Aero ist überall: Kaum ein Teil im Rennradbereich, das noch nicht aerodynamisch optimiert wurde. Aber nur manche Entwicklungen bringen einen spürbaren Vorteil. Der bayerische Laufradhersteller Aerycs zeigt mit seinem C 50 SL C AERO wie es gehen kann.

Der erste Eindruck? Der schönste Laufradsatz, den Aerycs bisher gebaut hat. Beeindruckend voluminös wölbt sich die Felge in einem breiten Bogen und formt dabei seitlich einen Bauch, der nicht nur gut aussieht, sondern bekanntlich moderne Aerofelgen kennzeichnet. Die schwarzen Aufkleber sind wohltuendes, optisches Understatement und verleihen den Rädern Stealth-Optik. Dazu filigrane Carbon-Titan-Schnellspanner. Und dann die Naben: schwarz, elegant, hervorragend verarbeitet, edles Finish. C 50 SL C AERO heißt der Laufradsatz in für Aerycs gewohnt sperrig-technokratischer Weise. Doch hinter dem etwas umständlichen Titel steckt viel Technologie und Liebe zum Detail.

aerycs_laufradtest-002Da wäre zum Beispiel die Konstruktion: Nur 16 Speichen vorne und 20 hinten – wo Aero drauf steht, soll auch Aero drin sein, heißt die Devise bei Aerycs. Durch die stabile Felge wird die geringe Speichenzahl möglich, was sich positiv auf die Aerodynamik auswirkt. Spürbar schiebt der Laufradsatz nach vorne, bei den ersten Testfahrten von ilovecycling.de im Trainingslager im auf Mallorca im März machen die Aerycs aus Seitenwind gefühlt sogar etwas Vortrieb. Dabei lässt sich das Lenkverhalten immer noch als “gutmütig” beschreiben, nur bei starken Böen, wie sie auf der Baleareninsel im Frühjahr manchmal wehen, muss man den Lenker etwas fester packen.

Stabil und alltagstauglich

Teil des Aeropakets sind auch die hochwertigen Speichen: DT Swiss AEROComp am Vorderrad und am Hinterrad eine Kombination aus DT-Swiss AERO Comp (antriebsseitig) und DT Swiss AEROlite (nicht antriebsseitig). Ihre Steifigkeit ist über jeden Zweifel erhaben. Über den gesamten Testzeitraum bis zum Saisonende im Oktober halten die Speichen, kein Riss, nur einmal muss leicht nachzentriert werden, was mit den außen liegenden Nippeln aber kein Problem darstellt.

aerycs_laufradtest-004Im Trainingseinsatz überzeugt der Carbon-Clincher-Laufradsatz, der zusammen mit den zuverlässigen Continental Grand Prix 4000 S II-Reifen geliefert wird, durch Alltagstauglichkeit: stabil und bei Reifen-Pannen einfach wieder flott zu kriegen. Das gilt übrigens auch für einige lange Jedermann-Straßenrennen, in denen der Laufradsatz zum Einsatz kommt. Denn auch mit einem Platten ist der Wettkampf nicht vorbei, wenn man Schlauch, Minipumpe und Reifenheber einpackt. Beim ersten wichtigen Wettkampf, der Göttinger Tour d’Energie, bleibt das Pannenset zum Glück ungenutzt, dafür werden die Aerycs einem ersten Härtetest unterzogen: 100 Kilometer mit zahlreichen Anstiegen und Abfahrten, dazu Regen und Seitenwind. All das meistert der Laufradsatz sehr gut, die Bremsperformance ist mit den mitgelieferten blauen Aerycs-Carbon-Bremsbelägen völlig in Ordnung.

Vorsicht bei der Bremsbelagwahl

Und am Berg? Zwar ist die Felge mit 480 Gramm auf den ersten Blick kein echtes Leichtgewicht. Aber wenn man bedenkt, dass sie 50 Millimeter hoch und 25 Millimeter breit ist (in der Mitte sind es sogar 28 Millimeter) ist das Felgengewicht beachtlich niedrig. Der getestete Laufradsatz ist sogar noch ein paar Gramm leichter als vom Hersteller angegeben: 1429 Gramm. Seine wahren Stärken zeigt der Laufradsatz aber eher im Flachen. Die Beschleunigung nach der Kurve ist gut, bei Rundstreckenrennen machen die Aerycs stets einen tadellosen Eindruck. Noch besser ist das Rollverhalten bei hohem Tempo – eben ein echter Aero-Laufradsatz. Konzipiert sind die Carbonräder aus dem bayerischen Baierbrunn “für Straßenrennen mit vielen Antritten und für Triathleten auf kurzen und mittleren Distanzen mit hohem Tempo”, wie Aerycs angibt. ilovecycling.de kann das nach knapp einem Dutzend Rennen mit den Aerycs bestätigen.

aerycs_laufradtest-008Bauartbedingt nicht zu empfehlen sind die Carbon-Clincher für bremsintensive Rennen in den Bergen. Denn längeres Bremsen kann bei diesem Felgentyp zu Überhitzung führen, was auch ilovecycling.de im Langzeittest beobachtet: Wir wechseln die Bremsbeläge, um zu sehen, wie sich das auf die Bremsleistung auswirkt. Mit den bewährten und viel gefahrenen gelben Swissstop-Carbon-Belägen bremst es sich einen Tick kräftiger, aber auf Dauer zeigen die härteren Beläge Wirkung: Durch die höhere Bremstemperatur bleiben gelbe Bremspuren in der Flanke, die sich sichtbar verdünnt. Zwischenfazit: Bremsen sollte man die Carbon Clincher von Aerycs besser nur mit den dafür konzipierten Belägen des Herstellers.

Weiterentwicklung für mehr Sicherheit

Bereits während des Testzeitraums verbessert Aerycs die Laufräder in diesem Punkt: Sechs Lagen mehr Carbon auf der Bremsflanke sollen für einen geringeren Verschleiß sorgen, dazu kommt eine Basaltbeschichtung. Die erst Anfang 2016 ins Programm genommene Felge wird außerdem an den Speichenlöchern verstärkt, was zwar ein Paar Gramm mehr, aber auch noch mehr Stabilität bringen dürfte. Und dann hat sich Aerycs-Konstrukteur Robert Lentzsch noch etwas ganz Besonderes in Puncto Sicherheit einfallen lassen: Ein Titanband im Felgenhorn hält den Drahtreifen, wo er sein soll, auch bei bremsbedingter Hitzeentwicklung: “Damit bleibt die Struktur erhalten. Selbst wenn der Schlauch platzt, bleibt der Reifen auf der Felge”, verspricht Lentzsch. Auch mit der getesteten Version blieb der Reifen immer dort, wo er sein sollte: auf der Felge.

aerycs_laufradtest-cube-003

Fazit:

Nach mehr als 4.000 Kilometern zeigt der ilovecycling.de-Langzeittest ein klares Ergebnis: Der C 50 SL C AERO von Aerycs ist eine echte Empfehlung für Aero-Radler, die damit auf fast jedem Terrain ihre Freude haben werden.

Daten:

  • Gewicht: 1429 Gramm (VR: 621 Gramm, HR: 808 Gramm)
  • Felgen: Carbon für Drahtreifen, 480 Gramm
  • Naben: Aerycs A7, 85/212 Gramm, wahlweise in schwarz oder titangrau
  • Speichen: VR: DT Swiss AEROComp, HR: antriebsseitig DT-Swiss AERO Comp, nicht antriebsseitig DT Swiss AEROlite
  • Freilauf: Shimano/Sram 9-/10-/11-fach oder Campagnolo 10-/11-fach
  • Empfohlenes Fahrergewicht: Bis 120 Kilogramm
  • Zubehör: Ein Satz Schnellspanner Carbon-Titan, 43  Gramm pro Set  und ein  Satz Bremspads
  • Preis auf der Herstellerseite: ab 979,– EUR (inkl. MwSt., zzgl. Versand)

aerycs_laufradtest-cube-006Hinweis im Sinne der Transparenz: Der Testlaufradsatz wurde ilovecycling.de für die Dauer des Tests zur Verfügung gestellt und danach wieder zurückgeschickt.

Das aktuelle aerycs-Programm und die Gesamtübersicht aller Rennrad-Laufräder findet ihr im aerycs-Shop: DIREKT zum SHOP

Bildnachweise: © Joscha Weber

JOSCHA WEBER
Joscha Weber ist Redakteur bei der Deutschen Welle und leitet dort den Online-Sport. Nach dem Studium der Kommunikationswissenschaft, Politikwissenschaft sowie der Neueren und Neuesten Geschichte in Münster und Aix-en-Provence arbeitete er unter anderem für den WDR, das ZDF, Phoenix und die dpa. Seit 2004 ist Weber zudem nebenberuflich Mitarbeiter des Tour Magazins. Radsport ist seine Leidenschaft, seit 2001 besitzt er eine Rennlizenz und 2014 wurde er Rad-Weltmeister der Journalisten.

1 Kommentar

  1. Also meine Erfahrungen mit Aerycs sind nicht so positiv- Ich hab mir vor ca. 8 Monaten einen Aerycs C 40 SL – nun nach ca. 1000km haben sich bei der Abfahrt von einem kleinen Hügel (150hm) die Bremsflanken in die einzelnen Schichten aufgesplittet..

    Nach Einsendung behauptete Aerycs, ich hätte falsche Bremsbeläge benutzt- Problem nur, dass es die waren, die Aerycs mitgeliefert hat… zusätzlich wurde behauptet, dass ich die Bremsbacken zu weit oben an der Bremsflanke montiert hätte- Ich habe diese ca. 1 mm über dem unteren Ende der Bremsflanke montiert..

Kommentiere den Artikel

Bitte trage Deinen Kommentar ein!
Bitte trage Deinen Namen hier ein

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .