Zwischen Flow-Zustand und Leidensfreude
Morgenritual: Öl und Kaffee
Der Wecker sagt 6:58 Uhr, aber mein Kopf behauptet, es sei Montag. Ich schiebe das Rad aus dem Flur, die Wohnung riecht nach Kettenöl und Kaffee – die zwei Aromen, auf denen der Radsport vermutlich gebaut wurde.
Auf dem Tacho blinken 0:00 und 0 km. Draußen atmet die Straße kalt. Ich frage mich – wieder einmal –, warum ich mir das freiwillig antue.
Wenn der Kopf still wird
Nach den ersten zehn Minuten wird es still. Nicht um mich, sondern in mir. Der Atem findet seinen Takt, die Kurbel ihren Rhythmus. Der Gedanke, der eben noch eine komplette Vorstandssitzung war, schrumpft zu einem Satz: Weiter so. Ich kenne das: Die Psychologen nennen es Flow. Ich nenne es: Endlich Ruhe im Kopf.

Landschaft als Partitur
Meine Heimatstadt liegt hinter mir, Felder, eine Linie Asphalt, ein schüchternes Licht am Horizont. Ein Hase sprintet quer – scheinbar mit einem besseren Intervallplan als ich. Ich fahre in das erste, flache Wellengebiet. Mein Körper verhandelt mit sich selbst: Spaghettieis später, jetzt Tritt.
„Locker“ ist eine eigene Sprache
Am Fuß der kleinen Rampe treffe ich Meiko und Volker. Meiko sagt „locker“, den radsportspezifischen Begriff für „Wir schweigen und tun so, als ob“. Nach drei Kurven reden wir tatsächlich nicht mehr. Volker schaut konzentriert, ich schaue so, als müsste ich die nächsten 200 Meter persönlich das Rad tragen.
„Da vorn ist die Kuppe“, sage ich und hoffe, dass mich der Berg nicht der Lüge überführt. Er tut es. Natürlich.
Freundliches Leiden
Oben bläst der Wind die Gedanken wie Krümel vom Tisch. Das Leidgewicht der letzten Minuten wird leichter, als hätte jemand am Hinterrad den Magneten schwächer gestellt. Dieses freundliche Leiden – nie dramatisch, immer dosiert – macht etwas mit mir. Ich kenne inzwischen den Trick meines Gehirns: Erst Anstrengung, dann Endorphine, später Dopamin. In der Erinnerung fühlt es sich stets sanfter an. Der Berg hat eine hervorragende Marketingabteilung.
Leise Teams
Wir rollen weiter, Seite an Seite. Manchmal sind wir ein leises Team, das nur aus Reifenrauschen und Jackenrauschen besteht. Ein Nicken hier, ein kurzes „Moin“ da – es sind kleine Bestätigungen, dass wir zur selben seltsamen Spezies gehören: Menschen, die freiwillig früh aufstehen, um Kreise zu malen.
Kleine Komödien am Hang
Hinter dem Wald biegt die Straße nach links, die Steigung wird ernst. Ich schalte – falsch natürlich – sofort wieder richtig, so als sei der kleine Ruck geplant gewesen. Meiko grinst, Volker ebenso. Ich grinse zurück. Das ist unsere private Comedy-Serie.
Mit jeder Kurbelumdrehung spüre ich, wie sich die Welt ordnet: Landschaft ist nicht mehr Deko, sondern eine Partitur, die ich mit den Beinen lese. 6 %, zwei Minuten. Linkskurve. Kurze Entlastung. Wieder Druck. Ich messe nicht – ich merke. Manchmal genügt mir das.
Gipfelstatue & Milde
Oben machen wir die übliche Gipfelstatue: Arme nicht zu hoch, Stolz nicht zu groß, Atmung wieder menschlich. Ich denke an meinen Dauersatz: Nicht jede Ausfahrt will ein Sieg sein. Manchmal will sie nur stattfinden. Es ist erstaunlich, wie gütig man mit sich selbst wird, wenn man lange genug über einen Hügel atmet.
Abfahrt in „leicht“
Die Abfahrt riecht nach nasser Erde und einer stillen Verabredung mit dem Glück. Blick weit, Schwerpunkt tief, Hände ruhig. Die Straße zeichnet ein schlankes S in den Vormittag. Ich rolle, als hätte jemand die Welt auf „leicht“ gestellt.
Eisdielen-Philosophie
Die Eisdiele ist unser Ziel und unsere Ausrede. Wir stellen die Räder an die Scheibe, als wären sie Schaufensterpuppen. Meiko und ich bestellen jeweils ein Spaghettieis, Volker hingegen ein Nuss-Schoko-Irgendwas. Ich behaupte, das sei Regeneration, und nicke mir selbst zu, als wäre ich mein eigener Trainer.

Wir reden über nichts und alles: über einen Segment-Ton, den ich vorhin ignoriert habe; über den Mann mit Einkaufskorb, der mich neulich bergauf überholt hat (ich habe selbstverständlich überprüft, ob die Bremse schleift); über die nächste Runde, die natürlich „ganz locker“ wird.
Die Antwort zwischen Eis und Cola
Und dort, mitten zwischen Eis und einer Cola, beantwortet sich die große Frage von selbst:
Ich tue das, weil ich hier entscheiden darf. Über Route, Tempo, Pause.
Ich tue das, weil der Kopf still wird, wenn die Beine reden.
Ich tue das, weil geteiltes Schweigen manchmal die beste Unterhaltung ist.
Und ja – weil die kleine Dosis Leid das große Gefühl danach möglich macht.
Drei Regeln, die bleiben
Auf dem Heimweg denke ich an meine drei persönlichen Regeln, die mehr mit Leben als mit Training zu tun haben:
- Strecke planen, Gefühl finden. Das Gefühl kommt, wenn es soweit ist.
- Eine freie Fahrt pro Woche. Keine Zahlen, nur Richtung.
- Ein gutes Ende. Die letzten fünf Minuten bewusst ruhig – der Körper merkt sich den Schluss.
Zahlen sind nicht der Punkt
Als ich die Wohnungstür hinter mir schließe, riecht es wieder nach Kettenöl und Kaffee. Der Tacho zeigt jetzt etwas, aber die Zahl ist nicht der Punkt. Ich hänge das Rad auf, und der Satz taucht wieder auf, derselbe wie heute früh – nur wärmer:
Weiter so.
Was bleibt
Am Abend lade ich die Runde auf STRAVA hoch, schreibe noch einen Text dazu und lösche die Hälfte. Die schönen Momente passen nicht in Felder. Sie passen in Bilder: Meiko und Volker im Gegenlicht, die schiefe Kuppe, das Nicken mit dem Fremden, das Summen der Straße.
Ich weiß jetzt wieder, warum ich das alles tue. Und ich weiß, dass ich mir diese Antwort morgen neu „erfahren“ will.

Fahrt vorsichtig, lacht oft, und verhandelt milde mit euch selbst.
Der Rest ist Tritt.
– Euer Jörg































