Zu diesem stets aktuellen Thema haben wir mit der Ärztin und Sportlerin Dr. med. Ursula Hildebrandt gesprochen, die sowohl an der Deutschen Sporthochschule Köln als auch in der sportkardiologischen Ambulanz des Universitätsklinikum Bonn arbeitet.

ilovecycling.de:

Was sollte ein Sportler oder eine Sportlerin zum Saisonbeginn bzw. vor den ersten Wettkämpfen beachten?

Dr. med. Ursula Hildebrandt:

Hier sind aus meiner Sicht 3 Punkte wichtig:

  1. Langsam steigern!

Häufig überlegen sich manche Menschen, jetzt werd ich Sportler oder Leistungssportler und mache mal einen Wettkampf. Das wird dann oft von heute auf morgen entschieden, zum Beispiel weil andere das ja auch machen. Sowas kann leider schnell schief gehen. Zu Beginn muß man sich also klar machen, seine Anforderungen langsam zu steigern – so demotivierend das manchmal auch sein kann, aber nur dann führt es zum Erfolg. Überlastungsschäden und Übertraining können sonst böse Folgen sein.

  1. Ernährung

Ich kann kein Haus ohne Backsteine bauen! Es ist wichtig, dem Körper auch die Nährstoffe zu liefern, die er auch braucht. Ich muß mich ausgewogen und vernünftig ernähren. Dazu braucht es auch keine Pülverchen und Pillchen aus der Apotheke – in Deutschland kann ich mich wirklich gut und gesund ernähren.

  1. Check-Up

Man sollte sich einmal durchchecken lassen. Es funktioniert nicht auf einen unter Umständen wie auch immer kranken Körper draufzuhauen. So kann man zum Beispiel eventuelle strukturelle Fehler am Herzen, Immundefekte oder Stoffwechselerkrankungen erkennen.

 

ilovecycling.de:

Wie hoch ist denn die Wahrscheinlichkeit, daß man irgendetwas findet, auch wenn es nichts Schlimmes sein muß?

Dr. med. Ursula Hildebrandt:

Aus meinem Erfahrungsschatz, bei jedem zweiten. Das sind häufig Banalitäten, aber Dinge die vielleicht beobachtungswürdig sind. Meine Philosophie ist, die Kinder zu retten bevor sie in den Brunnen gefallen sind. Und je früher ich vielleicht kleine strukturelle Schäden oder auch orthopädische Disbalancen aufdecke, desto früher kann ich gegensteuern und so schlimmeres verhindern. Und man hat dann einfach auch ein Bewußtsein dafür.

 

ilovecycling.de:

Kennst Du denn auch sehr krasse Fälle, also daß jemand kommt der sich total fit fühlt, aber bei dem dann etwas sehr gravierendes gefunden wird?

Dr. med. Ursula Hildebrandt:

Das gibt es leider auch. Ein Fall, der mir jetzt ganz spontan einfällt, war ein Sportler der Gott sei Dank von seinem Verein zu einem Check geschickt wurde. Da wurde eine angeborene hypertrophe Kardiomyopathie festgestellt, davon hat der Patient selber nichts gemerkt. Das heißt, das Herz ist zu dick und erstickt sich quasi selber. Der Herzmuskel wird immer dicker, wächst dabei aber nur nach innen. Dann ist irgendwann zu wenig Blut in der Herzkammer, was ausgestoßen werden kann. Und in der Regel fällt sowas leider erst auf, wenn der Patient tot umfällt.

Im schlimmsten Fall muß bei solch gravierenden Befunden dann aus ärztlicher Sicht ein Sportverbot ausgesprochen werden.

 

ilovecycling.de:

Woran erkennt man denn einen guten Sportarzt?

Dr. med. Ursula Hildebrandt:

Es gibt viele gute Ärzte, aber das heißt leider nicht, daß die sich auch mit Sport auskennen. Meine Empfehlung ist, auf folgende Punkte zu achten:

  • sportmedizinische Weiterbildung
  • Herzultraschall
  • sportorthopädische Anbindung
  • Lungenfunktionsprüfung
  • Belastungs-EKG (wichtig: wirklich bis zur Belastungsgrenze. Problem: z.B. Hausärzte haben oft wenig Zeit oder keine Erfahung mit hohen Wattwerten)
  • Blutuntersuchung (z.B. Eisen, Schilddrüse, Leber, Niere, auch Werte die bei einer normalen Blutuntersuchung gemacht werden)
  • vernüftige Anamnese: einfaches, aber effektives Werzeug Nur dann kann der Arzt verstehen wodrum es geht

Im besten Fall liegt auch noch eine eigene sportliche Erfahrung des Arztes vor. Dann ist man auch eher auf einer Wellenlänge und kann sich vernüftig unterhalten. Ich hatte z.B. eine 70-jährige Sportlerin die ihre 30 Minuten Seilspringen nicht mehr schaffte. Die Antwort des Hausarztes war dann, das müsse sie ja mit 70 auch nicht mehr. Damit kann natürlich ein Sportler nichts anfangen.

 

ilovecycling.de:

Wie oft sollte man das wiederholen?

Dr. med. Ursula Hildebrandt:

Also wenn man überhaupt nichts findet und alles unauffällig ist bei Freizeitsportlern ca. alle 2-3 Jahre, im Leistungssportbereich auf jeden Fall einmal im Jahr und bei Unregelmäßigkeiten nach Erfordernis, damit es gar nicht erst schlimmer wird.

 

ilovecycling.de:

Mit welchen Kosten muß ich bei solch einer Untersuchung rechnen?

Dr. med. Ursula Hildebrandt:

Die privaten Kassen übernehmen alle Kosten. Bei den gesetzlichen Kassen gibt es erfreulicherweise ein Umdenken, da hat man angefangen zu verstehen, daß Prävention vielleicht doch günstiger ist als die spätere Behandlung. Techniker und Barmer sind da Vorreiter, sie übernehmen 150,- €. Hier lohnt es sich nachzufragen. Generell muß man aber sagen, daß die Kosten im Vergleich zu den teilweise horenden Materialinvestitionen mehr als günstig sind und letztendlich die Vorteile auch viel schwerer wiegen.

 

ilovecycling.de:

Wenn man das Go vom Arzt hat, würdest Du dann noch sagen, daß es Einschränkungen hinsichtlich von Wettkämpfen gibt? Also wenn zum Beispiel jemand der schon etwas älter ist, das erste Mal im Leben einen Wettkampf machen möchte?

Dr. med. Ursula Hildebrandt:

Ich würde wie gesagt jedem, egal ob 8 oder 80, empfehlen sich einmal durchchecken zu lassen, das ist einfach sinnvoll. Aber klar, dann rate ich auch Jedem zu Wettkämpfen. Einfach auch weil das eine Motivation fürs Training ist. Wir alle kennen den Schweinehund und dann ist es vielleicht mal wieder kalt oder es regnet oder was auch immer. Wenn man aber genau weiß, in 5 Wochen ist dieser Wettkampf, dann ist das einfach eine super Motivation. Und das kennen wir alle, während des Wettkampfes ist es furchtbar und danach ist man glücklich.

 

ilovecycling.de:

Liebe Ursula, wir danken Dir für das Gespräch!

 

dr-ursula-hildebrandt
Ursula Hildebrandt hat in Hamburg und Tübingen Medizin studiert und arbeitet seit 2009 als Ärztin im Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Zusätzlich forscht Sie am Universitätsklinikum Bonn im Bereich 3D-Echokardiographie. Anfang 2012 absolvierte sie die Weiterbildung zur Ernährungsmedizinerin. Sie ist Autorin und Mitglied im Experten-Rat der Magazine “triathlon” sowie “triathlon training”. Seit vielen Jahren macht sie sportmedizinische Untersuchungen bei Profi- aber auch Freizeitsportlern aus allen Sportarten und allen Altersgruppen. Darüber hinaus betreut Sie Patienten mit internistischen Erkrankungen wie z.B. Übergewicht, Bluthochdruck oder Diabetes. Sie ist unsere Ansprechpartnerin für alle medizinischen und ernährungsmedizinischen Fragen.

 

 

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