Es ist geschafft! Die Eurobike 2017 ist Geschichte und gleichzeitig neigt sich die Radsaison dem Ende zu. Aber was ist eigentlich in den letzten Tag so passiert und vor allem, was kommt 2018? Erstmalig konnte ich in diesem Jahr die Eurobike aus 3 Perspektiven sehen und bewerten:

  1. aus der Sicht eines Pressevertreters (ilovecycling.de)
  2. aus der Sicht eines Ausstellers (Lightweight)
  3. aus der Sicht eines Besuchers am Publikumstag (Jörg Lachmann)

Ich möchte diesen Artikel nicht nutzen um noch einmal auf viele tolle und neue Produkte einzugehen, sondern um auch einmal ein paar kritische Bemerkungen loszuwerden. Produktvorstellungen werden Euch in den nächsten Wochen eh verfolgen … auf allen möglichen Kanälen … also widme ich mich mal anderen interessanten Themen.

Aber erst einmal ein paar Fakten zur abgelaufenen Messe aus Sicht der Eurobike-Messeleitung:

Die Eurobike bleibt die sichere Anlaufstelle für die internationale Fahrradwirtschaft: 42.590 Fachbesucher (2016: 42.720), 1.654 Medienvertreter und 22.160 Fahrradfans am finalen Eurobike Festival Day reisten aus 101 Ländern zur weltgrößten Bikemesse an den Bodensee, um sich auf dem komplett belegten Messegelände bei 1.400 Ausstellern aus 50 Ländern über Radpremieren, neue Ausrüstung und künftige Dienstleistungen der globalen Fahrradbranche zu informieren. „Die Eurobike 2017 war mit einer hohen Intensität des geschäftlichen und fachlichen Austausches ein großer Erfolg. Für viele Kunden ist sie der wichtigste Treffpunkt und ein einzigartige Möglichkeit, mit Entscheidungsträgern aus aller Welt zu sprechen“, bilanziert Klaus Wellmann, Geschäftsführer der Messe.

Die große Zahl an Fahrradpremieren und Neuheiten haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Die Fachhändler aus dem In- und Ausland honorierten die innovativen Konzepte in allen Segmenten. Bereichsleiter Stefan Reisinger erklärt: „Wir sind mit dem Messeverlauf zufrieden, auch wenn sich nach einem sonnigen Start viel Regen breit machte. Mit erneut hochkarätigen Besuchern im absatzstärksten Raum Europas bleibt die Eurobike ein Garant für gute Kontakte und Geschäfte sowie ein verlässliches Schaufenster für die Branche.“  Auf einem konstant hohen Niveau von 62 Prozent reisten die Gäste in diesem Jahr aus dem Ausland zur Eurobike nach Friedrichshafen.

Die Messeorganisatoren freuen sich weiter über breite Zustimmung am künftigen Eurobike-Konzept. 2018 findet die Eurobike von Sonntag, 8. Juli bis Dienstag, 10. Juli 2018 statt und richtet sich durch die frühe Terminierung ausschließlich an das Fachpublikum. Als Neuheitentest für alle sportiv ausgerichteten Komplettbike-Hersteller finden direkt vorgelagert die etablierten Eurobike Media Days vom 4. bis 6. Juli 2018 in der Tiroler Ferienregion Serfaus-Fiss-Ladis statt. Als Zwischentag wird der 7. Juli mit individuellen Zielgruppenansprachen – von Kongressen, Test-Events, Media Launches bis hin zu Closed Door-Meetings – belegt.

Ist das so?
… Und wohin führt der E-Wahnsinn?

Bis hierhin sollen die Fakten genügen, aber ist das alles wirklich so gewesen? Ich persönlich bin aus Sicht eines Radsport-Medienvertreters und aus Sicht eines Radsport-Besuchers mehr als enttäuscht. Warum das so ist will Euch natürlich nicht vorenthalten. Habe nach den ersten Metern in den Hallen gedacht, dass ich ilovecycling.de demnächst wohl in “ilove(e)cycling.de” umbennen sollte, denn das Thema des elektrischen Antriebs verfolgte mich regelrecht von Halle zu Halle. Grundsätzlich bin ich dem Thema sehr aufgeschlossen, dennoch wird es in meinen Augen so langsam aber sicher übertrieben. Sinken die Verkaufszahlen bei einigen Produkten, dann verbaut man einfach einen E-Antrieb um wieder mehr Stückzahlen zu verkaufen, so oder ähnlich sehen das wohl einige Produktmanager. Dabei kommt es dann zu wahnwitzigen Konstruktionen und Kombinationen, selbst Tretroller werden schon mit E-Antrieben ausgestattet. Wofür manche Produkt mit E-Antrieb gebraucht wewrden, erschliesst sich mir häufig nicht.

Fehlende Topmarken

Natürlich waren auch zahlreiche Radhersteller mit herkömmlichen Antriebskonzepten in den Hallen vertreten, aber eben nicht alle. Viele namhafte Hersteller haben in diesem Jahr die Messe gemieden und eigene Events und Hausmessen ins Leben gerufen. Das muss natürlich jeder Hersteller für sich selber entscheiden. Was in meinen Augen aber überhaupt nicht geht, ist die Messe und deren Umfeld für diese “eigenen” Events zu nutzen. So geschehen zum Beispiel bei Canyon, die ein Schloss in der Nähe der Eurobike gemietet haben aber auch bei Cannondale, die sich mal ein paar Meter von der Messe entfernt bei einem Fahrradhändler positioniert haben. Für mich ein absolutes NoGo!!!

Aus meiner Bloggersicht und auch aus Verbraucher-/Käufersicht auch nicht mehr nachzuvollziehen, denn ich habe immer die Eurobike-Messe genutzt um mir ein Gesamtbild vom Radsportmarkt machen zu können. Leider funktioniert das nicht mehr, denn in der Theorie müsste ich meinen Job aufgeben, um alle Hersteller-Events und Hausmessen im Laufe des Jahres besuchen zu können. Die Terminüberschneidungen sind aber auch nicht lösbar, denn ich kann mich ja nicht teilen. Danke liebe Radindustrie.

Folgende Pressemitteilung der Messeleitung bringt mich als Verbraucher aber fast um den Verstand: “Die Messeorganisatoren freuen sich weiter über breite Zustimmung am künftigen Eurobike-Konzept. 2018 findet die Eurobike von Sonntag, 8. Juli bis Dienstag, 10. Juli 2018 statt und richtet sich durch die frühe Terminierung ausschließlich an das Fachpublikum.”

Auf dem Foto von links: Dirk Heidrich, Eurobike-Projektleiter, Klaus Wellmann, Geschäftsführer der Messe Friedrichshafen und Stefan Reisinger, Eurobike-Bereichsleiter

Danke liebe Messeleitung

… der Publikumstag ist also gestrichen und ich bin also nicht willkommen. Aha, gut zu wissen. Über 22.000 radbegeisterte Menschen in diesem Jahr mit einem Eintrittsgeld von ca. 300.000 € sind also nicht erwünscht. Selbstverständlich freut sich jetzt auch die ganze Bodenseeregion über die wegfallenden Einnahmen aus dem Messetourismus. Aber auch die Gastronomen auf der Messe selbst leben ja Gott sei Dank nicht von den Einnahmen. Wie ich ja schon am Anfang geschrieben habe, war ich ja auch als Aussteller mit Lightweight auf der Messe, und wir vom gesamten Team haben den direkten Kontakt gerade zu den Endverbrauchern sehr geschätzt und auch genutzt. Viele interessante Gespräche haben wir auf dem Stand führen dürfen, mit vielen alten aber auch neuen Erkenntnissen. Für uns als kleiner Hersteller ist auch Kundennähe sehr wichtig, wir möchten erlebbar und authentisch sein, der Endkunde darf und soll auch mit uns in Kontakt treten dürfen. Aber das sieht die Messeleitung wohl anders, warum auch immer?

Leere Messestände
und störende Besucher

Schon in diesem Jahr hat man am Publikumstag alles dafür getan, um den Besucher zu vergraulen. Warum? Ich will es kurz aus meiner persönlichen Sicht schildern. Viele nehmen eine weite Anreise in Kauf, natürlich mit Stau, Parkplatzsuche und einem Eintrittspreis von 14 Euro. Hat man es endlich geschafft, dann erwartet einen ein straffes Programm, wenn man denn alle Halle besuchen will. Selbstverständlich will man ja was sehen für sein Geld und zur Mittagszeit wird sich noch einmal gestärkt, was auch wieder Geld in die Kassen der Eurobike und der Gastronomie spült. Gut gestärkt macht man sich dann auf den Weg zur zweiten Halbzeit. Aber halt, was passiert da ab ca. 15 Uhr … man steht vor nicht besetzten Ständen oder das Standpersonal sitzt bereits beim Feierabendbierchen auf dem Stand. Das geht ja noch, aber die grösste Frechheit ist, dass viele Stände bereits abgebaut werden oder alle Produkte schon entfernt wurden.

Ich selbst bin sehr erschrocken durch die Hallen gelaufen und war mehr als empört, habe ich nicht Eintritt bezahlt und stand nicht da nicht auf der Karte bis 18 Uhr? Ein kritischer Blick auf die Eintrittskarte bestätigte das auch noch … aber warum bauen dann alle schon ab? Bin ich als Endverbraucher nicht mehr wichtig? Da fällt es mir doch glatt wieder ein … ich bin ja der, der die Zeche am Ende zahlt … ich bin ja Käufer der Produkte. Ohne mich als Endverbraucher würden die ja hier nicht einmal den Messestand bezahlen können. Und teilweise musste man sich noch anpöbeln lassen, dass man im Wege stehen würde. Da bitte ich doch glatt an dieser Stelle um Entschuldigung, ich bin ja lediglich NUR Kunde und Käufer. Warum die Messeleitung da nicht einschreitet ist mir ein Rätsel.

Ihr könnt gewiss sein, ich habe mir diese sogenannten Markenhersteller gut gemerkt und werde garantiert keinen Euro mehr in deren Produkte investieren!!!

Ich selbst und mein Messeteam waren auf unserem Lightweight-Stand bis kurz nach 18 Uhr noch in Kundengeprächen vertieft und haben sogar mit einigen Besuchern zum Abschluss noch ein gemeinsames Bierchen getrunken. Das nennt man Kundennähe!!! Übrigens waren wir mit dem diesjährigen Messeergebnis aus Herstellersicht mehr als zufrieden, aber ob wir im nächsten Jahr noch teilnehmen steht wie bei vielen anderen Herstellern noch in der Schwebe, das ergaben auch zahlreiche und intensive Gespräche mit anderen Ausstellerkollegen. Das Abfeiern der Messeleitung bezüglich des nächstjährigen Termines im Juli habe ich leider in keinem Gespräch so euphorisch wiedergespiegelt bekommen. Die Meinungen waren eher sehr zurückhaltend und abwartend. Aber es liegt sicherlich an mir und meiner schlechten Vernetzung, spreche halt immer mit den Falschen. 😉

Tour de France und Eurobike

Der von der Messe vielumjubelte Termin Anfang Juli erstaunt mich aber auch aus einem anderen Grund, da nur einen Tag vorher die Tour de France startet und sicherlich viele Hersteller, Distributoren, Händler, Medienvertreter und andere Vertreter der Radsportindustrie dort verweilen werden. Und für einen Hersteller soll die Messe mitten in der Saion was bringen? Neue Produktvorstellungen für das kommende Jahr mitten in der Saison? Wohl nur interessant für Kontakte zu internationalen Distributoren und Importeure. Was soll also dort präsentiert werden? Und wieviele Händler haben in der Hochphase der Saison überhaupt Zeit für einen Messebesuch in Friedrichshafen. Zu der Zeit wird im Handel das Geld verdient. Wie auch schon heutzutage üblich werden die Eintrittskarten dann doch vom Händler an gute Kunden weitergegeben und die gemachten Fotos von den “Neuheiten” landen dann mitten in der Saison auf allen möglichen Social-Media-Kanälen. Ob das den Verbraucher wirklich animiert in den letzten 5 Monaten des Jahres noch etwas beim Händler zu kaufen, wenn man schon weiss, was im Frühjahr dann an Neuigkeiten kommt? Also, ich würde dann eher auf die Neuprodukte warten. Und ausserdem herrscht am Bodensee zu der Zeit die Hochsaison des Tourismus, man darf also gespannt sein, wieviele Hotels und Pensionen überhaupt bereit sind, für einen kurzen Zeitraum Zimmer zu vermieten. Und wenn, zu welch horrendem Preis. Über das Verkehrschaos möchte ich überhaupt nicht nachdenken … Tourismus vs. Messe. Ich freue mich schon jetzt auf die lange Zeit im Stau.

Fazit

Jetzt habe ich mal versucht, Euch die Messe aus drei persönlichen Blickwinkeln rüberzubringen und ich hoffe, das ist mir gelungen. Sicherlich ist das mal ein sehr ungewöhnlicher und auch persönlicher Bericht zu einer sonst sehr erfolgreichen Messe, aber es war auch mal nötig, klare Worte zu finden. Ich glaube persönlich, dass die Eurobike gerade auf einem ganz schwierigen Weg ist. Konzeptionell als auch strategisch muss da noch einmal einiges überdacht werden, sonst wird es vielleicht eines Tages die von mir und auch vielen anderen radbegeisterten Menschen so geliebte Eurobike in der jetzigen Form nicht mehr geben … und das wäre mehr als schade!!! Wie gesagt, es handelt sich hier um meine persönliche Meinung … natürlich interessiert mich auch Eure Meinung dazu. Freue mich also auf Eure Kommentare zu diesem Thema.

Impressionen von der Eurobike 2017

Bildnachweise: EUROBIKE Friedrichshafen (Diverse Fotografen) und Jörg Lachmann

JÖRG LACHMANN
Ich bin ein kreativer, konzeptionsstarker und querdenkender Vollprofi in allen Bereichen des On- und Offline-Marketings (B2B/B2C) . . . und somit (wie wohl auch nicht anders zu erwarten) beruflich als Marketing- und Vertriebsleiter bei der Firma CarbonSports (Lightweight) angestellt. Da ich schon seit vielen Jahren dem Hobby Radsport verfallen bin, habe ich mich im April 2014 dazu entschlossen, das Online-Magazin "ilovecycling.de" mit „Herz” und vielen nützlichen Themen, Infos, Tipps und Tricks rund um den Hobby- und Jedermann-Radsport ins Leben zu rufen . . . und das alles ohne jegliches finanzielles Interesse! ;-)

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