Ich wollte schon immer eine Weihnachtsgeschichte schreiben – und dieses Jahr habe ich mich endlich getraut.
Wenn du ein paar Minuten Zeit hast: Lies sie gern. Das bedeutet mir wirklich viel. Und wenn du am Ende denkst: „Okay… die war wirklich schön“ (oder du hast sogar kurz gegrinst, geschluckt oder beides), dann schreib mir gerne dein Feedback – das bedeutet mir echt viel.
Und falls du zufällig Produzent bist und gerade innerlich „Das schreit nach Verfilmung!“ rufst: Filmrechte? Ich bin bereit.
Und jetzt: viel Spaß beim Lesen!
Die Nacht, in der dem Weihnachtsmann die Kette herunterfiel
Man erzählt sich, es gebe zwei Geräusche, die nach Weihnachten klingen:
Das Klingeln der Glocken.
Und das Surren einer freilaufenden Nabe.
In jener Nacht, von der diese Geschichte handelt, waren beide Geräusche in der kleinen Stadt Speichlingen zu hören. Und seitdem sagt man dort:
„WEIHNACHTEN IST, WENN WIR NACHTS FAHREN.
DAMIT ANDERE MORGEN STRAHLEN.“
1. Heiligabend ohne Mitternachtsrunde
Lena starrte aus dem Fenster des kleinen Bike-Cafés „Kurbel & Keks“, während draußen dicke Schneeflocken die Welt in Slow Motion legten. Der 24. Dezember, später Nachmittag. Normalerweise ihr liebster Tag im Jahr.
Normalerweise.
„Also, ich sag’s dir, Kind“, brummte Opa Karl hinter dem Tresen und polierte eine Espressotasse, als wäre sie ein Laufrad vor dem Zeitfahren, „so viel Schnee hatten wir zuletzt, da bin ich noch sechs Tage Rennen auf Holzpisten gefahren.“
„Du hast noch nie sechs Tage am Stück etwas gemacht, außer reden“, murmelte Lena und zog ihre Mütze tiefer ins Gesicht.
Es war das erste Weihnachten ohne ihre Mutter. Früher waren sie am Vormittag von Heiligabend immer zusammen die „Sternchen-Runde“ gefahren – dreißig Kilometer, egal bei welchem Wetter. Ihre Mutter vorn, singend, mit diesem albernen Rentier-Geweih am Helm. Lena hinten im Windschatten, fluchend und lachend zugleich.
Dieses Jahr war sie nicht losgefahren. Sie hatte den Helm in der Hand gehalten. Er hatte sich plötzlich so schwer angefühlt wie ein kompletter Stahlrahmen mit Gepäckträger.
Und als wäre das nicht genug, war auch noch die legendäre „Mitternachtsrunde“ des örtlichen Radclubs abgesagt worden. Seit Jahrzehnten waren an Heiligabend kurz vor zwölf die Radlerinnen und Radler durch Speichlingen gefahren. Lichterketten an den Rahmen, Mützen über den Helmen, Glühwein in den Trinkflaschen (offiziell natürlich Tee).
Dieses Jahr: „Wegen Wetterlage zu gefährlich“, hatte der Vereinsvorsitzende Horst geschrieben.
Wetterlage. Pah.
„Weihnachten ohne Mitternachtsrunde“, murmelte Lena, „das ist wie Rennrad ohne Luft in den Reifen.“
Opa Karl lehnte sich an den Tresen, die Brille halb auf der Nase, halb im Haar.
„Weißt du, was das Gute am Schnee ist?“, fragte er.
„Na?“
„Kein Mensch sieht, wenn man abkürzt.“
Lena musste trotz allem lachen.
„Mach Feierabend“, sagte er sanfter. „Ich schließe hier gleich ab. Heiligabend, du solltest zu Hause sein. Oder auf dem Rad, aber sag das nicht deiner Oma.“
Lena nickte, zog ihre dicke Jacke an und schnappte sich ihr Gravelbike aus der Ecke. Sie strich kurz über den Rahmen. Seit Monaten war das Fahrrad ihr sicherster Ort: keine Fragen, keine Beileidsbekundungen. Nur sie, die Pedale und der Wind.
Draußen biss die Kälte. Ihre Atemwolke mischte sich mit dem Schneegestöber. Sie schob das Rad die Gasse hinunter. Gerade wollte sie aufsteigen, da hörte sie über sich ein seltsames Geräusch.
Es klang wie…
…eine Mischung aus kaputtem Einkaufswagen, quietschenden Bremsen und einem verärgerten Rentier.
Dann kam ein dumpfer WUMMS.
Und irgendwo hinter dem Café fluchte jemand laut und sehr deutlich:
„Verdammter Schlittenschnellspanner!“
2. Der Mann im roten Trikot
Lena blieb stehen.
Noch ein Fluchen. Dann ein metallisches Klirren. Dann ein Geräusch, das jeder Radmensch im Schlaf erkennt: Kette runter.
Offenbar war sie doch nicht die einzige, deren Heiligabend gerade schief lief.
Sie schob ihr Rad vorsichtig um die Ecke in den Hinterhof der „Kurbel & Keks“.
Was sie sah, ließ sie den Mund offenstehen.
Mitten im Schnee lag ein… nun ja… offensichtlich gescheiterter Landeversuch: Ein Schlitten, größer als jeder Lastenradkoffer, leicht angekokelt. Daneben acht sehr verwirrte Rentiere, von Kopf bis Huf mit reflektierenden Westen und Speichenreflektoren behängt.
Und mittendrin, mit ölverschmierten Händen, ein Mann im roten Outfit, der krampfhaft versuchte, eine Kette wieder auf ein Kettenblatt zu wuchten.
Nur: Der „Schlitten“ hatte gar kein Kettenblatt.
Er versuchte es an Lenas Gravelbike.
„Äh… „Entschuldigung?“, sagte Lena.
Der Mann fuhr herum.
Er trug einen roten Mantel, der verdächtig nach einem übergroßen Softshell-Wintertrikot aussah. Darunter blitzte etwas, das sehr verdächtig wie ein altes Merino-Baselayer wirkte. Sein Bart war beeindruckend, seine Brille beschlagen.
Auf seinem Kopf: keine Mütze.
Ein Helm. Rot. Mit weißen Streifen. Und einem kleinen Aufkleber: „North Pole Cycling Club“.
Er musterte sie kurz, dann ihr Rad, dann wieder sie.
„Du bist zu spät“, sagte er vorwurfsvoll.
„Wofür bitte?“, fragte Lena.
„Für deinen Einsatz natürlich! Du bist doch Lena Meier, 22 Jahre, Lieblingsrad: Gravelbike, Rahmengröße 54, bestes Segment: ‚Kapellenanstieg Nordseite‘ mit 4:37, auch wenn du 4:35 gerne hättest. Hobbys: Kaffee, Berge, Ausreden.“
Lena blinzelte.
„Woher…?“
Der Mann seufzte.
„Ich bin der Weihnachtsmann. Ich weiß Dinge.“
Er sah an sich herunter.
„Also, an einem guten Tag sehe ich auch überzeugender aus. Aber: Crash in der Abfahrt, weißt du? Carbon-Schlitten. Ich hab’s gewusst, ich hätte beim Stahl bleiben sollen.“
Lena starrte ihn an. Er starrte zurück.
Hinter ihm nieste ein Rentier.
„Der Weihnachtsmann fährt… Carbon?“ fragte sie langsam.
„Was denn sonst? Ich muss in einer Nacht um die ganze Welt. Das ist im Grunde ein Ultra-Rennen mit Zeitlimit. Da zählen Watt pro Kilo, meine Liebe.“
Er deutete auf sein Bäuchlein.
„Und bei mir ist das Kilo der schwache Teil der Bilanz.“
Eines der Rentiere war neugierig zu Lenas Rad getrottet und schnupperte an der Kassette.
„Nicht anfressen, Rudolf! 11-42er Kassette, so was wächst nicht auf Bäumen.“
Lena schüttelte den Kopf, lachte ungläubig und strich sich eine Schneeflocke aus der Wimper.
„Okay“, sagte sie. „Entweder ich träume. Oder Opa Karl hat heimlich den Glühwein mit etwas aufgepeppt. Oder…“
„… oder du stehst Heiligabend um halb sechs im Hinterhof eines Bike-Cafés“, unterbrach der Mann, „während der Weihnachtsmann mit defektem Schlitten strandet und dringend Hilfe benötigt. Welche Version findest du am spannendsten?“
Lena überlegte kurz.
„Die spannende“, gab sie zu.
Der Mann grinste, und in den Augenwinkeln glitzerte etwas, das kein Schnee war.
3. Mission (fast) impossible
„Also gut, Weihnachtsmann“, sagte Lena, die Hände in der Jackentasche vergraben. „Was genau ist das Problem?“
Er deutete dramatisch auf den halb zerstörten Schlitten.
„Abfahrt aus Richtung Nordpol, Anflug auf Speichlingen, Gegenwind, Querböen, nasser Schnee – ich sage doch seit Jahren, wir benötigen Scheibenbremsen am Schlitten. Aber nein, die Tradition, die Tradition …“
Er seufzte.
„Langer Rede kurzer Sinn: Die linke Kufe ist gebrochen, das Navigationssystem hat sich aufgehängt, und die Rentiere haben beschlossen, dass sie für heute im Prinzip Feierabend haben.“
Eines der Rentiere gähnte zustimmend.
„Ich muss aber noch alle Geschenke in der Region ausliefern: Speichlingen, Oberdorf, Unterdorf, die einsame Hütte am Höllenbuckel und diesen irritierend abgelegenen Hof da hinten im Wald, wo immer jemand Laufräder per Express bestellt.“
Lena nickte. Sie wusste exakt, welcher Hof gemeint war.
„Und du kannst nicht einfach… zaubern?“, fragte sie vorsichtig.
„Kind“, sagte der Weihnachtsmann und legte ihr verschwörerisch die Hand auf die Schulter, „Zauberei ist, wenn du mit leeren Beinen und vollem Herzen die letzten drei Kilometer im Gegenwind schaffst. Doch die Geschenke müssen trotzdem irgendwie… physisch… dahin.“
Er sah sich um.
Sein Blick blieb an ihrem Gravelbike hängen.
Dann am Hintereingang des Cafés, wo drinnen schemenhaft die Konturen von Rennrädern und Rahmen im Schaufenster zu sehen waren.
Dann wieder an ihr.
„Sag mal …“, sagte er langsam. „Wie sehr liebst du dein Fahrrad?“
„Sehr.“
„Wie sehr liebst du Weihnachten?“
„Sehr.“
„Wie stehst du zu Nachtschichten bei Schneefall, zweistelligen Steigungen und leichtem Zeitdruck?“
Lena spürte, wie etwas in ihrer Brust aufleuchtete, das den ganzen Dezember über nur geglimmt hatte.
„Kommt darauf an“, sagte sie. „Mit wem fahre ich im Wind?“
Der Weihnachtsmann grinste breit.
„Mit mir. Und“, er deutete auf die Tür des Cafés, „mit einem alten Mann, der behauptet, früher wäre alles besser gewesen, weil alle Räder Stahl hatten.“
4. Opa Karl und das Geheimnis im Keller
„Du hast den Weihnachtsmann vor der Tür“, sagte Lena, als sie wieder ins Café trat.
Opa Karl sah nicht einmal auf. „Sagen viele, wenn sie zu viel Espresso hatten.“
„Er hat einen Schlittencrash.“
„Sagen wenige.“
„Und er benötigt Fahrräder. Viele Fahrräder. Für eine… äh… Sonderzustellung.“
Jetzt hob Karl langsam den Kopf. Die Falten um seine Augen formten sich zu dem Lächeln, das nur dann auftauchte, wenn jemand „Radrennen“, „Sommer 76“ oder „limitierte Campa-Gruppe“ sagte.
„Fahrräder, sagst du?“
„Viele.“
„Wie viele genau?“
Der Weihnachtsmann trat hinter Lena ins Café. Mit seiner ganzen Erscheinung, dem Bart, den verschneiten Stiefeln und dem Helm, der aussah wie ein roter Aero-Deckel aus den frühen 2000ern.
Karl blinzelte einmal, nahm die Brille ab, putzte sie sorgfältig, setzte sie wieder auf, blinzelte noch einmal.
„Das erklärt wenigstens, warum heute so viele Wunschzettel mit ‚Rennrad‘ darauf waren“, murmelte er. „Ich dachte schon, ich wäre auf eine Marketingkampagne hereingefallen.“
Der Weihnachtsmann nickte ihm zu.
„Karl. Lang ist es her.“
„Du kennst ihn?“ hauchte Lena.
Karl zuckte mit den Schultern. „Kind, ich habe fünf Jahrzehnte in Radläden verbracht. Meinst du, ich hätte NIE ungewöhnlichen Besuch gehabt?“
Er wandte sich dem Weihnachtsmann zu.
„Dein Schlitten?“
„Im Eimer.“
„Deine Beine?“
Der Weihnachtsmann klopfte sich auf die Oberschenkel.
„Noch 60 Prozent. Aber bewährtes Dieselaggregat.“
Karl nickte anerkennend.
„Okay“, sagte er. „Wir benötigen: Licht, Traktion, Stauraum. Und Leute, die verrückt genug sind, an Heiligabend bei Schneesturm aufs Rad zu steigen.“
Er lächelte schief.
„Zum Glück kenne ich ein paar.“
5. Das Weihnachtspeloton formiert sich
Karl zog einen Schlüsselbund aus der Schürze und öffnete eine Tür, die Lena bisher für eine Abstellkammer gehalten hatte. Dahinter führte eine Treppe nach unten.
„Du hast einen Keller?“, fragte Lena.
„Ich habe einen Werkraum mit erweiterten Lagermöglichkeiten“, korrigierte er.
Sie stiegen hinab. Der Raum war größer als das Café selbst. An den Wänden hingen Rahmen, Laufräder, alte Rennradtrikots, die nach Geschichten rochen: Schweiß, Staub, Stadionluft. In der Mitte standen mehrere Räder, sorgsam abgedeckt.
Karl zog eine Plane weg.
Zum Vorschein kam ein schlanker, schimmernder Rahmen. Kein Logo. Kein Aufkleber. Nur eine handschriftliche Gravur am Steuerrohr: „AURORA“.
Der Weihnachtsmann pfiff leise.
„Du hast sie also wirklich gebaut“, sagte er.
Karl strich liebevoll über das Oberrohr.
„Vor vielen Jahren“, sagte er ruhig. „Aus allen Speichen, die als Geschenk zurückgelassen wurden. Von den Menschen, denen du was gebracht hast, die aber schon alles hatten, was man kaufen kann.“
Er sah Lena an.
„Aurora ist kein ganz normales Rad. Sie ist… empfindlich.“
„Empfindlich?“, fragte Lena.
„Sie spürt, wie sehr du etwas willst. Wenn dein Herz vor Freude schneller schlägt, nicht vor Angst, fährt sie leichter. Wenn du an andere denkst und nicht nur an deine Wattzahlen, wird sie warm. Kein Scherz. Du kannst im Kurzarmtrikot am Pass fahren, wenn du’s ehrlich meinst.“
Der Weihnachtsmann legte die Hand auf den Lenker.
„Sie soll heute nicht für mich fahren“, sagte er leise. „Ich habe meinen eigenen Antrieb.“
Er sah Lena an.
„Ich glaube, sie wartet schon länger auf dich.“
Lena schluckte. Ihre Finger kribbelten. Sie wusste nicht, ob es die Kälte war – oder der Gedanke, auf dieses Rad zu steigen.
„Wir haben aber ein Problem“, warf sie ein. „Mit einem Rad kommen wir nicht weit. Du hast von einer ganzen Region gesprochen.“
„Deshalb“, sagte Karl und riss eine weitere Plane weg, „nehmen wir nicht nur ein Rad.“
Darunter kamen hervor:
– Ein kräftiges Lastenrad mit breiten Reifen und einer großen Kiste vorn.
– Ein paar robuste Gravelbikes mit Spikereifen.
– Ein altes, aber gepflegtes Mountainbike mit so vielen Aufklebern, dass man die Originalfarbe nicht mehr erkannte.
– Ein modernes E-Bike, das aussah, als könnte es notfalls auch einen kleinen Lkw abschleppen.
„Und woher bekommen wir Leute, die das fahren?“, fragte Lena.
Karl grinste und zeigte auf ein Funkgerät an der Wand.
„Der Horst hat doch die Mitternachtsrunde abgesagt“, sagte er. „Aber er hat vergessen, den Vereinsfunk abzuschalten.“
Er nahm das Gerät, räusperte sich und drückte die Sprechtaste.
„An alle Mitglieder des RSC Speichlingen“, krächzte seine Stimme durch den Äther. „Hier spricht Karl aus der ‚Kurbel & Keks‘. Kleine Lageänderung: Die Mitternachtsrunde findet statt. Inoffiziell. Geheim. Mit Spezialgast. Und, äh… hoher gesellschaftlicher Relevanz. Wer Beine hat, Lampen laden und in zwanzig Minuten am Café sein.“
Er ließ die Taste los.
Stille.
Dann knackte es. Die Stimme von Horst.
„Karl, bist du verrückt? Es ist Glättewarnung!“
„Horst“, sagte Karl ruhig, „es geht um Weihnachten. Und um Fahrräder. Da hast du praktisch Mitwirkungspflicht.“
Kurz darauf: ein weiteres Knacken.
„Bin dabei“, meldete sich eine helle Stimme. „Bringe Plätzchen mit.“
„Hier Tobi, ich habe Spikes und Langeweile.“
„Hier Nadine. Mein Akku ist voll. Der an mir und der am Bike.“
Eine Stimme nach der anderen. Lenas Herz machte kleine Sprünge.
Der Weihnachtsmann lehnte sich zufrieden zurück.
„Du siehst, Lena“, sagte er. „Manchmal braucht es nur einen Funkspruch und ein bisschen Wahnsinn.“
6. Lichter, Lametta und Laufräder
Der Hof vor dem Café verwandelte sich in Rekordzeit in ein chaotisches, fröhliches Startgelände.
Räder wurden eingestellt, Taschen montiert, Lichterketten an Rahmen gewickelt. Karl verteilte alte Weihnachtsbaumketten als Kettenstrebenschutz („tut’s auch“). Tobi, der Technikfreak, befestigte eine kleine Bluetooth-Box am Lenker und testete Weihnachtsplaylists.
„Keine Sorge“, sagte er, „ich habe eine Version ohne ‚Last Christmas‘.“
„Die gibt’s?“, fragte Nadine.
„Ja, aber sie ist traurig.“
Lena stand vor Aurora. Der Rahmen schimmerte, als würde Innenlicht aus ihm herauskommen.
Sie legte vorsichtig die Hände an den Lenker. Warm. Wirklich warm.
„Na los“, murmelte Karl. „Sattel ist auf deine Größe eingestellt. Die Pedale sind Kombis. Keine Ausreden.“
Lena schwang sich auf den Sattel. Das Rad fühlte sich gleichzeitig fremd und vertraut an, als wäre es die logische Weiterführung all der Tausende Kilometer, die sie schon gefahren war.
„Wie fühlt es sich an?“, fragte der Weihnachtsmann.
Lena trat kurz an, rollte ein paar Meter über den Hof und kehrte zurück.
Sie grinste. Zum ersten Mal seit Wochen grinste sie so breit, dass es fast weh tat.
„Als hätte ich Rückenwind.“
Der Weihnachtsmann nickte zufrieden und schulterte in einer eleganten Bewegung seinen Geschenkesack.
„Gut“, sagte er. „Plan ist wie folgt: Wir teilen die Route auf. Lastenrad und E-Bike übernehmen die Innenstadt. Gravel und MTB die Außenbereiche. Aurora und ich – wir nehmen die schweren Fälle: Höllenbuckel, einsame Höfe, alles, wo sonst niemand freiwillig hochfährt.“
Er zwinkerte Lena zu.
„Bereit, das härteste Etappenrennen deines Lebens innerhalb einer Nacht zu fahren?“
„Frag mich morgen noch einmal“, sagte Lena. „Jetzt gerade: ja.“
7. Die Nacht, in der der Asphalt leuchtete
Sie starteten kurz vor zehn.
Speichlingen war in Schnee getaucht, als hätte jemand eine weiße Decke über die Welt geworfen. In der Luft lag der Geruch von Kaminfeuer, Lebkuchen – und ein Hauch von Kettenöl.
Das Weihnachtspeloton rollte los.
Vorn das Lastenrad, voll beladen mit Geschenken, gesteuert von Nadine, deren Stirnlampe die Straße in Tageslicht verwandelte. Daneben Tobi mit der Musikbox, aus der dezente Weihnachtsbeats kamen.
Lena fuhr neben dem Weihnachtsmann. Aurora glitt über die verschneite Straße, als wäre es ein glatter Trackbelag. Jeder Tritt fühlte sich leichter an, als er aussehen dürfte.
„Wie machst du das?“, fragte sie atemlos.
„Ich mache gar nichts“, sagte der Weihnachtsmann. „Das bist du. Und das, was du mit dir herumfährst.“
Er klopfte sich an die Brust.
„Hier drin.“
Sie wurden langsamer, als sie am ersten Stopp ankamen: dem Altenheim.
Normalerweise kam hier nur der Zivildienst mit dem Kleinbus vorbei. Heute standen auf einmal leuchtende Fahrräder im Hof. Sie klingelten, die Radler:innen stellten sich auf, Wunschzettel wurden überprüft, Namen abgeglichen.
Eine ältere Dame im Nachthemd öffnete das Fenster im ersten Stock und rief: „Na, endlich seid ihr da, ich habe euch schon im Ticker verfolgt!“
„Im Ticker?“ murmelte Lena.
„Live-Tracking“, sagte der Weihnachtsmann. „Gibt’s schon länger, als ihr denkt.“
Sie radelten weiter, von Haus zu Haus. Manchmal wurde nur etwas vor die Tür gelegt, manchmal stand da ein Kind mit großen Augen im Pyjama, das plötzlich zwei Dinge gleichzeitig lernte:
- Der Weihnachtsmann existiert.
- Und er fährt Fahrrad.
Ein kleiner Junge im Spiderman-Schlafanzug starrte auf das Lastenrad.
„Mama! Warum hat der Weihnachtsmann ein E-Bike?“
Der Weihnachtsmann lachte.
„Weil ich auch mal faul sein darf“, rief er. „Aber sag das nicht den Rentieren.“
8. Strava, Sternenhimmel und stille Tränen
Je später die Nacht wurde, desto weniger Menschen sahen sie. Die Stadt schlief, während über die Straßen ein stiller Zug aus Licht und leisen Freilaufklickern flog.
Lena merkte, wie ihre Gedanken ruhiger wurden. Der Rhythmus der Pedale, das Knirschen des Schnees, das gedämpfte Lachen der anderen – alles webte sich zu einer Art Weihnachtsmeditation.
„Sag mal“, fragte sie irgendwann, „du weißt wirklich alles, was auf der Welt passiert?“
Der Weihnachtsmann hob eine Augenbraue.
„Ich sage mal so: Ich habe einen relativ guten Überblick.“
„Dann… hast du auch gesehen, als… als Mama…“ Sie stockte.
„Ja“, sagte er leise. „Ich war da.“
Die Kälte hatte nichts mit dem Schauer zu tun, der über Lenas Rücken lief.
„Sie ist gestürzt… beim Herbstmarathon …“, stammelte sie.
„Ich weiß.“
„Auf dem Rad. Das ist doch irgendwie … unfair, oder? Sie hat das Rad mehr geliebt als alles andere. Und dann …“
Sie brachte den Satz nicht zu Ende.
Sie fuhren eine Weile schweigend.
Dann sagte der Weihnachtsmann:
„Du misst dein Leben in Kilometern, oder?“
„Klar.“
„Deine Mutter auch. Aber weißt du, was richtig gemein wäre?“
„Was?“
„Wenn du ihre Geschichte mit einem Sturz enden lässt. Nur weil du traurig bist. Für sie war jeder Kilometer ein Geschenk. Jeder Berg, jeder Sprint, jeder Regen. Und jetzt fährst du ihre Kilometer einfach weiter. Du bist gewissermaßen… ihr Etappen-Nachfolger.“
Er lachte leise.
„Du bist doch Radfahrerin. Du kennst das: Man gibt weiter. Vom Anfahrer zur Sprinterin, vom Captain zum Helfer. Niemand fährt allein.“
Lena schluckte. In den Augen brannte es. Sie war froh, dass der Wind ihre Tränen nach hinten wegtrug.
„Aber ohne sie… fühlt es sich so… leer an.“
„Dann füllst du es eben neu“, sagte er. „Mit deinen eigenen Geschichten.“
Er deutete nach oben.
„Siehst du den Stern da?“
„Welchen?“
„Den hellen. Direkt über dem Höllenbuckel.“
„Das ist kein Stern“, sagte Lena automatisch. „Das ist der Sendemast mit der Warnleuchte.“
Der Weihnachtsmann grinste.
„Manchmal ist ein Mast einfach nur ein Mast. Und manchmal benötigst du eine Geschichte, um nachts weiterzufahren.“
Seine Stimme wurde weicher.
„Deine Mutter war übrigens eine der ersten, die die Mitternachtsrunde mitgefahren ist. Damals noch mit Felgenbremsen und Baumwolltrikot. Sie hat immer gesagt: ‚Solange wir Weihnachten fahren, verlernt die Welt das Wünschen nicht.‘“
Lena lachte kurz auf, ein kleines, brüchiges Lachen.
„Das klingt wirklich nach ihr.“
„Eben“, sagte er. „Also fahren wir.“
9. Der Höllenbuckel
Gegen halb zwei erreichten sie die Abzweigung zum Höllenbuckel.
Allein der Name jagte selbst hart gesottenen Radmenschen normalerweise einen Schauer über den Rücken. Ein langer, steiler Anstieg, der sich in engen Kehren durch den Wald schraubte. Im Sommer brutal. Im Winter: offiziell „unpassierbar“.
„Hier endet normalerweise jeder Winterdienst“, meinte Tobi und blieb stehen. „Ab hier nur noch Ski oder Wahnsinn.“
„Gut“, sagte der Weihnachtsmann. „Dann sind wir ja richtig.“
Er sah zu Lena.
„Wir müssen da hoch. Oben sind drei Häuser, in denen Kinder schlafen und davon träumen, dass ihre Wünsche angekommen sind.“
Lena schluckte. Ihre Beine fühlten sich langsam an wie zwei Stollenreifen voller Matsch.
„Wir können umdrehen“, sagte der Weihnachtsmann ruhig. „Weißt du, was das Schöne am Radfahren ist? Niemand zwingt dich. Du fährst, weil du willst.“
Sie sah nach oben. Die Straße verschwand im Dunkel der Bäume.
„Hat Mama…“ – sie verbesserte sich – „hat sie… das hier gefahren?“
„Jedes Jahr“, sagte er.
Lena atmete tief durch. Die Kälte biss in ihre Lunge, aber gleichzeitig wurde es in der Brust warm.
„Dann… fahre ich. Einer muss doch die Familienehre retten.“
Sie klickte ein, setzte an. Aurora reagierte sofort. Es fühlte sich an, als würde das Rad sagen: Na endlich.
Die ersten Meter gingen erstaunlich leicht. Sie fuhr im Schein ihrer Lampe, die Schneeflocken wirbelten wie kleine Sterne durch den Lichtkegel. Hinter ihr hörte sie das gleichmäßige Atmen des Weihnachtsmanns.
Nach der dritten Kehre begann das Brennen. Erst in den Oberschenkeln, dann in den Waden. Der Tacho zeigte eine lächerliche Geschwindigkeit an. Sie musste lachen, weil es so demütigend war.
„Alles okay?“, rief der Weihnachtsmann hinter ihr.
„Wenn ich antworte, falle ich um“, keuchte sie.
Er lachte.
„Dann sag’s mit den Pedalen.“
Sie fuhr weiter. Erste Zweifel. Was, wenn sie absteigt? Was, wenn sie hier stehen bleibt, irgendwo zwischen „bis jetzt nicht oben“ und „keine Lust mehr“?
Dann hörte sie etwas.
Zuerst dachte sie, es sei der Wind. Ein leises Summen. Dann erkannte sie es: das typische Surren einer Nabe, wenn jemand bergauf noch einen Ticken schneller tritt.
Neben ihr tauchte ein Licht auf.
Sie drehte den Kopf und erstarrte.
Neben ihr fuhr eine Gestalt. Verschwommen im Schneegestöber. In einem alten Vereins-Trikot des RSC Speichlingen. Mit einem Rentier-Geweih am Helm.
„Du …“, flüsterte Lena.
Die Gestalt sah sie kurz an, lächelte – oder sie bildete es sich ein – und zog ganz langsam ein Stück nach vorn, als wollte sie sagen: Komm, Windschatten. Wie früher.
„Siehst du das?“, hauchte Lena.
„Was denn?“, fragte der Weihnachtsmann hinter ihr.
„Da …“, sie deutete, aber in dem Moment wirbelte eine Böe Schnee durch die Luft, und das andere Licht verschmolz mit den Reflexen der Flocken.
Lena spürte, wie ihr Herz stolperte. Sie wusste nicht, ob vor Schmerz oder vor einem seltsamen Glück, das ihr plötzlich durch den Körper schoss.
Sie setzte noch einmal an.
Pedal für Pedal. Kehre für Kehre.
Aurora schien zu glühen. Die Kälte verschwand. In ihrem Kopf hörte sie die Stimme ihrer Mutter: „Noch drei Kurven. Dann kannst du meckern.“
Nach einer Atemlosigkeit, die Stunden oder Sekunden gedauert haben konnte, wurde es heller. Die Bäume traten zurück. Vor ihnen, im fahlen Mondlicht, lag das kleine Plateau mit den drei Häusern.
„Geschafft“, flüsterte Lena.
Der Weihnachtsmann lachte. „Habe ich dir doch gesagt: Zauberei ist, wenn du mit leeren Beinen und vollem Herzen ankommst.“
10. Die letzte Abfahrt
Sie erledigten die Lieferungen oben am Höllenbuckel routiniert. Ein Kuscheltier hier, ein Buch dort, ein leuchtender Stern fürs Fenster. In einem der Häuser brannte überraschend noch Licht.
Ein Mädchen im Flanell-Schlafanzug öffnete die Tür. In der Hand hielt sie ein kleines, abgegriffenes Foto: eine Frau auf einem Rennrad, lachend, mit Rentier-Geweih am Helm.
Lena blieb der Atem weg.
„Du bist doch …“, setzte sie an.
Das Mädchen nickte.
„Ja. Mama hat mir immer erzählt, dass hier manchmal in der Weihnachtsnacht Fahrräder vorbeikommen. Ich wollte wachbleiben, um zu sehen, ob es stimmt.“
Sie sah Lena an.
„Stimmt es?“
Lena schluckte und lächelte.
„Ja“, sagte sie. „Es stimmt.“
Das Mädchen strahlte.
„Dann kann ich Mama morgen erzählen, dass ich es gesehen habe.“
„Mach das“, flüsterte Lena.
Als sie wieder auf dem Rad saß, fragte der Weihnachtsmann sanft: „Alles gut?“
„Ja“, sagte sie. „Irgendwie… ja.“
Der Himmel im Osten wurde ganz langsam heller. Sie mussten zurück in die Stadt, bevor das erste Licht den Zauber der Nacht in Alltag verwandelte.
„Eine Sache noch“, sagte der Weihnachtsmann. „Die Abfahrt.“
Die Straße war glatt, die Kehren tückisch, der Schnee tückischer. Jeder Radmensch kennt die Art von Abfahrt, bei der man genau weiß: Hier ist nicht der Mut gefragt. Hier ist Vernunft gefragt.
„Wir fahren langsam“, sagte er. „Lenke sanft, bremse rechtzeitig, vertraue dem Rad. Und: Hab keine Angst vor dem Tempo, hab Respekt.“
„Das sagst du als jemand, der sonst mit einem ungebremsten Schlitten vom Himmel fällt“, murmelte Lena.
„Ich bin älter geworden“, grinste er. „Ich wertschätze meine Knochen.“
Sie fuhren los. Kehre um Kehre, konzentriert, ruhig. Die Reifen fanden Grip, wo eigentlich keiner sein dürfte. Aurora lag satt auf der Straße, als hätte sie Stollen, die sich in den Schnee krallten.
In einem Moment, in dem die Straße für eine Sekunde fast gerade war, hob Lena den Blick.
Hinter ihnen zog sich eine Spur aus Licht durch den Wald – die Rücklichter der anderen, die irgendwo weiter unten schon auf der Rückfahrt waren.
Vor ihnen lag Speichlingen, ein Teppich aus warmen Punkten: Fenster, Straßenlampen, Sternen-Lichter.
„Schau“, sagte der Weihnachtsmann. „Siehst du die Linie?“
„Welche?“
„Die, die wir heute Nacht in diese Stadt gezeichnet haben. Ein großes, leuchtendes Herz. Jeder Stopp, jede Abzweigung, jede Umleitung – alles gehört dazu.“
Lena kniff die Augen zusammen. Tatsächlich: In ihrer Vorstellung verbanden sich die Wege, die sie gefahren waren, zu einer Form, die man aus der Vogelperspektive als großes Herz sehen konnte.
„Bitte sag mir, dass das nicht auf Strava hochgeladen wird“, stöhnte sie.
„Zu spät“, sagte er trocken. „User: ‚Nikolaus_w/kg‘.“
11. Wenn der Weihnachtsmann Tschüss sagt
Sie erreichten den Marktplatz kurz vor sechs. Das Weihnachtspeloton versammelte sich, verschneit, müde, verschwitzter als jede Weihnachtskrippe, die je aufgebaut worden war.
Horst war tatsächlich gekommen – mit einem monströsen Fatbike, dessen Reifen so breit waren, dass man fast zwei Espresso auf ihnen hätte abstellen können.
„Ich habe nur sichergestellt, dass niemand zu weit links fährt“, verteidigte er sich. „Vereinsvorsitzenden-Pflicht.“
Alle lachten. Jemand reichte Plätzchen herum. Jemand anders hatte eine Thermoskanne mit Tee – vermutlich Tee – dabei.
Die Kirchturmuhr schlug sechs. Ein neuer Tag begann.
Der Weihnachtsmann stellte sein Rad ab, streckte sich, und man hörte seine Gelenke knacksen wie alte Speichen.
„Ich danke euch“, sagte er und sah in die Runde. „Ohne euch wäre heute Nacht ein kleines Stück Weihnachten einfach… ausgefallen. Und das wäre schade gewesen. Denn jedes Mal, wenn Weihnachten ausfällt, wird die Welt ein wenig zynischer.“
Er machte eine Pause.
„Aber jedes Mal, wenn jemand an einem kalten Abend aufs Rad steigt, um jemand anderem eine Freude zu machen, wird die Welt wieder etwas wärmer. Auch, wenn die Finger einfrieren.“
Er trat zu Lena.
„Und du“, sagte er leise, „hast etwas sehr Wichtiges verstanden.“
„Nämlich?“, fragte sie.
„Dass es okay ist, weiterzufahren. Auch ohne sie. Dass deine Mutter nicht nur in der Vergangenheit ist, sondern in jedem Kilometer, den du jetzt fährst.“
Er legte ihr etwas in die Hand.
Es war – unspektakulär auf den ersten Blick – ein kleines, altes Metallteil. Eine Speiche. Leicht gebogen. Mit einem winzigen eingeprägten Herzen.
„Was ist das?“, fragte sie.
„Ein Stück von Auroras Vorgeschichte“, sagte er. „Wenn du es in die Tasche steckst, wirst du an Weihnachten immer Rückenwind haben. Nicht immer am ganzen Tag. Manchmal nur auf den letzten 500 Metern. Aber du wirst ihn merken.“
Sie schloss die Finger darum.
„Danke“, flüsterte sie.
„Und wenn du irgendwann mal glaubst, alles alleine fahren zu müssen“, fügte er hinzu, „dann denk daran: Es gibt Pelotons. Auf der Straße. Und im Leben.“
Er trat einen Schritt zurück, schwang sich auf Aurora – oder war es noch Aurora? Der Rahmen wirkte plötzlich… leichter. Gläserner. Fast durchsichtig.
Die Rentiere sammelten sich, schüttelten letzte Müdigkeit aus den Hufen. Irgendwoher hatte jemand ihre Regenbogenweste durch kleine, schimmernde Geschirre ersetzt.
Der Weihnachtsmann sah ein letztes Mal in die Runde.
„Eins noch“, sagte er. „Wenn ihr nächstes Jahr wieder fahrt – Mitternachtsrunde, Sternchenrunde, oder einfach nur eine kleine Tour nach der Bescherung –, dann denkt daran: Nicht die Kilometer zählen. Nicht die Watt. Nicht mal die Anstiege.“
Er grinste.
„Zählt einfach, wie oft ihr unterwegs lachen musstet.“
Er gab Aurora einen kleinen Schubs. Das Rad setzte sich in Bewegung, beschleunigte, hob leicht die Front an – und bevor jemand so richtig verstand, wie, glitt es in den Morgenhimmel hinauf.
Im ersten Licht des Tages war nur noch eine Silhouette zu sehen: ein Schlitten, ein paar Rentiere, ein Mann im roten Helm, der sich einmal umdrehte und eine imaginäre Mütze zog.
Dann war er verschwunden.
Zurück blieb:
– Ein Hof voller Fahrräder.
– Eine Gruppe erschöpfter, glücklicher Menschen.
– Und im frisch gefallenen Schnee eine Spur, die aussah wie das Profil eines perfekten Radweges.
12. Warum man diese Geschichte jedes Jahr erzählt
Später an diesem Tag würden die Kinder in Speichlingen Geschenke auspacken und sagen: „Der Weihnachtsmann war da!“
Die Eltern würden sich wissend ansehen und an die seltsamen Lichtzeichen in der Nacht denken.
Noch später würden in einer Ecke des Internets Radmenschen ihre Tachos auslesen und sich über mysteriöse KOMs eines gewissen „Nikolaus_w/kg“ wundern.
Und Lena würde am Abend allein eine kleine Runde drehen. Nicht weit. Nur bis zum Stadtrand und zurück. Es würde kaum Wind gehen. Aber genau auf den letzten 500 Metern nach Hause würde plötzlich ein Hauch Rückenwind aufkommen.
Nur ein Hauch. Aber genug, dass sie lächelnd dachte:
„Alles klar.
Ich hab’s verstanden.“
Und irgendwo, viele Kilometer weiter nördlich, würde ein Mann im roten Trikot in seiner Werkstatt sitzen, ein paar Laufräder zentrieren und zufrieden nicken.
Seit jener Nacht sagt man in Speichlingen – und inzwischen in manchen anderen Orten, in denen Radmenschen diese Geschichte weitererzählen:
– Dass man an Weihnachten nicht nur Plätzchen backen und Bäume schmücken kann, sondern auch Mitternachtsrunden fahren.
– Dass Geschenke manchmal auf Lastenrädern, Gravelbikes und alten Mountainbikes geliefert werden.
– Dass jede richtig gute Weihnachtsgeschichte ein wenig nach Kettenöl riecht.
– Und dass es zwei Geräusche gibt, die nach Weihnachten klingen:
Das Klingeln der Glocken.
Und das Surren einer freilaufenden Nabe.
Und jedes Jahr, wenn an einem anderen Ort auf der Welt ein paar Verrückte bei Kälte, Dunkelheit und vielleicht mit einer Lichterkette am Rahmen losrollen, damit andere sich freuen, wird diese Geschichte wieder hervorgeholt, neu erzählt, weitergesponnen.
Vielleicht liest du sie gerade auf ilovecycling.de.
Vielleicht erzählst du sie dieses Jahr jemandem weiter.
Vielleicht wirst du eines Tages selbst Teil davon.
Denn seit jener Nacht gilt:
„WEIHNACHTEN IST, WENN WIR NACHTS FAHREN.
DAMIT ANDERE MORGEN STRAHLEN.“ 🚲✨🎄
































