Blutbeutel, gefälschte Kortison-Atteste, Teambuilding im Bordell: Vom leicht beeinflussbaren Nachwuchsfahrer zum geläuterten Veteranen mit dunkler Vergangenheit in den Hinterhöfen des Spitzensports.

Derart schonungslos waren Sportler-Memoiren selten: Es ist ein Peloton völlig außer Rand und Band, das der niederländische Radrennfahrer Thomas Dekker in seiner Autobiografie schildert, wenn er vom Beginn und Scheitern seiner Profijahre beim Team Rabobank erzählt. Saufgelage im Trainingslager und  Besuche von Escort-Damen unmittelbar vor dem Start der Tour de France. Nüchtern routiniertes Blutdoping in anonymen Flughafenhotels. Dynepo-Lieferungen per Paketdienst. Gierige Manager, die jedes Schlupfloch kennen, und Teamleiter, die am liebsten nichts hören und nichts sehen wollen. So ging es laut Thomas Dekker zur Mitte der Nullerjahre im Radrennzirkus zu. Und mittendrin er selbst: ein junger, leicht beeinflussbarer Radprofi, der in allem, was er tut, absolut maßlos ist – und selbstdestruktiv bis ins Mark. Als im Herbst 2016 die niederländische Ausgabe seiner Autobiografie erschien, löste sie kontroverse Diskussionen aus: so ungemein offenherzig erzählt Thomas Dekker von den Exzessen seiner Radsport-Generation, so unerhört hart geht er mit sich selbst und anderen in Gericht – sei es mit seinem Kindheitsidol und späteren Teamkollegen Michael Boogerd oder seinem Manager Jacques Hanegraaf. Jetzt erscheint im Covadonga Verlag die deutschsprachige Ausgabe dieses bemerkenswerten Buches, das in Zusammenarbeit mit dem Journalisten und ausgewiesenen Radsportkenner Thijs Zonneveld entstanden ist: »Thomas Dekker – Unter Profis«.

Dank seines außergewöhnlichen Talents erlebte Thomas Dekker als junger Rennfahrer einen kometenhaften Aufstieg und galt schon als große Hoffnung einer radsportbegeisterten Nation auf ihren ersten Tour-de-France-Sieger seit Jahrzehnten: In den Nachwuchskategorien führte er die Weltrangliste mit deutlichem Vorsprung an; früh ergatterte er einen Profivertrag bei Rabobank, seinem Traumteam; noch als Praktikant, als Stagiare, gewann er Etappen bei den Profis. Bald folgten die ersten großen Siege: Tirreno–Adriatico oder die Tour de Romandie. Aber es ging ihm nicht schnell genug, es ging Thomas Dekker nie schnell genug. Er wollte mehr. Mehr Siege, mehr Geld, mehr Frauen. Bald kannte er keinerlei Maß mehr – nicht beim Doping, nicht bei seinen Sex- und Alkoholeskapaden.

Thomas Dekker hielt einfach nicht inne. Nicht als das Netzwerk des spanischen Arztes Eufemiano Fuentes aufflog, in dessen Gefrierschrank unter dem Codenamen »Clasicomano Luigi« noch Blutbeutel von ihm lagerten. Nicht als die Welt eine erneute Skandal-Tour erlebte, bei der sein Kapitän Michael Rasmussen im Gelben Trikot aus dem Rennen genommen wurde. »Das Team verändert sich, der Radsport verändert sich, aber ich verändere mich nicht«, konstatiert Thomas Dekker. Erst als die Nachkontrolle einer alten Urinprobe ihn des Blutdopings überführte, geriet sein Leben mit Vollgas aus der Bahn. Was folgte, war ein tiefer Fall. Und ein langer, nahezu aussichtsloser Kampf zurück in die Weltspitze, aber vor allem ein zerstörerischer Kampf mit sich selbst und seinen Dämonen. Es dauerte noch Jahre, bis Thomas Dekker all die Lügen satt war, und versuchte, mit sich selbst ins Reine zu kommen: »Sein Dopinggeständnis kam bruchstückhaft. Wie er seinen Kurs änderte, wie er vom alten zum neuen Radsport beidrehte, hatte etwas von einem Supertanker: Es vollzog sich so langsam, dass man manchmal gar nicht merkte, dass er sich überhaupt bewegte«, analysiert Co-Autor Thijs Zonneveld.

Als Anfang 2013, während eines langen Interviews für eine Artikelserie im NRC Handelsblad über das Doping bei Rabobank, den Kundenkreis von Doktor Fuentes und den Missbrauch von Kortison-Attesten, erstmals die Idee für dieses Buch zur Sprache kam, habe im entscheidenden Punkt jedoch gleich Einigkeit geherrscht. »Für uns beide gab es eine Bedingung: Wenn wir seine Geschichte erzählen würden, dann mussten wir alles erzählen. Keine Hintergedanken, keine Schönfärberei, keine Ausreden – nichts als die bittere Wahrheit.« Thomas Dekker und Thijs Zonneveld haben Wort gehalten: »Brutal ehrlich« – so brachte zum Beispiel das Radsportportal Cycling News die besondere Qualität ihres gemeinsamen Buches auf den Punkt. Und so fand es im Frühjahr 2017 auch Aufnahme auf die Shortlist des Nico Scheepmaker Beker, mit dem in den Niederlanden das Sportbuch des Jahres ausgezeichnet wird. Die Begründung der Jury: »Thijs Zonneveld liefert einen außergewöhnlich direkten, überaus konfrontativen Einblick in den Körper und die Seele des Radrennfahrers Thomas Dekker, der inmitten vieler Versuchungen einen Kampf gegen sich selbst führt. Die Geschichte offenbart, wie der Sportler den Versuchungen von Doping, Sex und Verschwendungssucht erlag. Weiterhin liefert sie einen erhellenden Blick hinter die Kulissen der Radsportwelt zu Beginn dieses Jahrhunderts. Zonneveld zeigt die Spannungen zwischen dem öffentlichen Bild und der Wirklichkeit des Spitzensports auf und leistet so hoffentlich einen Beitrag, dass es anderen künftig gelingt, ähnliche Fehler zu vermeiden.«

Thijs Zonneveld, Jahrgang 1980, zählt zu den einflussreichsten Radsportstimmen der Niederlande. Er fuhr von 2002 bis 2008 selbst als Radprofi, heute schreibt er als Journalist für das Algemeen Dagblad und ist zudem als Co-Kommentator und Experte für das niederländische Fernsehen tätig. »Thomas Dekker« ist bereits sein neuntes Buch über den Radsport. Mehr unter: www.thijszonneveld.com

Thomas Dekker, geboren 1984, galt als eines der ganz großen Ausnahmetalente des Straßenradsports, als designierter Sieger der wichtigsten Rennen. Stark in den Bergen und begnadet als Zeitfahrer, fuhr Dekker als Jungprofi gleich zahlreiche Erfolge für das Team Rabobank ein. Doch dann wurde er 2009 bei einer Nachkontrolle von älteren Dopingproben des Dynepo-Missbrauchs überführt. Im Anschluss an seine zweijährige Sperre mühte er sich vergeblich, das alte Niveau zu erreichen. Im März 2015 erklärte Thomas Dekker nach einem knapp gescheiterten Angriff auf den Stundenweltrekord seinen Rücktritt vom aktiven Sport.

Jetzt überall im Buchhandel, bei Amazon. Oder im Covadonga-Shop.

Thomas Dekker mit Thijs Zonneveld:
THOMAS DEKKER – Unter Profis
Covadonga Verlag, 2017
ISBN 978-3-95726-024-6
Taschenbuch; 224 Seiten im Format 21 cm x 13,6 cm
Ladenpreis: EUR 14,80 [D]
erscheint: 30. Juni 2017
Auch als E-Book erhältlich (ISBN 978-3-95726-025-3).

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