Paracyclist Jan Wiedemann ist seit seinem schweren Motorradunfall im Jahre 1999 – seit dieser Zeit ist sein linker Arm komplett gelähmt – schwerbehindert. Kein Grund für den 43-Jährigen, nicht dem Sport nachzugehen. Heute fährt er gut und gerne 14.000 Kilometer im Jahr auf seinem Rad und bewältigt dabei etwa 200.000 Höhenmeter. 

In seinem folgenden Artikel lässt er uns an seiner diesjährigen Ötztaler-Herausforderung teilhaben.

Große Wellen hatte die Nachricht geschlagen, dass der bereits angereiste italienische Seriensieger und Top-Favorit, Roberto Cunico (Team Beraldo), nicht starten durfte, da er beim Granfondo in Sestriere positiv auf Doping getestet worden war. Demonstrativ hatte ich mich darum auch zur Vorab-Bühnenshow am Samstag neben Skisprung-Legende Andi Goldberger im T-Shirt mit der Aufschrift „Echte Kerle dopen nicht“ gezeigt.

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Kaltes, Klares Wasser

Die Grillen grillen mich aus dem Schlaf (diesmal sind sie es wirklich). Ich will aufstehen, doch dies gestaltet sich vorerst schwierig, da mein gesunder Arm auf Grund der letzten Liegeposition ebenfalls eingeschlafen ist. Es duftet nach frisch gemähtem Gras, das wie ein großer Teppich hinter unserer Pension auf dem Wiesenboden liegt. Der reißende Gebirgsfluss will wieder mit seiner Geräuschkulisse einen sinnflutartigen Regen vortäuschen, doch es gelingt ihm diesmal nicht.

Es ist sternenklar, keine Wolke am Himmel und die Temperatur ist bereits morgens um 5 im zweistelligen Bereich. Ich mag es kaum glauben – sollte ich wirklich den Ötztaler Radmarathon bei Traumwetter fahren können? Die letzten beiden Male war das Wetter dermaßen abartig und jetzt… Sonne… gar Hitze? Diesmal stellte sich nicht die Frage nach Überschuhen, Regenjacke und wasserfesten Handschuhen… Nein, diesmal konnte ich mich fast nicht entscheiden, ob ich meine hauchdünne Windweste überhaupt mitnehmen soll.

Beim Frühstück sind alle gut drauf. Gut geschlafen hat aber wohl keiner. Die übliche Aufregung… Wir rollen zur Startaufstellung. Um uns herum die gut gelaunte Meute. Keine Regencapes, übergestülpte Mülltüten oder sonst irgendwelche seltsamen, vermeindlich wasserabweisende Fantaste zu sehen.

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Der Start

Es geht los und wir rollen durch Sölden. Das Feld zieht sich gleich auseinander und ich komme gut voran. Alle fahren diszipliniert und es kommt zu keinen Zwischenfällen (ich mache jedesmal 3 Kreuze, wenn ich in Oetz bin). Mit persönlicher Bestzeit erreiche ich Oetz und biege direkt in den Anstieg zum Kühtai ein. Das lästige, zeitraubende „Jacke an, Jacke aus-Spiel“ entfällt ja dieses Mal.

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Kühtai

Wie immer kommt es am Anfang zu einer leichten Stauung. Einige Heißsporne wollen unbedingt überholen… Es gelingt ihnen nicht wirklich. Schön gleichmäßig fahre ich die max. 18% da hoch und kann mich an ettlichen Fahrern vorbeischieben. Ich fühle mich gut und kann die Verpflegungsstation getrost auslassen. Das spart ’ne Menge Zeit und zack… ein paar Hundert Plätze gut gemacht. Nachdem ich die letzten beiden Jahre jedesmal weit über 11 Stunden auf dem Rundkurs zugebracht hatte, war mein primäres Ziel, dieses Jahr unter 11 Stunden zu bleiben. Insgeheim liebäugelte ich natürlich mit einer Zeit von unter 10 Stunden. Ich liege gut in der Zeit und fahre moderat die sehr gefährliche und steile Abfahrt nach Kematen runter. Wie immer verliere ich hier ettliche Plätze, aber ich will kein Risiko eingehen. Zu groß die Gefahr, dass der gelähmte Arm vom Lenker fällt.  Einige Kamikaze-Fahrer schießen mit weit über 100 Sachen an mir vorbei… Wahnsinn.

Ich höre einen Knall… Ein Stück vor mir ist jemandem der Vorderreifen geplatzt. Sein Sturz sah dramatisch aus. Er überschlug sich und rutschte über die Straße… In der Nähe war gerade ein Krankenwagen, der ihm auch schon zu Hilfe eilte. Sofort nehme ich Tempo raus… Denke an Frau, Kind und Mops. Ich fahre langsamer, schließlich geht es hier um nichts und gewinnen werd ich das Ding eh nicht.

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Brenner

Bis Innsbruck sammelt sich eine große Gruppe zusammen, in der ich auch bis zur Passhöhe am Brenner bleibe. Ich könnte zwar tendenziell ein paar km/h schneller fahren, aber erfahrungsgemäß macht es mehr Sinn sich hier etwas im Windschatten auszuruhen und „mitzuschwimmen“. Da ich meine eigene Verpflegungsstation in Form meines Bekannten „Hannes“ kurz vor der Passhöhe hatte, konnte ich wiederum die Laabestation „rechts“ liegen lassen.  Hannes und Katrin stehen am verabredeten Treffpunkt…  Getränke, Banane… „Hannes anschiiiiieben…“ und dann an der Laabestation vorbeirauschen, an der es von durstigen und hungrigen Genossen nur so wimmelt. Die Abfahrt bis Sterzing gestaltet sich eher unspektakulär. Ich rolle im Windschatten einer großen Gruppe ins Tal. Verfassung… noch Hervorragend!

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Jaufenpass

So… Am Fuße des Jaufenpasses schlug so ziemlich bei jedem schonmal der erste Hammer zu. Die Temperaturen stiegen und es fiel vielen schon sichtlich schwerer, als an den beiden vorangegangenen Anstiegen. So auch mir.  Ich finde mich am Ende einer größeren Gruppe und kann dieser nur mit Mühe folgen Letztendlich muss ich „reißen“ lassen und fahre mein Tempo.

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Das LEIDEN beginnt…

Ich quäle mich bis zur Laabestation. Hier stoppe ich das erste Mal um mich zu verpflegen. Ein Becher Nudeln, Melone und Trinkflaschen füllen. Weiter bis zur Passhöhe. Augen links… Aussicht… wuaaaah…. weiter. Die Abfahrt nach St. Leonhard ist für mich erfahrungsgemäß wieder eine Tortur und die üblichen Schmerzen gesellen sich bald in meine Hand und dem rechten Arm, der ja bekanntlich zwei Räder mit einem Hebel bremsen muss. Aber es ist trocken und die Bremswirkung der Felgen um eiiiiiniges besser, als bei Nässe. Trotz der Schmerzen komme ich für meine Verhältnisse schnell nach unten. Es wird von Kilometer zu Kilometer wärmer und in St. Leonhard zeigt mein Computer 38 Grad Außentemperatur an.

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Timmelsjoch

Mit eben diesen 38 Grad geht es in den laaangen Anstieg zum Timmelsjoch. Jetzt ist auch das letzte bisschen Kraft in den Oberschenkeln „verdampft“ und ich schraube mich Meter um Meter nach oben. Alles glüht… Kopf, Haut, Fußsohlen…. Anwohner stehen mit Gartenschläuchen bereit und spritzen uns im Vorbeifahren nass. Ich lasse mir sogar den Schlauch mal kurz in den Helm stopfen… Eine Wohltat. Der Wasserverbrauch steigt enorm und ich muss jeden Tropfen, der sich mir bietet mitnehmen. Sei es aus Wasserfässern von bereitgestellten Anhängern oder aus kleinen, aus dem Berg sickernden Quellen. Jeder Schattenplatz wird heiß umkämpft, in jedem Tunnel kurz angehalten um etwas abzukühlen. Und ja, ich wünschte mir hier sogar den Regen herbei. „Jetz, wuus rechn sull…rechnds nier, hä…“ sag ich zu meinem Nebenmann… er versteht mich nicht und stiert auf den klebrigen Asphalt. Viele schieben oder liegen in den Kehren auf den Steinmauern. Irgendwie schraube ich mich nach oben. Ich bemerke auch hier die atemberaubende Landschaft, deren „View“ mir ja bisher verwehrt war. Mein Trikot verfärbt sich weiß… Salz… vom Schweiß. An der Laabestation Schönau halte ich an und gebe mich erneut kurz einer kühlen Dusche hin. Ettliche Mitstreiter sitzen hier im schattigen Wald oder liegen auf Massagebänken. Ich fahre weiter und erklimme den Tunnel, der das Ende des Leidens besiegelt. Völlig erschöpft rolle ich über die Kontaktschleife am Timmelsjoch… Piep…

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„Da hast du deinen Traum…“

steht auf dem großen Banner, der über der Straße im Wind hin und her wedelt.Jetzt geht es rasant bergab. Kehre, beschleunigen, anbremsen, Kehre. Ich werde mit über 88 km/h geblitzt. Mehr traue ich mir nicht zu, mehr will ich auch gar nicht! Den kleinen giftigen Gegenanstieg nochmal fix mit dem größten „Ritzel“ wegdrücken „smile“-Emoticonund dann bergab, nur noch bergab bis Sölden. Natürlich komme ich auch hier gut runter und rolle euphorisch ins Tal. Wenn ich da ans Jahr zuvor denke…  „Kälte, Nebel und peitschender Regen, der sich wie Nadelstiche auf der Haut anfühlte begleitete mich bis Sölden.“ Sölden gleicht einem großen Volksfest.

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Leute jubeln und rufen

An unserer Pension stehen die Damen des Hauses mit einer riesigen Kuhglocke, die sie selber kaum schütteln können. Ich höre mehrmals meinen Namen…

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Ziel…

Sofort habe ich ein Mikro im Gesicht. Der Mensch, der das Mikro hält ist kein geringerer, als Othmar Peer (the ultimative Moderator, ever). Er wusste meine Zeit vom Vorjahr genau und gratulierte mir zu meiner neuen Bestzeit. Ich drehe mich um und schaue zur Uhr. 10:27h Brutto. 1 Stunde und 10 min schneller als im Jahr zuvor. Primäres Ziel erreicht!  Othmar interviewt mich und ermutigt mich zur Unterbietung dieser Zeit im nächsten Jahr. Die Leute klatschen und zeigen mir den Daumen. Bereits am Vorabend durfte ich im Abendprogramm auf die Bühne und etwas über mich und wie ich einarmig den Ötztaler fahre berichten. Neben mir stand Andi Goldberger (Ex-Skispringer).  Ein klasse Gefühl und Angesichts der Tatsache, dass das Thema Doping gerade sehr present ist, auch ein feiner Schachzug, mal einen Paracycler auf die Bühne zu stellen.

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Es ist mir nämlich sehr wichtig zu zeigen, was ein behinderter Mensch im Stande ist zu leisten und ich möchte auf diesem Wege auch „Gleichgesinnte“ dazu motivieren  sich aufzuraffen und sich nicht gehen zu lassen. Für Tipps und Anregungen stehe ich Euch jederzeit zur Verfügung. Auch an dieser Stelle wieder der Aufruf an alle, die mich unterstützen wollen. Ihr könnt euch gerne bei mir melden. Denn auch 2016 stehen wieder einige extreme Sachen auf dem Programm.

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https://www.facebook.com/radcore

Bildnachweise: © Sportfotograf und Jan Wiedemann

 

1 Kommentar

  1. Danke für den tollen Bericht über den Ötzi. Ich habe selbst zum ersten Mal teilgenommen
    ( im 2 RR Jahr) Somit konnte ich das Rennen nochmal Revue passieren lassen.
    Anderen Menschen zu zeigen, Mut zu geben, das Sport auch mit Handicap möglich ist und Höchstleistungen zu bringen finde ich persönlich großartig. Toll geschrieben und meinen allerhöchsten Respekt .
    Lg.

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