine Runde“ ist kein Zeitbegriff.
Es ist ein Gefühl.
Und Gefühle haben selten einen Timer.
3. Wie aus 60 Minuten 180 werden
Eine exemplarische Timeline:
- 0:00 – Du fährst los. Alles läuft nach Plan.
- 0:15 – Beine fühlen sich gut an. Du drehst „noch kurz“ links statt rechts.
- 0:35 – Du triffst jemanden aus dem Verein / der Gruppe.„Ach komm, fahr noch ein Stück mit!“
- 0:55 – Ihr seid in einem anderen Ort, von dem du nur grob weißt, wo er auf der Karte liegt.
- 1:20 – „Wenn wir jetzt dort noch hoch fahren, haben wir schön Höhenmeter.“
- 1:45 – Hunger. Ihr haltet am Bäcker / Café.
- 2:05 – Du schaust das erste Mal wirklich bewusst auf die Uhr.
Innerer Monolog:„Ups.“ - 2:30–3:00 – Rückweg im „Okay-ich-muss-jetzt-wirklich-heim“-Modus.
Zu Hause:
„Wo warst du denn so lange?!“
„Es hat sich … etwas gezogen.“
4. Was unterwegs im Kopf passiert
Die innere Stimme kurz vor der geplanten Umkehr:
„Eigentlich könnte ich hier drehen.
Aber da vorn sieht’s interessant aus…“
Die innere Stimme 40 Minuten später:
„Okay, jetzt ist es wirklich Zeit, umzudrehen.
Aber der Rückenwind gerade ist so schön…“
Und dann kommt der Klassiker:
„Wenn ich jetzt noch
zehn Kilometer dranhänge,
lohnt es sich wenigstens.“
So wird aus „klein“:
- eine runde Kilometerzahl
- eine runde Stundenanzahl
- eine unrunde Stimmung zu Hause 😇
5. Die Sicht von zu Hause (mit Humor, aber Respekt)
Während du draußen:
- Kette hörst
- Wind fühlst
- Sonnenuntergang genießt
passiert drinnen:
- Uhr checken
- Schräge Blicke auf dein „Zuletzt online“ auf WhatsApp
- „Warum hat er/sie nicht mal kurz geschrieben?“
Je nach Familiensituation:
- Kinder fragen: „Wann kommt Mama/Papa wieder?“
- Essen wird warmgehalten. Dann kalt. Dann wieder warm.
- Serienfolge wird ohne dich angefangen. (Das wahre Drama.)
Und dann kommst du heim und sagst:
„Sorry, es wurde ein wenig länger.“
Untertreibung des Jahres.
6. Die Klassiker der Radfahrer-Ausreden (mit Übersetzung)
„Ich habe die Zeit total vergessen.“
👉 „Ich hatte zu viel Spaß.“
„Ging nicht früher, Gegenwind auf dem Rückweg.“
👉 „Ich hab zu spät umgedreht und wurde dafür bestraft.“
„Ich musste noch jemandem helfen, der einen Platten hatte.“
👉 Kann stimmen.
Oder: „Ich wollte nicht zugeben, dass ich den Platten hatte, weil ich schon wieder ohne Ersatzschlauch los bin.“
„Es war so schön, da konnte ich nicht aufhören.“
👉 Ehrlich. Vielleicht die beste Antwort.
7. Warum wir diese Lüge trotzdem lieben
Weil die „kleine Runde“ eigentlich Folgendes bedeutet:
- Ich brauche kurz Kopf frei.
- Ich will einmal nur treten, nichts denken.
- Ich möchte mich einfach kurz frei fühlen, ohne Agenda, ohne Uhr.
Radfahren ist mehr als Sport:
- es ist Therapie
- es ist Meditation
- es ist Flucht – im besten Sinne
Die Lüge ist keine böse Absicht.
Sie ist meist ein ungeschickter Versuch, das alles in einen harmlos klingenden Satz zu packen.
8. Wie man aus der Lüge eine halbwegs ehrliche Absprache macht
Damit aus „kleine Runde“ nicht jedes Mal eine kleine Krise wird, helfen ein paar Tricks:
1. Brutto-, nicht Netto-Zeit angeben
Nicht:
„Ich fahre 60 Minuten.“
Sondern:
„Ich bin in max. 2 Stunden wieder da.“
(inkl. Fotostopp, Pipi, Platten,
Verfahrer, Bäcker.)
2. Obere Grenze nennen, nicht Wunschdenken
Nicht:
„So 45 Minuten.“
Sondern:
„Irgendwas zwischen
1,5 und 2 Stunden – eher 2.“
3. Live-Standort teilen (wenn passend)
Kurze Nachricht zwischendurch:
„Noch 25 km, komme ca. 18:30.“
Wirkt Wunder.
Kostet 10 Sekunden.
Spart 30 Minuten Diskussion.
4. „Ich brauche heute wirklich eine längere Runde“ sagen
Statt zu beschönigen, einfach:
„Heute würde ich gern
3 Stunden fahren.
Passt das für dich?“
Ja, das macht verletzlich.
Aber auch verlässlich.
9. Die „kleine Runde“ in Zahlen
- Durchschnittliche angesagte Dauer: 60 Minuten
- Durchschnittliche reale Dauer: 120–180 Minuten
- Wahrgenommene Wartezeit zu Hause: gefühlt 4 Stunden
- Häufigste Startzeit:
„Eigentlich schon etwas zu spät, aber es geht ja nur kurz.“
10. Jetzt seid ihr dran!
Denn sind wir ehrlich:
Die besten Stories schreibt nicht der Text – sondern ihr.
Meine Fragen an die Community:
- Was war eure krasseste „kleine Runde“, die total eskaliert ist?
- Wie lange war eure längste 1-Stunden-Angabe, die ihr jemals bei der Rückkehr verteidigen musstet?
- Und: Was ist eure ehrlichste Ausrede, die ihr jemals gebracht habt?
👉 Schreibt’s in die Kommentare, schickt uns eure Strava-Screenshots oder markiert uns auf Social Media mit #nurEineKleineRunde und #ilovecyclingde.































