Kaum verschwindet die Sonne hinter den Dächern der bunten Holzhäuser, die aussehen wie aus einem Pippi Langstrumpf Film, wird es schlagartig saukalt.

Ein nordischer Sommertag neigt sich dem Ende, alle Kids der Stadt haben sich mächtig rausgeputzt, das Wochenende wird eingeläutet, in den Kneipen wird schon mal ordentlich vorgeglüht für die bevorstehende Partynacht. Frühlingsgefühle und –düfte zirpen durch die Luft. Alle sind ausgelassen und fröhlich.

Alle? Nein! Zwei germanische Radler in albernen Stretchhosen sitzen fröstelnd und in Decken gehüllt unter einem Heizpilz und nippen unentschlossen an einem Capucchino.

Das sind wir:
Ole und Dipo.

„Was machen wir hier eigentlich?“ beschleicht es uns. „Sollten wir uns eigentlich nicht ins Getümmel stürzen, feiern, saufen, flirten, tanzen und das Leben geniessen?“

Stattdessen lassen wir uns gleich, in 10 Minuten, auf ein Unterfangen ein, das man eigentlich schon bereut, unmittelbar nachdem man die Anmeldung abgeschickt hat: Styrkeprøven (zu deutsch die große Kraftprobe), ein Radrennen von Trondheim nach Oslo über 555 km und 4.200 Höhenmetern.

Nonstop.
Durch die Nacht.
Ohne Helene Fischer!

Am Start geht es norwegisch nüchtern zu: Ein unaufgeregter Typ (komisch, die Norweger) in orangenem T-Shirt wünscht uns ohne Pathos eine gute Fahrt und los geht’s. Gefühlte 7 Zuschauer klatschen verhalten und wir rollen über das rote Gummiband, das die Stoppuhr startet. Jetzt gilt´s: THE RACE IS ON!

„Wo sollen wir uns einordnen? Welchem Pulk schließen wir uns an? Wer von denen fährt das richtige Tempo? Was ist überhaupt das richtige Tempo, wenn man eine Distanz vor sich hat, die man vorher noch NIE IM LEBEN gefahren ist?“ Sicherheitshalber prügeln wir gleich mal mit der Spitzengruppe mit 35 km/h aus der Stadt raus. Die Gruppe, die 10 Minuten vor uns losgeschickt wurde, ist sehr bald  in Sichtweite und wir donnern an ihnen vorbei wie die Großen. Das macht zwar unheimlich Eindruck, geht aber leider nicht lange gut. Ole erklärt sich nur widerwillig damit einverstanden, diese Brutalotruppe ziehen zu lassen um uns von dem nachfolgenden Peloton schlucken zu lassen.

„Hey, folks!
Showing off a little, eh?“
hämt es uns entgegen.

Nachdem wir in diesem Pulk gemächlich die ersten 120 km gerollt sind – es gab genügend Gelegenheit zu plaudern und junge Norwegerinnen zu begutachten – entschieden wir uns dann doch unser eigenes Tempo zu fahren und zogen davon. Mittlerweile war so eine Art Nacht hereingebrochen, diffuses Dämmerlicht, die roten Rücklichter der vor uns fahrenden Radler tanzen wie Irrlichter umher. Wir sind nur noch zu zweit, allein.

Ole und ich haben auf vielen gemeinsamen Kilometern schon lange den Gleichklang geprobt, zuletzt auf einem nonstop Ritt von Rosenheim an den Gardasee. Einige solcher langen Fahrten waren schon nötig in der Vorbereitung, um eine solide Grundlage zu schaffen, sowohl in den Beinen als auch im Kopf („Ausdauerleistungsfähigkeit ist Ermüdungwiederstandsfähigkeit“ – Erinnerungsfetzen aus dem LK Sport J)

Ich hatte seit Januar 900 km auf Langlauf- und Tourenski sowie 4.300 km auf dem Rad erledigt. Der Ole vielleicht nicht ganz so viel, er gleicht das aber durch unbändige fränkische Robustheit aus (auf deutsch: er ist ne „harte Sau“).

Auf unmerklichen Steigungen mit welligem Auf- und Ab landen wir nach 200 km auf dem höchsten Punkt der Route, dem Dovrefjäll auf 1.000 müM. Der Tag bricht an, bei munteren Minusgraden rollen wir wie in Trance dahin. Bei den Verpflegungsposten, die uns alle 50 km sehnlichst erwarten, lungern wir „ewig“ rum und kippen und stopfen alles in uns rein, was da so rumliegt: Schwarzer Kaffee, Toast mit braunem Käse (komisch, die Norweger) und Himbeermarmelade, Burritos mit was-weiß-ich-was drin, Pilzsuppe und Schokokuchen.

Völlig egal, alles rein!

In den einsamen Weiten des Fjäll gabeln wir einen noch einsameren Radler auf. Fred aus Holland hatte kein oranje Trikot an, war sehr bescheiden und hat uns auch nicht gleich offenbart, daß er im Frühjahr schon 7.500 km gefahren ist und unter anderem Paris – Roubaix absolviert hat. Ein schlauer Kerl, denn wenn wir das gewußt hätten, hätten wir ihn nur allein vorne im Wind fahren lassen.

Bald sind wir dann zu viert, Rainer aus dem Münsterland gesellt sich zu uns und plötzlich sind wir ein richtiges Team! Totale Harmonie, nahtlose Wechsel in der Führungsarbeit und mit Vollspeed geht es vom Fjäll hinab nach Dombas. Nach der rasenden Abfahrt hab ich so kalte Finger, daß ich nicht einmal mehr schalten kann, den Kaffeebecher an der Verpflegung muss ich zwischen die Unterarme klemmen. Ole macht mir wie ´nem Kind Helm und Jacke zu und weiter geht´s. Es wird wärmer, die Sonne kommt raus, wir fliegen mit einem 35er Schnitt dahin und es dauert nicht lange, da koche ich unter meinem 4 Schichten im eigenen Saft, bald reißen wir alles runter – endlich wieder frische Luft, Atmen, Kühlung, Sonne, Lebensenergie und volles Tempo. In Lillehammer sind 300 km erreicht.

Im Vorfeld habe ich mir immer vorgebetet, daß bei 300 erst die Hälfte geschafft ist. Angeblich ist das theoretisch, psychologisch und renntaktisch besser. Funktioniert in der Praxis natürlich überhaupt nicht, sondern es spielt sich folgender innerer Dialog ab:

„Cool, das sind ja nur noch 255 km! Das hab ich doch schon x mal gefahren, das sitz´ich auf einer Arschbacke ab! Kinderkram!“

„Hattest Du da schon 300 km in den Beinen?“

Elfen und Trolle zerren von rechts und links an meinem Hirn.

„Alder, Dir tut doch nix weh! Dein Puls schlägt lächerlich ruhig und Ihr rollt mit 30 Sachen dahin, alles cool! Tu einfach so, als sitzt Du die nächsten 10 Stunden auf dem Sofa rum!“

„Was? 10 Stunden rumsitzen? Da dreh´ich ja durch! Da fahr ich dann doch lieber Fahrrad!“

In der Psychologie nennt man so was Konfusionstechnik, ressourcen- und lösungsorientierte Krisenintervention ohne messbares Ergebnis.

Während ich so an mir rumtherapiere, nähert sich das Ortsschild von Lillehammer, ein Highlight auf der ansonsten „wenig die Sinne stimulierenden Strecke“ (ein Euphemismus oder wie man das nennt). Kurz darauf eine Baustelle, dann eine UM-LEI-TUNG. Wer sich erinnert, daß in Lillehammer mal Winterspiele stattgefunden haben und dieses Nest eingequetscht zwischen einem See und dem Berghang liegt, kann sich ungefähr vorstellen, was das heißt:

Rauf. Runter. Rauf. Runter.
End-los. Gna-den-los.

Ich weiß jetzt endlich, woher der Name Lille-HAMMER herkommt. Die Stimmung wackelt plötzlich so ein bisschen komisch. Am lautesten mault Rainer, der auch bald darauf die ersten Anzeichen von Blaufärbung aufweist. Zum Glück kommt bald der nächste Freß-Stop, wo uns Ole´s Schatz Chrissi und ihre Mama Hannelore herzlich empfangen. Das Lächeln friert ihnen etwas ein, als sie unsere Gesichter sehen. Mit ihrem phantastischen Buffet, das sie vor dem Campingbus aufgebaut haben und mit rührenden aufmunternden Worten haben sie uns aber bald wieder „auf Kurs“. Ein Geschenk des Himmels, sogar das norwegische Fernsehen kommt und filmt diese herzzerreißende Szene. Und plötzlich rollt es wieder!

Oslo naht, die Kilometer purzeln, der Akku vom Pulsmesser hat längst abgeschaltet, das Hirn auch, alles fließt nur noch, ich spüre nichts, ein – ausatmen, ziehen –drücken, weiter, weiter. Es rollt uns.

Ein weiterer Radfahrer schließt sich uns an, er heißt Jörg oder so. Hat ´ne ziemlich große Klappe, hält sich für supercool, kann aber zum Glück gut radfahren. Soll uns recht sein, denn Rainer kann seit geraumer Zeit nicht mehr führen, also lassen wir diesen Superburschi ruhig mitarbeiten.

Oslo ist erreicht – haben wir gedacht! Nur noch 50 km! Wir schalten die Garmin GPS Geräte ein, um nicht versehentlich die Strecke zu verfehlen. Somit wird uns leider graphisch vor Augen geführt, was für eine schwachsinnige Streckenführung hier zu unserer Zermürbung gewählt wurde. Es geht im Zickzack hoch und runter über sage und schreibe 1.000 HM auf den letzten 50 km. Rainer wird immer langsamer, Ole radelt an jedem Berg neben ihm her und flötet ihm irgendwelche Beschwörungsformeln in´s Ohr. Wahrscheinlich erzählt er ihm vom Zieleinlauf, von Sambabands, einer völlig entfesselten Zuschauermenge, von blumenbekränzten nordischen Schönheiten, die uns vom Rad helfen, von Füllhörnern mit süßem Met und solchen Sachen. Auf jeden Fall wollen wir gemeinsam ins Ziel, haben wir doch die letzten 450 km zu viert in Eintracht gekämpft.

Als wir auf die Zielgerade einbiegen die nackte Ernüchterung:

Ein trostloser Torbogen an einem abgelegenen Bolzplatz, weit und breit keine Sambaband, keine nordischen Jungfern.

Dieses magische Kribbeln, das einem eigentlich nach monatelanger Vorbereitung beim Anblick des langersehnten Zieles eiskalt den Rücken runter läuft und mitunter die Tränen in die Augen treibt, es ist nicht da.

Zum Glück sind Chrissi und Hannelore da, die einzigen Zuschauer, freudestrahlend empfangen und gratulieren sie uns. Ole und ich überqueren Arm in Arm die Ziellinie und die Uhr bleibt bei 22 Stunden und 53 Minuten stehen. Aus einem Pappkarton bekommen wir dann noch eine Medaille, wir trinken 2 Bier und alles ist gut.

Stolz streifen wir die T-Shirts über und jetzt endlich prangt der gelbe Schriftzug auf unserer Brust:

STYRKEPRØVEN 2015

Wir haben´s geschafft!

Kommentiere den Artikel

Bitte trage Deinen Kommentar ein!
Bitte trage Deinen Namen hier ein

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .