„Ein Radguide sollte mehr drauf haben als schnell Rad fahren zu können und schöne Strecken zu kennen“, findet Sportwissenschaftler Jörg Birkel von JORGE SPORTS. Deshalb bietet sein Unternehmen auf Mallorca eine Weiterbildung für Rennradguides an. Ich habe mit dem Sportanbieter Jörg Birkel über sein neuestes Konzept gesprochen.

radguide_mallorca_ilovecycling_04Jörg Lachmann: Wie bist du auf die Idee gekommen, eine Weiterbildung für Radguides anzubieten?

Jörg Birkel: Zusammen mit meiner Frau biete ich seit 3 Jahren auf Mallorca Trainingslager für Triathleten und Radfahrer an. Unser Angebot wächst beständig und ab einer gewissen Gruppengröße kann man das kaum noch zu Zweit bewältigen. Von daher brauchen wir in jeder Saison selbst viele Radguides. Leider ist es gar nicht so einfach, geeignete Guides zu finden. Da haben wir beschlossen, dass wir unsere Guides selbst qualifizieren und haben das Angebot dadurch einfach auf unserer Homepage ausgeschrieben.

Jörg Lachmann: Was muss denn ein Radguide können?

Jörg Birkel: Zunächst einmal sollte man als Rennradguide gerne Rad fahren und eine solide Grundfitness mitbringen. Schließlich sieht es nicht so gut aus, wenn man sich von seinen Teilnehmern nach Hause bringen lassen muss. Ein Radguide sollte sich aber auch immer darüber bewusst sein, dass er als Dienstleister für seine Kunden unterwegs ist und darf die Ausfahrten nicht mit seinem eigenen Training verwechseln. Es gehört bei uns auch dazu, dass man mal mit Einsteigern fährt und auf Wunsch eine Kaffeepause einlegt. Das Tempo bestimmt nicht der Guide, sondern der langsamste Teilnehmer in der Gruppe. Entscheidend ist es, alle Teilnehmer möglichst heil wieder mit nach Hause zu bringen.

Jörg Lachmann: Was zeichnet einen Radguide sonst noch aus?

Jörg Birkel: Gute Ortskenntnisse schaden sicherlich nicht, aber das kann man sich ja aneignen oder Strecken mit GPS abfahren. Wir finden es jedoch viel wichtiger, dass ein Guide einfühlsam ist auch mit heterogenen Gruppen umgehen kann. Sozialkompetenz ist daher eine der Eigenschaften, die ein guter Radguide mitbringen sollte, nicht zuletzt um auch in schwierigen Situationen nicht bei den Teilnehmern anzuecken. Erste-Hilfe-Kenntnisse bei Radunfällen ist ein absolutes Muss. Und man sollte sich mit den Verkehrsregeln im jeweiligen Einsatzland auseinandersetzen. Bei uns in Spanien gelten andere Gesetze als in Deutschland, Österreich oder der Schweiz.

radguide_mallorca_ilovecycling_02Jörg Lachmann: Das klingt ja ganz gut, aber Dinge wie soziale Kompetenz lassen sich doch kaum trainieren.

Jörg Birkel: Das stimmt nur bedingt, man könnte auch soziale Kompetenz trainieren. Wir konzentrieren uns in der Weiterbildung jedoch weniger auf die Softskills, sondern vermitteln den Teilnehmern anhand von Praxisbeispielen, wie man schwierige Situationen lösen kann. Wie sich ein Guide dann im Einsatz wirklich verhält, entscheidet dann jeder für sich. Eine Musterlösung für jede Situation gibt es sicherlich nicht. Wichtig ist, dass man sich bereits im Vorfeld Gedanken macht und möglichst auf alles vorbereitet ist.

Jörg Lachmann: Was lernt man noch in eurer Weiterbildung?

Jörg Birkel: Ich biete mittlerweile seit einigen Jahren Trainingscamps an und habe im Radsport schon so manche Guides erlebt. Die Teilnehmer stehen bei uns im Vordergrund und sollen sich stets gut betreut fühlen. Wir sehen uns und unsere Guides als Dienstleister. Was wir also auf gar keinen Fall wollen, sind Mitarbeiter, die ihre Tätigkeit als Guide mit ihrem eigenen Training verwechseln und Teilnehmer unterwegs verlieren. Ein Trainingslager soll unseren Kunden in erster Linie Spaß machen und die Grundlagen für die Saison legen. Wer im Camp beispielsweise ständig zu schnell unterwegs ist, weil der Guide zu schnell fährt, verfehlt dieses Trainingsziel. Deshalb vermitteln wir unseren Guides die Grundlagen der Trainingslehre und haben das Thema leistungsgesteuertes Radtraining in die Ausbildung integriert.

Jörg Lachmann: Muss dann jeder Teilnehmer in einem Camp einen eigenen Wattmesser am Rad haben?

Jörg Birkel: Bei diesem Thema geht es mir weniger darum, dass jeder Teilnehmer nach seinen individuellen Werten trainiert. Das lässt sich in der Praxis kaum umsetzen. Der Einsatz eines Leistungsmessers hat für Radguides dennoch mehrere Vorteile: Ich finde es beispielsweise sehr wichtig, die Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit zu kennen. Mit einem Wattmesser am Rad kann ich verhindern, über längere Zeit ein Tempo zu fahren, was über meinem eigenen Limit liegt. Zum anderen kann ich dank Wattmessung sehr schnell das tatsächliche Leistungsniveau einer Radgruppe einschätzen. Ruft ein Teilnehmer „kürzer“, kann ich das mit der aktuellen Leistung sekundengenau abgleichen und das Tempo auf der restlichen Ausfahrt entsprechend anpassen. So kann ich sicher sein, dass ich alle Teilnehmer ohne energetische Probleme wieder nach Hause bringe.

Jörg Lachmann: In der Ausschreibung für die Weiterbildung steht auch Bike Fitting auf dem Plan. Ist das wirklich eine Aufgabe für Radguides?

Jörg Birkel: (lacht) Naja, wir bilden keine Bikefitter aus, sondern Radguides. Uns geht es weniger darum, dass ein Radguide einen Teilnehmer perfekt aufs Rad setzen kann. Das wäre bei einer größeren Gruppe ohnehin viel zu zeitaufwendig. In der Praxis hat sich jedoch gezeigt, dass viele Teilnehmer typische Probleme beim Radfahren haben. Das kann an der ungewohnten Belastungssteigerung in einer Campwoche liegen, aber häufig sind auch die Mieträder schlecht oder gar nicht richtig eingestellt. Nackenbeschwerden, Schmerzen am Schambein, eingeschlafene Finger oder Zehen können einem Teilnehmer schnell die Stimmung verhageln. Wir wollen unsere Guides für das Thema sensibilisieren, damit sie auch unterwegs einem Kunden helfen können. Mit kleinen Änderungen an der Sitzhöhe, der Sattelposition oder der Lenkerhöhe können viele Probleme merklich eingedämmt werden. Mit der Fitting Box vom Ergonomie-Experten Dr. Kim Tofaute geben wir allen Guides eine Anleitung für ein schnelles Bike Fitting an die Hand. Damit lassen sich schon mal rund 80 Prozent richtig einstellen. Für die Feinarbeit sollte man dann aber mit dem eigenen Rad zu einem Fachmann gehen.

Jörg Lachmann: Ich danke Dir für das informative Gespräch und wünsche Dir viel Erfolg mit Deinem neuesten Konzept. Mich persönlich hat die Idee mehr als überzeugt.

Inhalte der Weiterbildung für Radguides:

  • Grundlagen der Trainingslehre
  • Moderne Trainingssteuerung (Watt, Puls, Gefühl, Atmung)
  • Einführung ins wattgesteuerte Training
  • Ernährung im Radsport
  • Organisation und Führen von Radgruppen
  • Radfahren in der Gruppe (Regeln, Zeichen, etc.)
  • Umgang mit heterogenen Trainingsgruppen
  • Tourenplanung (Ortskunde, Umgang mit Karten / GPS)
  • Bike Fitting in Theorie und Praxis
  • Typische Radfahrer-Probleme vermeiden (Knie, Rücken, Nacken, eingeschlafene Finger/Zehen)
  • Verkehrsrecht (Deutschland / Ausland / Spanien)
  • Rechtliche Absicherung
  • Welche Versicherungen braucht ein Radguide? (Auslandkrankenschutz, Haftpflicht)
  • Fahrtechnik- und Fahrsicherheitstraining
  • Verhalten bei Unfällen
  • Erste Hilfe bei Sportverletzungen
  • Materialkunde / Pannenhilfe

Weitere Infos findest du hier:
http://jorge-sports.com/camps/radcamps/weiterbildung-zum-rennradguide/

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Patricia Birkel, die bessere Hälfte vom Jörg, wendet die erlernten Erste-Hilfe-Kenntnisse der Radguide-Schulung auch gerne mal privat an. Für das Interview habe ich dem Jörg den Verband allerdings wieder abnehmen müssen.

JÖRG LACHMANN
Ich bin ein kreativer, konzeptionsstarker und querdenkender Vollprofi in allen Bereichen des On- und Offline-Marketings (B2B/B2C) . . . und somit (wie wohl auch nicht anders zu erwarten) beruflich als Marketing- und Vertriebsleiter bei der Firma CarbonSports (Lightweight) angestellt. Da ich schon seit vielen Jahren dem Hobby Radsport verfallen bin, habe ich mich im April 2014 dazu entschlossen, das Online-Magazin "ilovecycling.de" mit „Herz” und vielen nützlichen Themen, Infos, Tipps und Tricks rund um den Hobby- und Jedermann-Radsport ins Leben zu rufen . . . und das alles ohne jegliches finanzielles Interesse! ;-)

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