Ein regnerischer Sonntag und ein glänzender Plan
Es fing an wie so vieles im Radsport: mit einer Überzeugung, die auf halben Fakten und ganzen Gefühlen basiert. Sonntag, Regen, Trainingsplan mit dem charmanten Eintrag „verschieben“. Ich stand im Bad, hörte das Tropfen an der Scheibe und sah meine Beine an wie zwei Projekte, die man seit Monaten vor sich herschiebt. Daneben: ein neuer Rasierer, glänzend wie eine frisch gewachste Felge. Ich dachte: Wenn ich schon nicht trainiere, kann ich wenigstens schneller aussehen.
Nach zehn Minuten sah das Bad aus, als hätte ein Teddybär in der Pubertät explodiert. Meine Partnerin steckte den Kopf rein, musterte die Szenerie, dann mich. „Triathlon? Oder midlife…“ – „Radsport“, sagte ich. „Aerodynamik. Massage. Wundpflege.“ Drei Argumente, die ich aus Foren, Podcastfetzen und der großen Wissenschaft „Kaffee vor dem Gruppenride“ zusammengesammelt hatte. Sie nickte. „Klar. Und ich kauf Schuhe, weil sie ergonomisch sind.“ Ab da wusste ich: Diese Diskussion gewinne ich nie – aber vielleicht ein Ortsschild.
Glanz auf Asphalt: Der erste Ride danach
Am nächsten Morgen fuhr ich los. Der Asphalt dampfte, die Luft roch nach Regen und Hoffnung. Ich blickte auf meine Waden. Sie glänzten. Nicht „griechische Statue“-glänzend, eher „frisch polierte Küchenarbeitsplatte“. Aber irgendetwas passierte: Ich setzte mich tiefer, trat runder, und im Kopf machte es klick. Das war kein Turbo, eher eine Stimmung. Aber Stimmungen sind im Radsport halbe Siege.
Treffpunkt, Seitenhieb, Abfahrt
Am Treffpunkt hob Meiko eine Augenbraue. „Aha“, sagte er. „Es ist wieder Saison.“
„Welche Saison?“
„Die, in der alle tun, als ging’s um 5 Watt, und eigentlich geht’s um 5 Prozent Ego.“
Wir lachten, klatschten Fäuste. Und fuhren los.
Die ersten fünf Kilometer lieferten das gewohnte Ritual: Einer bremst zu viel, ein anderer erzählt vom neuen Kettenöl, das nach Rosmarin riecht, und hinten verhandeln zwei darüber, warum es „Cappuccino“ heißt, wenn doch so wenig Cap darauf ist. Ich trat, schaute wieder auf meine Beine und merkte, wie der Wind anders darüber strich. Vielleicht Einbildung. Vielleicht Physik. Vielleicht beides. Der Radsport lebt perfekt in dieser Grauzone.
Schotter, Schürfwunde, Solidarität
Am Anstieg passierte dann die Szene, die mir bis heute die beste Antwort liefert. Vor mir ruckte ein Hinterrad, dahinter sprach der Weg eine klare Sprache: Schotter. Jemand war in der Kurve zu weit raus. Ein Rutschen, ein Fluchen, der kurze, hässliche Sound von Haut, die Bekanntschaft mit Mineralien macht. Wir hielten an. Nichts Dramatisches, aber eben Schürfwunde. Ich gab die Flasche rüber, kramte im Trikot nach dem kleinen Erste-Hilfe-Beutel, der sonst nur existiert, um die Packungsgröße von Riegeln zu relativieren. Wir reinigten, klebten, pusteten. Und während ich das Pflaster andrückte, grinste der Kollege, zeigte auf meine Beine und sagte: „Respekt. Das hier geht mit Teppichboden nicht so elegant.“ Wir lachten. Es war dieser Galgenhumor, der auf langen Touren entsteht. Aber irgendwo, zwischen Wasser, Kleber und Solidarität, knackte auch das dritte meiner Rasier-Argumente wieder in Position: Wundpflege. Nicht glamourös, aber überzeugend.
Ortsschild-Logik: Wissenschaft vs. Psychologie
Später, in der Abfahrt, wollte Meiko einen Beweis. „Wenn das bei dir jetzt aerodynamischer ist“, rief er, „dann tritt mal nicht – ich hole dich trotzdem nicht ein.“ Er klemmte sich in meinen Windschatten, ich rollte nur, und es passierte… nichts Weltbewegendes. Kein Abflug, kein Wunder. Aber beim Ortsschild waren es jene zwei Vorderradbreiten, die man nicht erklären kann, die aber heiß diskutiert werden. „Siehst du?“, rief ich. „Wissenschaft!“ – „Psychologie!“, rief er zurück. Am Ende hatten wir beide recht, und das ist die ehrlichste Wahrheit, die ich zum Thema kenne.
Café-Pause mit Erklärbär-Pflicht
Im Café bestellten wir Kuchen – weil Radsport. Die Bedienung war neu und stellte die klassische Frage, die alle stellen, die noch nicht in diesem Kaninchenbau wohnen: „Warum rasieren eigentlich… also… die Beine?“
Ich lächelte und machte meine Standard-Dreifaltigkeit auf: „Massage, Wundpflege, ein bisschen Aero.“
Meiko fügte hinzu: „Und weil es sich gut anfühlt, schnell auszusehen.“
Sie nickte. „Also wie High Heels für Waden?“
Wir lachten. „So ungefähr“, sagte ich. „Nur, dass niemand auf die Idee kommt, sie bergauf zu tragen.“
Sonne, Schutz und die kleine Zusatzflasche
Später legte sich der Tag über die Stadt, und wir fuhren gemächlich heim. Ich merkte, dass die Haut in der Sonne schneller warm wurde. Glatt heißt: Sonnencreme ist Pflicht. Man lernt, ein zusätzliches Fläschchen im Trikot zu verstauen – zwischen Pumpe, Multitool und der Hoffnung, dass der Gegenwind irgendwann aufgibt. Und man lernt, dass Rasur kein Dogma ist, sondern ein Modus. Ich kenne Phasen, in denen ich glatt fahre, weil die Trainingsblöcke ernst sind, die Beine hart und der Kopf will, dass alles dazu passt. Ich kenne Phasen, in denen ich trimme – ordentlich, aber ohne Oper. Und ich kenne Winter, in denen ich die Natur machen lasse und nur denke: Wärme ist auch eine Form von Aerodynamik.
Waxing-Intermezzo: Tapferkeit mit Jazz
Einmal wollte ich mutig sein und ließ waxen. Im Studio lief Jazz, die Kosmetikerin war freundlich, und ich versuchte, mit meiner Würde zu verhandeln. „Tut kaum weh“, sagte sie. Ich nickte und dachte: Kaum ist ein dehnbarer Begriff. Zehn Sekunden später wusste ich: Ja, dehnbar. Das Ergebnis hielt drei Wochen, meine Tapferkeit hielt bis zur Tür. Ich kehrte zur Klinge zurück. Nicht, weil Waxing schlecht wäre – es ist sogar großartig –, sondern weil die Rasur ein Teil meines Vor-Ride-Rituals geworden war, wie der Espresso oder die obligatorische Diskussion über Reifendruck. Manchmal ist das Rasieren weniger Maßnahme, mehr Moment: Wasser, Schaum, Klinge, Stille. Man macht etwas nur für dieses eine Gefühl danach: glatt, frisch, bereit.
Ritual schlägt Dogma
Und was sagt die Leistung? Wenn ich ehrlich bin: Die Klinge schenkt mir keine Berge. Aber sie schärft mir den Blick. Glatte Beine erinnern mich daran, dass ich mir Zeit genommen habe für dieses Hobby, das so oft mehr Lebensstil als Sport ist. Ich sitze wacher im Sattel, fahre aufmerksamer in Kurven, und wenn die Gruppe zieht, denke ich nicht darüber nach, ob der nächste Pflasterstein in meiner Wade hängen bleibt. Fokus durch Ritual – das ist vielleicht der größte, stillste Vorteil.
Schlussakkord: Die Sache mit dem Ortsschild und dem Kuchen
Wenn mich heute jemand fragt „Ja oder nein?“, erzähle ich die Geschichte vom regnerischen Sonntag, vom Teddybär im Bad, vom Pflaster am Berg und vom Ortsschild mit zwei Vorderradbreiten. Ich sage, dass glatte Beine im Radsport wie gute Manieren sind: Man braucht sie nicht, um ein netter Mensch zu sein, aber sie machen vieles geschmeidiger. Ich sage, dass Training schneller macht und Rasur schöner – und dass Schönheit im Radsport nicht Eitelkeit ist, sondern manchmal einfach der Respekt vor der eigenen Zeit im Sattel.
Abends, wenn die Dusche rauscht und der Tag müde ist, greife ich wieder zur Klinge. Nicht immer. Aber oft genug. Manchmal höre ich dabei das Klicken der Freilaufnabe in meinem Kopf, dieses Versprechen von Straße und Rhythmus. Und ich denke: Vielleicht sind es keine fünf Watt. Vielleicht ist es nur dieses leise Gefühl, vorbereitet zu sein. Und wer vorbereitet ist, tritt leichter an. Am Ortsschild, im Café – und in all den kleinen Momenten dazwischen, in denen der Radsport sich anfühlt wie das, was er ist: ein schöner Unsinn mit Sinn.

Das Pro-Lager: Seidig, schnell, sinnvoll (…manchmal)
1) Aerodynamik (die berühmten 5 Watt):
Ja, es gibt Messungen, die zeigen: Glatte Waden sind aerodynamischer als zottelige. Wie viel bringt’s? Sagen wir: die Differenz zwischen „knapp“ und „sehr knapp“ am Ortsschild. Für Profis und KOM-Jäger plausibel, für uns Normalsterbliche: ein Bonus, der im Kopf oft größer ist als auf dem Garmin – was übrigens völlig okay ist. Kopf gewinnt Rennen.
2) Massage & Regeneration:
Massagen über behaarter Landschaft sind … nennen wir’s „griffig“. Ohne Haarwurzeln verteilt sich Öl besser, die Hände gleiten, das Gewebe lässt sich gezielter bearbeiten. Physios mögen glatte Straßen. Punkt.
3) Wundpflege nach Sturz:
Keiner plant es, aber jeder kennt jemanden, der es erlebt: Straßenkaugummi auf Haut. Ohne Haare lässt sich reinigen, desinfizieren und verbinden schlicht leichter. Kleber hält an Haut besser als an Filz – und Pflaster entfernen tut weniger weh (psychologisch diskutabel, faktisch spürbar).
4) Optik & Teamkodex:
Glatte Beine schreien: „Ich meine es ernst.“ Du funkelst in der Sonne wie frisch gewachst – ein rollendes Statement. In vielen Gruppenfahrten ist es eine stillschweigende Etikette, ähnlich wie: keine Oberlenkerbremser in der Abfahrt, keine Attacke in die Wechselzone (falscher Sport, ich weiß).
Das Contra-Lager: Natur, Nerven, Nachschub
1) Pflegeaufwand:
Haare wachsen nach. Immer. Und immer dann, wenn man keine Zeit hat. Rasierkalender statt Trainingsplan ist nicht jedermanns Sache.
2) Hautreaktionen:
Rasurbrand, eingewachsene Haare, Pusteln – die Pickel-Polka kennt jeder, der einmal zu schnell, zu stumpf oder zu trocken rasiert hat. Hautpflege ist Pflicht, nicht Deko.
3) Scheinheiliger Nutzen:
Wenn du am Berg 30 Watt fehlen, rettet dich kein Gillette. Wer nur wegen „Aero“ rasiert, aber 12 Bar in 25-mm-Reifen pumpt und auf Kopfsteinpflaster rollt, bekämpft Symptome, nicht Ursachen.
4) Identität & Komfort:
Manche fühlen sich mit Naturbelag einfach wohler – ein legitimes Statement. Außerdem wärmen Haare ein wenig. Im Frühjahr ist das kein Nachteil.
Die heimliche Wahrheit: Es ist (auch) Psychologie
Rasiert fährt es sich anders. Du schaust auf die Beine und denkst: „Heute bin ich schnell.“ Dieser Placebo ist Gold wert. Und mentale Watt sind Watt. Außerdem steigert der Aufwand rund um Vor- und Nachbereitung das Commitment: Wer rasiert, der fährt – so fühlt es sich an.

Die Gebrauchsanweisung (erprobt, nicht patentiert)
- Vorarbeiten: Dickicht? Erst mit dem Trimmer auf 3–5 mm.
- Aufwärmen: Dusche, warmes Wasser – die Haut sagt Danke.
- Rasierschaum/-gel: Duschgel ist Notlösung, kein Lebensentwurf.
- Frische Klinge: Stumpf = Ärger. Neu = Frieden.
- Mit der Wuchsrichtung starten, später maximal quer. Gegen den Strich nur, wenn deine Haut bei Horrorfilmen lacht.
- Knie/Schienbein: Topografie im Schritttempo.
- Kalt abspülen, dann mild desinfizieren.
- Pflegen: Parfümfreie Lotion; wer zu Einwüchsen neigt, ein sanfter BHA-Toner.
- Timing: Nicht 30 Minuten vor dem Rennen. 24 h vorher ist clever.
- Sonnenschutz: Glatte Haut bräunt schneller – und verbrennt schneller.
Bonus-Hacks: Eigenes Handtuch (Hygiene), saubere Klinge (Haut dankt), und wenn’s schnell gehen muss: Body-Groomer – nicht babyglatt, aber gesellschaftsfähig.
Alternativen für alle Lebenslagen
- Enthaarungscreme: Wirkt, riecht … speziell. Erst an kleiner Stelle testen.
- Waxing/Epilieren: 2–4 Wochen Ruhe, dafür 10 Sekunden ehrliche Gefühle.
- Trimmen: Mein Wintermodus: aufgeräumt, aber nicht auf Hochglanz.
- Ganz natürlich: Ist kein Stilbruch, es sei denn, du prahlst mit Aero und fährst in Cargo-Shorts.
Knigge für die Waden
- Gruppenfahrt: Rennorientiert? Glatt ist quasi Dresscode. Genussrunde? Alles kann, nix muss.
- Event/Marathon: Glatt ist häufig, du fällst damit nicht auf – was paradoxerweise beruhigt.
- Gravel: Staub klebt auf allem. Haare nehmen’s sportlich.
- Café-Regel: Rasieren bitte nicht im Waschraum. Ja, wir müssen das sagen.
Mythen, schnell abrasiert
- „Haare wachsen dicker nach.“ – Tun sie nicht. Sie fühlen sich nur stumpfer an.
- „Glatt = automatisch schnell.“ – Training schlägt Klinge. Immer.
- „Nur Poser rasieren.“ – Poser posen auch mit Haaren.
Die drei Antwortschubladen für neugierige Nachfragen
- Technisch: „Massage, Wundversorgung, minimal mehr Aero.“
- Humor: „Weniger Luftwiderstand, mehr Kuchenzeit im Ziel.“
- Philosophisch: „Weil Rituale uns zu dem Athleten machen, der wir sein wollen.“

Mein Fazit:
Rasier dich, wenn’s dir guttut. Lass es, wenn’s dir egal ist. Aber probier es einmal – an einem verregneten Sonntag, mit Jazz im Hintergrund, und der Ahnung, dass die wichtigste Aerodynamik zwischen Ohr und Ohr passiert. Wenn du danach am Spiegel vorbeigehst und dich selbst angrinst, weißt du: Es hat funktioniert. Und wenn nicht, wächst es nach. Immer. Genau wie die nächste Ausrede für Kuchen.































