Jedes Watt zählt.
Aero ist alles.

Solche Sprüche kennst du sicherlich auch. Aber was ist dran am aktuellen Aero-Trend im Radsport und Triathlon? Ich bin der Sache mal nachgegangen und werde die neue Aero-Tuning-App ausprobieren, mit der du deine eigenen Aerotests fahren kannst.

Vor dem ersten Aero-Test habe ich ein Gespräch mit Sebastian Schluricke, dem Geschäftsführer und Entwickler der Aerotune-App geführt. Sebastian ist Ingenieur und arbeitet eigentlich im Windkraft-Anlagenbau. Dort hat er auch das nötige Wissen gesammelt, um seine App zu programmieren.

ilovecycling.de: Aerotests, ist das nicht was für Profis? Für wen lohnt sich das eigentlich?

Sebastian Schluricke: „Aerotuning lohnt sich für jeden, auch für Hobbysportler. Das haben wir in mittlerweile über 2.000 Aerotests ermittelt.“

ilovecycling.de: Das klingt interessant. Bisher dachte ich, dass Aerodynamik erst ab sehr hohen Geschwindigkeiten zum Tragen kommt.

Sebastian Schluricke: „Es stimmt, dass die Ersparnis durch Aerodynamik bei hohem Tempo größer ist, aber ein langsamerer Hobbysportler profitiert dafür länger von einer besseren Aerodynamik. Ein Profi fährt die 180km in Roth beispielsweise mit einem 40er Schnitt in knapp vier Stunden, während Hobbysportler eher 5-6 Stunden oder länger dafür benötigen. Die Ersparnis durch Aerotuning ist zwar aufgrund der niedrigeren Geschwindigkeit geringer, aber dafür eben länger wirksam.“

ilovecycling.de: Verstehe. Den Satz „Jedes Watt zählt“ könntest du also bestätigen…

Sebastian Schluricke: In gewisser Weise schon. Man kann das sogar ausrechnen, was ein eingespartes Watt bringt. Wir haben Simulationsmodelle, in die verschiedene Werte einfließen. Unsere Referenzstrecke ist beispielsweise die Challenge Roth.“

ilovecycling.de: Das trifft sich gut. Mein persönliches Ziel: Ich will in Roth unter 5 Stunden bleiben. Was muss ich dafür leisten?

Sebastian Schluricke: „Das kommt natürlich auch auf deine Fitness an. Was kannst du treten und wie hoch ist dein Systemgewicht, also Rad plus Fahrer?“

ilovecycling.de: Okay, Butter bei die Fische: Ich denke, dass ich so um die 210-220 Watt im Durchschnitt treten kann. Und mit Rad bringe ich geschätzt 90kg auf die Waage. Reicht das für Sub5?

Sebastian Schluricke: „Wenn die Aerodynamik passt, dann kann das an einem guten Tag reichen. Bei 210 Watt Durchschnittsleistung und einem Cda-Wert von 0,27 würdest du in Roth genau 4:58 Stunden brauchen. Mit 220 Watt sind 4:53 Stunden drin.“

ilovecycling.de: Wow, das macht mir Hoffnung, dass ich mein Vorhaben realisieren kann. Was ist ein Cda-Wert und wie ermittle ich diesen?

Sebastian Schluricke: „Der Cda-Wert beschreibt im Prinzip den Luftwiderstand, den du überwinden musst. Der Luftwiderstand steigt mit der Geschwindigkeit im Quadrat, d.h. je schneller du fährst, desto mehr Energie, musst du dafür aufwenden, um den Luftwiderstand zu überwinden; bei Tempo 50 brauchst du rund 90 Prozent deiner Energie dafür. Daran kann man erahnen, dass Aerodynamik beim Kampf gegen die Zeit ebenso wichtig ist wie die erbrachte Leistung.“

ilovecycling.de: Klingt gut. Was bringt mir denn nun ein eingespartes Watt?

Sebastian Schluricke: „Das hängt von verschiedenen Faktoren ab, in deinem Fall kannst du bei der Challenge Roth davon ausgehen, dass du pro eingespartem Watt ungefähr 30 Sekunden rausholen kannst. Das gilt für eine erbrachte Leistung um 200 Watt. Wenn du weniger trittst, sparst du etwa 40 Sekunden, bei Profis bringt ein Watt dafür deutlich weniger.“

ilovecycling.de: Das heißt, mit einer Scheibe kann ich richtig was rausholen, auch wenn ich langsamer als 40km/h unterwegs bin?

Sebastian Schluricke: (lacht) „Ja, ein Scheibenrad lohnt sich nicht erst ab Tempo 35. Wie viel du mit dem einen oder anderen Laufrad aber tatsächlich einsparst, kann ich dir allerdings nicht pauschal sagen. Das müsstest du dann selbst testen, weil jeder Rahmen und jedes Laufrad sich unter realen Bedingungen auf der Straße unterschiedlich verhalten können. Das gilt im Grunde für alle aerodynamischen Maßnahmen. Es gibt nicht den schnellsten Helm, den besten Anzug oder das schnellste Laufrad. Man kann durch viele Aerotests zwar eine Tendenz aufzeigen, aber was ein Aeroeinteiler oder ein Aerohelm wirklich bringen, muss jeder Fahrer selbst testen.“

ilovecycling.de: Okay. Kann man denn sagen, was mir am meisten bringt?

Sebastian Schluricke: „Die größte Ersparnis bringt dir eine konstant gute Sitzposition. Den größten Windwiderstand produziert einfach dein Körper. Die Betonung liegt auf konstant. Es bringt dir nichts, wenn du auf einer kurzen Teststrecke eine gnadenlos aerodynamische Sitzposition ausprobierst, diese aber im Rennen aufgrund von Schmerzen aufgeben musst.“

ilovecycling.de: Verstehe. Der erste Schritt bleibt also weiterhin der zum Bike Fitter.

Sebastian Schluricke: „Genau. Basis für alle Aerotests, die wir durchführen, ist eine professionell eingestellte Sitzposition. Dabei sollten Komfort und Biomechanik unbedingt berücksichtigt werden, bevor das Augenmerk auf die Aerodynamik geht.“

ilovecycling.de: Vielen Dank für das Gespräch.


Do it yourself Aerotunig

Rund 210 Watt Durchschnittsleistung können mir für ein Sub5 in Roth reichen. 2 Watt bringen mir 1 Minute auf 180km und eine Scheibe lohnt nicht erst ab Tempo 35. Das sind ein paar Erkenntnisse, die ich aus meinen Gespräch mit Aertotune-Geschäftsführer Sebastian Schluricke gewonnen habe. Jetzt will ich selber testen.

Die Aerotune-App verspricht einfache und valide Aerotest für Jedermann. Klingt gut, denn wer von uns hat einen Windtunnel zu Hause oder wohnt direkt neben einem Velodrom. Bevor die ersten Aerotests starten können, muss ich aber mit meinem Triathlonrad noch mal zum Bike Fitting.

Bisher war meine Sitzposition nicht auf eine Strecke von 180km ausgelegt. Das sollte beim Fitting aber unbedingt berücksichtigt werden. Die optimale Sitzposition gibt es nicht. Wie idealerweise auf dem Rad sitzt ist immer ein Kompromiss aus Komfort, Biomechanik und Aerodynamik.

Dabei ist der Komfort für mich nach wie vor der entscheidende Faktor: Es nützt mir wenig, wenn ich an der Aero-Schraube drehe, aber die aggressive Position nicht durchfahren kann oder im Anschluss beim Laufen muskuläre Probleme habe. Okay, das Laufen fällt bei mir aus, aber sollte eben beim Bike Fitting für Triathleten immer mitberücksichtigt werden.

Der zweitwichtigste Faktor ist für mich die Biomechanik. Nur wenn Knie- und Hüftwinkel stimmen, bekomme ich meine Kraft auch aufs Pedal. Neigt man den Oberkörper beispielsweise zu stark nach unten, blockiere ich damit meine Hüfte. Mit einer Standardkurbel sind extreme Position daher kaum möglich. Im Profi-Bereich werden heute eher kurze Kurbeln um 165cm gefahren, um noch etwas an der Position zu feilen.

Beim Bike Fitting solltest du also unbedingt darauf achten, dass du in der gewünschten Sitzposition noch deine gewohnte Leistung treten kannst. Ein guter Bike-Fitter verwendet daher einen Ergometer mit kalibriertem Leistungsmesser und nicht einen einfachen Rollentrainer. Nur so kannst du sicher gehen, ob Biomechanik und Leistungsabgabe passen.

Erst an dritter Stelle steht für mich die Aerodynamik. Noch mal: die aggressivste Position auf dem Rad bringt nichts, wenn mit nach 20km der Rücken weh tut und ich den Rest der Strecke im Oberlenker fahren muss. Die größte Ersparnis in der Aerodynamik bringt laut Sebastian Schluricke von Aertune eine konstant gute Sitzposition. Was meine Vorgehensweise ja auch bestätigt.

Mein erster Schritt war also ein Termin bei Komsport in Köln. Oliver Elsenbach ist seit Jahren eine Instanz im Radsport. Ein weiterer Vorteil: Oli kennt mich schon etwas länger und hat Vergleichsdaten in seiner Datenbank gespeichert. Außerdem passt die Grundeinstellung meines Bikes schon ganz gut, weshalb das Fitting recht flott über die Bühne ging.

Dennoch gab es ein paar Kleinigkeiten, die am Ende einen großen Unterschied ausmachen können. Beispielsweise habe ich mir neue Radschuhe zugelegt und die Cleats selber montiert. Oli hat die Pedalplatten ein kleines Stück nach hinten gesetzt, um meine Waden zu entlasten. Das würde mir auch bei einem Anschlusslauf zu Gute kommen.

Außerdem hat mir Oli ein paar Solestars Einlegesohlen verpasst. Kein Mensch steht absolut gerade. Muskuläre Dysbalancen und Fehlbelastungen im Alltag führen häufig zu einer funktionellen Beinlängendifferenz und einer leichten Hüftschiefstellung. So auch bei mir. Das wiederum wirkt sich negativ auf meine Statik und damit auf die Kraftübertragung aus.

Die Solestars wirken von unten korrigierend auf den Bewegungsapparat. Sie stützen den Fuß und verhindern so ein Einknicken des Fußgewölbes unter Belastung. Gibt das Fußgewölbe nach, geht bei jedem Tritt ein bisschen Energie verloren. Dank der Einlegesohlen spare ich also etwas Energie ein und meine Körperstatik wird verbessert.

Erst wenn die Schuhe passen, geht es aufs Rad. Hier sind – wie angedeutet – nur ein paar Kleinigkeiten zu korrigieren, da die Grundeinstellung bereits passt. Die Sattelneigung war okay, aber die Sattelhöhe musste ein wenig angepasst werden. Insgesamt saß ich vorher aber etwas zu komprimiert. Jetzt sind der Lenker und die Armpads etwas weiter vorne und damit ist die Spannung im Schulterbereich reduziert.

Obwohl ich ja schon einige Bike Fittings hinter mir habe, finde ich es immer wieder erstaunlich, welchen Unterschied kleine Veränderungen ausmachen können. Jetzt bin ich zuversichtlich, dass ich die Sitzposition möglichst lange durchhalten kann. Damit habe ich die Grundlage für meine ersten Aerotests geschaffen.

Aerotune-App
für eigene Aerotests

Die Aerotune-App ist in der Basis-Version kostenlos. Die smarte Software für Garmin-Radcomputer ermöglicht es, eigene Aerodynamik-Tests durchzuführen und so das optimale Setup für einen Triathlon oder ein Zeitfahren zu ermitteln.

So geht’s:

Schritt 1: Lade dir die App im App-Store und installiere diese auf deinem Garmin Gerät.

Schritt 2: Registriere dich auf der Website von Aerotune (https://www.aerotune.com/de) und lege dort ein Nutzerprofil an.

Schritt 3: Such dir eine möglichst flache Radstrecke von einem Kilometer Länge. Hier kannst du deinen ersten Aerotest durchführen. Damit ermittelst du quasi deine Baseline.

Ich werde den ersten Test auf meinem Zeitfahrrad, aber mit Straßenhelm und einem normalen Triathlon-Einteiler durchführen.

Voraussetzung ist eine möglichst komfortable Sitzposition, in der du es längere Zeit gut aushalten kannst. Aus dieser Position heraus kannst du nun mit Optimierungsmaßnahmen beginnen.

Armhaltung, Armwinkel, Kopfhaltung – zuerst solltest du verschiedene Änderungen an deiner Sitzposition durchspielen und mittels Aerotest die Veränderungen erfassen. Erst danach testest du dein mögliches Equipment wie Helm, Laufräder oder Aeroeinteiler.

Das Ergebnis ist dann im Idealfall eine aerodynamische Position, die dir einige Watt einsparen hilft und die du über die volle Distanz auch halten kannst. Im Zweifel solltest du also auf manche Maßnahmen zugunsten des Komforts verzichten.

Für mich heißt das Ziel meiner Testreihe, einen CdA-Wert unter 0,27 hinzubekommen. Damit würden mir an einem guten Tag durchschnittlich 210 Watt reichen, um am 1. Juli in Roth die 180km in 4:58h zu fahren.

Das brauchst du für eigene Aerotests:

  • Aerotune-App
  • Garmin Edge Radcomputer (bspw. Garmin Edge 820)
  • Leistungsmesser (Powertap P1)
  • ANT+ fähiger Geschwindigkeitssensor für höherer Genauigkeit

Weitere Infos zu Aerotune und der Aerotune-App findest du hier: https://www.aerotune.com/de

Bildnachweise: © Aerotune, Lightweight, Komsport, Solestar

 

Jörg Birkel lebt und arbeitet seit 2013 auf Mallorca und bietet dort ganzjährig Sportreisen und Trainingslager an. Zuvor hat er an der Deutschen Sporthochschule in Köln studiert und mit einem Diplom als Sportwissenschaftler abgeschlossen. Im Anschluss an sein Studium hat sich Jörg als Sportjournalist selbstständig gemacht und über Trainings- und Ernährungsthemen geschrieben. Von 2003 bis 2009 war der passionierte Radfahrer und Fachbuchautor als Dozent an der Deutschen Sporthochschule tätig. Weitere Informationen unter: www.jorge-sports.com

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