Ein verheerender Trainingsunfall in Spanien hat die Saisonplanung von Giant-Alpecin völlig über den Haufen geworfen. Sprinter Nikias Arndt spricht im exklusiven ilovecycling.de-Interview mit Joscha Weber über die Folgen des Crashs, persönliche Ziele und den Schritt raus aus dem Schatten von Marcel Kittel.

Nikias-Arndt-full-ilcBei einem Trainingsunfall im Januar im Trainingslager im spanischen Calpe wurden sechs Ihrer Teamkollegen zum Teil schwer verletzt. Wie geht das Team mit den Folgen des Crashs um?

Das war ein Crash, wie ihn niemand miterleben sollte. Das war etwas völlig anderes als ein normaler Sturz im Rennen. Es hätte Tote geben können. Dieser Unfall hat uns alle getroffen. Das Team hat einen Sportpsychologen nach Calpe geschickt, mit dem wir Fahrer jeden Tag über den Vorfall sprechen konnten. Alle, die dabei waren, wurden psychologisch betreut. Wir haben bewusst probiert, das zusammen zu bewältigen. Wir haben die verletzten Fahrer jeden Tag im Krankenhaus besucht, um sie zu unterstützen oder ihnen etwas Leckeres zu essen zu bringen. Ich denke, der Unfall hat uns noch mehr zusammengeschweißt. Wir fühlen uns wie eine Familie und haben uns gegenseitig sehr unterstützt. Der Unfall hat allerdings auch massive Auswirkungen auf die kommenden Monate. Wir müssen unsere Rennplanung ändern, werden bei manchen Rennen nicht vollzählig an den Start gehen können, vielleicht sogar einige Starts komplett absagen müssen.

Sie selbst hatten an diesem Tag Glück…

Das stimmt. Ich war anfangs mit der Trainingsgruppe, die den Unfall hatte, unterwegs, bin dann aber wegen meines Knieproblems früher zurückgefahren. Mir war das Tempo noch etwas zu schnell. Erst später am Tag habe ich erfahren, was den anderen passiert ist. Meine Knieverletzung war an diesem Tag so etwas wie ein Glücksfall.

Die Saison hat auch für Sie mit einem persönlichen Rückschlag begonnen. Sie mussten die Tour Down Under auslassen…

Nikias Arndt: Ja, das stimmt. Ich wollte zu schnell, zu viel. Meine Muskeln haben sich im Aufbautraining gut entwickelt, aber die Sehnen kamen nicht hinterher. Dadurch habe ich eine Entzündung bekommen und musste pausieren. Aber ich denke ich komme langsam auf einen guten Weg.

Eigentlich sollten Sie ja schon um Etappensiege kämpfen. Wie sieht jetzt die weitere Saisonplanung aus?

Nach der Pause mache ich jetzt einen langsamen und vernünftigen Trainingsaufbau, ganz ohne Druck. Teilweise in Deutschland, teilweise auch in Spanien. Nun will ich langsam wieder ins Renngeschäft einsteigen. Wahrscheinlich in Katar und im Oman. Danach stehen Kuurne-Brüssel-Kuurne und Tirreno-Adriatico auf dem Programm. Im Anschluss vermutlich Mailand San-Remo, das ich letztes Jahr wegen einer Verletzung nur im Fernsehen sehen konnte.

Mussten Sie Ihre Saisonziele anpassen?

Meine Ziele haben sich nicht geändert. Der Aufbau hat sich etwas geändert, aber der Rest meines Programms bleibt. Der Giro ist dieses Jahr sicherlich mein Hauptziel.

Etwas hat sich geändert: Sprintkapitän Marcel Kittel hat das Team verlassen. Gemeinsam mit dem nun verletzten John Degenkolb sollten Sie diese Lücke schließen. Lastet jetzt viel Verantwortung auf Ihren Schultern?

Das ist schon richtig. Im Profisport ist es nun mal so, dass Fahrer das Team wechseln. Ich will aber gar nicht die Position von Marcel ersetzen oder in seine Fußstapfen treten. Ich bin ich. Das Team hat einen neuen Sprinter gebraucht und da will ich meine eigene Position aufbauen. Mein Trainer und ich haben viel dafür getan, dass ich mich im Sprint entwickel. Ich will meinen eigenen Weg gehen und vielleicht ja auch schon das eine oder andere Ergebnis einzufahren.

Klingt nach einer großen Chance für Sie…

Definitiv. Natürlich habe ich meine Position jetzt auch ein wenig dem Abgang von Marcel zu verdanken. Aber klar ist auch, dass ich Marcel nicht so einfach ersetzen kann.

Wovon träumen Sie denn in diesem Jahr?

Ich würde sehr gerne mal bei einer Grand Tour auf dem Podium stehen. Das ist mein großes Ziel.

Während Sie sich auf den Sprint konzentrieren, orientiert sich ihr Rennstall Giant-Alpecin immer mehr in Richtung Rundfahrten. Wie finden Sie da ihren Platz in der neuen Team-Strategie?

Ein gutes Worldtour-Team muss breit aufgestellt sein. Es reicht halt nicht mehr, dass wir nur Sprinter haben. Wir haben nun ein sehr ausgeglichenes Team und haben uns für die Rundfahrten verstärkt. Natürlich wird es Rennen geben, bei denen wir gezielt auf Gesamtwertung fahren und der Sprint hinten anstehen wird. Andersherum wird es auch Rennen geben, bei denen der Fokus auf dem Sprint liegt.

Besteht die Gefahr, dass sich das Team mit der neuen Ausrichtung verzettelt?

Ich denke nicht. Wenn man es gut koordiniert und alle dahinter stehen funktioniert das. Der Sprinter muss auch den Klassementfahrer unterstützen und andersherum. Ich denke, dass kann uns sogar stärker machen. Eigentlich ergänzen sich beide Bereiche bei uns sehr gut.

Neben Ihren Sprintqualitäten haben Sie auch gute Fähigkeiten im Kampf gegen die Uhr und sind in dieser Disziplin Vizemeister hinter Tony Martin. Träumen Sie von einer Olympia-Teilnahme im Zeitfahren?

Schwierig. Dadurch, dass der Zeitfahrer auch das Straßenrennen fahren muss und das Straßenrennen wirklich ein sehr schwerer Parcours ist, wird es hart. Aber ich werde sehen, wie sich die deutsche Nationalmannschaft aufstellen will. Wenn Sie auf das Zeitfahren setzen, wäre meine Teilnahme aber sicher eine Möglichkeit. Wenn sie auf das Straßenrennen setzen, müssen definitiv unsere besten Bergfahrer starten.

Das große Highlight des Radsports ist und bleibt aber die Tour de France. Wann dürfen wir dort mit Ihrer Premiere rechnen?

Naja, 2017 wäre doch eine schöne Gelegenheit! Vor heimische Kulisse in Düsseldorf an den Start gehen zu dürfen wäre natürlich klasse.

Was bedeutet der Grand Depart in Düsseldorf denn für den deutschen Radsport?

Ich denke, es ist wieder ein Schritt in die richtige Richtung. Im letzten Jahr die deutsche Lizenz für unser Team und zwei deutsche Rennställe bei der Tour, 2017 der Start in Düsseldorf – ich denke, man sieht, dass der Radsport in Deutschland wieder Rückenwind hat. Ich freue mich auf die Tour in Deutschland  und denke, dass dann auch wieder mehr Sponsoren oder auch Medien in den Radsport einsteigen werden.

Sie gehen in diesem Prozess der Vertrauens-Rückgewinnung sehr weit in Vorleistung und schlagen sogar nächtliche Dopingkontrollen vor. Warum tun Sie das? Ist das nicht ein Eingriff in ihrer Freiheit und Privatsphäre?

Der Radsport war in der Vergangenheit in Verruf geraten. Wir müssen jetzt alles dafür tun, dass der Radsport wieder Vertrauen gewinnt. Am Ende ist es für uns wichtig, dass wir rund um die Uhr kontrolliert werden, damit es keine Schlupflöcher für Betrüger gibt. Wir müssen unseren Sport sauber bekommen.

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Bildnachweise: © CorVos / Team Giant-Alpecin und © Team Giant-Alpecin

JOSCHA WEBER
Joscha Weber ist Redakteur bei der Deutschen Welle und leitet dort den Online-Sport. Nach dem Studium der Kommunikationswissenschaft, Politikwissenschaft sowie der Neueren und Neuesten Geschichte in Münster und Aix-en-Provence arbeitete er unter anderem für den WDR, das ZDF, Phoenix und die dpa. Seit 2004 ist Weber zudem nebenberuflich Mitarbeiter des Tour Magazins. Radsport ist seine Leidenschaft, seit 2001 besitzt er eine Rennlizenz und 2014 wurde er Rad-Weltmeister der Journalisten.